EMPURIABRAVA, 28.11.2022 - 19:13 Uhr

Zum Tag der „DIADA“: Die Katalanen – eine Nation? Grundlegendes über Katalonien für Gäste (2)

von Dr. Wolfram Janzen
Fortsetzung von gestern

Ein weiterer Streitpunkt ist die Sprachenfrage: „die katalanische Kulturpolitik zeigt eine starke Tendenz, sich abzukapseln und lediglich die eigene Sprache und kulturellen Traditionen zuzulassen.“ (C.C. Seidel, Kleine Geschichte Kataloniens, S. 214) Diese Frage  hat – wie die Nationalitätenfrage - Sprengstoffcharakter in Katalonien und Spanien. Immerhin ist Katalonien ein Einwanderungsland mit vielen Zuwanderern aus dem übrigen Spanien, Südamerika, Nordafrika und den anderen europäischen Ländern. Von den rund 7 Mio. Einwohnern sind ca. 1,5 Mio. Eingewanderte, wobei die Abkömmlinge früherer Einwanderer gar nicht erfasst sind. Von daher versteht man die Bemühungen der Generalitat das Català zu fördern, denn für den Aufbau einer katalanischen Identität, eines Zugehörigkeitsgefühls zur katalanischen Gesellschaft, Geschichte und Kultur ist die Beherrschung der katalanischen Sprache wichtig.

Das ist auch von der Geschichte Kataloniens her zu verstehen, in der immer wieder Versuche gemacht wurden, das Katalanische zu diskriminieren und zu unterdrücken, zuletzt in der Franco-Zeit. Die Förderung des Katalanischen entspricht auch dem Wunsch der alteingesessenen Bevölkerung, die natürlich ihre Muttersprache sprechen und hören will. ( Das Katalanische ist sprachwissenschaftlich eine eigene romanische Sprache mit langer Geschichte - wie das Spanische oder Castellano.)  Andererseits sind die Bemühungen der katalanischen Regierung unter europäischer Perspektive als „verbissen“ (Seidel) und provinziell zu betrachten. Es gibt ja kleinere Länder wie die Schweiz, die mehrsprachig sind und den Aufbau einer einzigen „Nationalsprache“ nicht zu ihrer nationalen Identität zu brauchen scheinen. Die Zweisprachigkeit der Katalanen ( spanisch und katalanisch) ist ein großer Vorteil und könnte als solcher gepflegt und geschätzt werden, wie das ja letzten Endes auch im katalanischen Alltag der Fall ist. Offiziell ist die Sache im Statut so geregelt - was manche Ämter und Amtspersonen nicht immer beachten: „Das Katalanische ist die offizielle Sprache Kataloniens, ebenso wie das Spanische die offizielle Sprache des spanischen Staates ist. Jeder Einzelne hat das Recht, die beiden offiziellen Sprachen zu benutzen, und die Bürger Kataloniens haben das Recht und die Pflicht, sie zu beherrschen.“ Jedenfalls hat das sprachliche „Normalisierungsverfahren“ der Generalitat gebracht, dass das Katalanische in Katalonien wieder fest verankert ist und die Zahl der Sprecher zugenommen hat.

Man kann sagen, dass die Mehrheit der länger im Lande lebenden katalanischen Bürger auf Grund ihrer Geschichte, ihrer Kultur und ihrer Sprache sich als Nation im Sinne einer „Kulturnation“ versteht – obwohl der katalanische Sprach- und Kulturraum über die Grenzen des heutigen Kataloniens hinausgeht. Es besteht das Bewusstsein, sich von den übrigen vielfältigen Gemeinschaften in Spanien zu unterscheiden und der Wille, eine eigene Gemeinschaft zu bilden. Dies auch ohne ein selbständiges Staatswesen und ethnische Einheit.
Ohne Zweifel gehört zu diesem Bewusstsein, auch das Gefühl vergangener geschichtlicher Größe Kataloniens und  jahrhunderterlanger Unterdrückung der katalanischen Eigenarten.
(Vielleicht vergessen manche nationalistischen Katalanen dabei, dass sie auch Jahrhunderte lang mit Spanien verbunden waren und vieles „Spanische“ angenommen haben.)

Die Geschichte – Glorie und Unterdrückung
Die Geschichte hat es Katalonien bisher nie gewährt, ein selbständiger Staat zu werden und Katalonien war auch nie eine fest umrissene Größe. Die historischen Wurzeln Katalonien liegen in der Zeit Karls des Großen, als die Grafschaft Barcelona entstand. Diese erweiterte sich zusehends durch Vereinigung mit anderen Grafschaften der Region (unter Giufre el Pilos/ Wilfred dem Haarigen, gest. 897). Sie trat in Konkurrenz zu den zur selben Zeit entstandenen christlichen Reichen der iberischen Halbinsel. Verbindend war aber die Gegnerschaft zu den arabischen Reichen, die sich in der sog. Reconquista, der Eroberung arabischer Gebiete, manifestierte. Durch Heirat von Raimund Berengar IV., Graf von Barcelona, und der Erbin des Königreiches Aragoniens, Petronila, entstand 1137 die Staatsgemeinschaft „Prinzipat“ Katalonien und Krone Aragonien.
Beide Länder wurden in Personalunion regiert und behielten ihre eigene „Verfassung“. Durch dynastische Verbindungen und Eroberungen dehnte sich die Regierung des Herrscherhauses  bis in das Languedoc, die Provence, die Balearen, Valencia, Sizilien, Sardinien, Neapel, ja Athen und Kleinasien aus. Katalonien/Aragonien wurde zur beherrschenden See- und Handelsmacht des westlichen Mittelmeerraumes, wobei Katalonien die führende Stellung inne hatte. In dieser Zeit kam es auch zu einer Blüte der Wissenschaft, Kunst, Architektur und katalanisch-sprachigen Literatur. Die führte zu einem kulturellen Verbundenheitsgefühl im katalanischen Raum.

1469 heiratete Ferdinand, der Erbe Kataloniens/Aragoniens Isabella, die Erbin Kastiliens.
Mit dem Herrschaftsantritt der „katholischen Könige“ wurden die beiden mächtigsten Reiche der iberischen Halbinsel zusammengeführt.  Vorher war „Spanien“ ein Flickenteppich verschiedener Reiche gewesen. Aber noch gab es kein einheitliches Spanien; die beiden Könige regierten ihre Länder getrennt. Durch die Eroberung des letzten arabischen Königreiches Granada, die Einverleibung anderer iberischer Königreiche, die Eroberung der amerikanischen Kolonien und die Einführung einer zentralen spanischen Inquisition war jedoch ein spanisches Groß- , ja Weltreich, im Entstehen. Die verschiedenen Länder behielten aber ihre eigenen Institutionen und Rechtsverhältnisse. So auch Katalonien, wo die Macht der Stände groß war (Cortes mit dem Ausführungsorgan der Generalitat - aus Adel und Patriziern zusammengesetzt). Dennoch war mit der Vereinigung Kastiliens und Katalonien/Aragons der Beginn einer Zentralisierung und Kastilisierung gesetzt, die sich unter den habsburgischen Königen verstärkte. In den folgenden Jahrhunderten entstand zwar ein eigentliches katalanisches nationales Bewusstsein – vor allem in der Auseinandersetzung der Stände mit der Krone. Das Prinzipat geriet aber zusehends ins politische und wirtschaftliche Abseits und wurde schließlich zum Spielball der großen imperialen Mächte, in erster Linie Spanien und Frankreich. 1659 verlor Spanien/Katalonien im sog. Pyrenäenfrieden seine Nordgebiete, die an Frankreich abgetreten wurden. Die Pyrenäen bilden seitdem die politische Grenze.
Im spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) setzte Katalonien auf die falsche Seite. Es unterstützte den habsburgischen Kronprätendenten Erzherzog Karl gegen den Bourbonen Philipp von Anjou.

Die Rache des Siegers Philipp V. war hart. Am 11. September 1714 musste Barcelona nach langer Belagerung unter der Führung des Ratsvorsitzenden Rafael Casanova kapitulieren. Eine große Zahl der Widerstandskämpfer wurde hingerichtet, unter ihnen der General Moragues, an dem ein grausames Exempel statuiert wurde. Neben der Kirche Maria del Mar in Barcelona befindet sich der ehemalige Friedhof und die Gedenkstätte der Opfer (Les Moreres) – mit „ewiger“ Flamme.  Mit dem königlichen Dekret „Nueva Planta…“ verlor Katalonien seine bisherigen Rechte und die relative Selbstständigkeit. Katalonien wurde zur Verwaltungsprovinz innerhalb eines zentralistisch regierten spanischen Staat. Als alleinige Verwaltungsprache wurde das Castellano eingeführt.
Ein wenig surrealistisch anmutend, aber bezeichnend wurde 1980 ein Tag der Niederlage, der 11. September  zum Nationalfeiertag  Kataloniens erklärt, der Diada. Er wird  mit Demonstrationen, Gedenkfeiern, aber auch volkstümlichen Veranstaltungen, begangen, wobei die „nationalen Symbole“ – das sind die katalanische Flagge Senyera, (vier rote Streifen auf Gelb) sowie die katalanische Nationalhymne Els Segadors ( Die Schnitter) und der Nationaltanz Sardana ausgiebig Verwendung finden.

Mit dem wirtschaftlichen Erstarken Kataloniens im 19. Jahrhundert erwachte wieder katalanisches Selbstbewusstsein, die Rückbesinnung auf katalanische Traditionen, Kultur und Sprache: die sog. Renaixenca. Sie führte zu einem Aufblühen katalanisch geprägter Literatur, Kunst und Architektur ( die aber nicht den Zusammenhang mit europäischen Kulturströmungen verleugnen).

Nach dem Ende der Monarchie 1931 wurde Katalonien unter Führung der Generalitat und des Präsidenten Luis Companys autonome Republik innerhalb des spanischen Staatsverbandes. Dies währte nur bis 1934, als das Autonomiestatut durch die konservativ-reaktionäre Madrider Zentralregierung suspendiert wurde. Nach der Wiedereinsetzung verlor die Regionalregierung durch die zeitweilig geglückte anarchistische Revolution die Kontrolle.  

Mit dem Ende des Bürgerkrieg 1936-39 schaffte Franco die Republik und die katalanische Selbstbestimmung ab. Viele Republikaner mussten in ein schwieriges Exil gehen oder wurden ermordet, so der Präsident Companys. Zu der politischen kam eine massive kulturelle Unterdrückung. Katalanisch und katalanische Symbole wurden aus der Schule und der Öffentlichkeit verbannt, was sich erst ab den 50-ziger Jahren langsam änderte. Eine Vielzahl von Oppositionsgruppen kultureller, gewerkschaftlicher, kirchlicher und parteilicher Art entstanden gegen Ende der Franco-Zeit und boten dem Regime und seinen Repressionen die Stirn. Eintreten für die katalanische Kultur und Sprache bedeutet dabei Eintreten für Freiheit und Demokratie. Und noch eine witzige, aber typische Ergänzung: Für den katalanischen (Spanisch schreibenden) Schriftsteller Manuel Vasquez Montalban (Kriminalromane!) wurde der Niedergang der Diktatur und der Beginn der Freiheit Kataloniens durch den historischen Sieg des FC Barcelona („Barça“) über Real Madrid im Februar 1974 eingeläutet. „1:0 für Barcelona - 2:0 für Katalonien – 3:0 für Sant Jordi (Hl. Georg) – 4:0 für die Demokratie – 5:0 gegen Madrid“.

Wer sich in die wechselvolle katalanische Geschichte vertieft, wird verstehen, warum Katalanen auf die Stärkung  ihrer politischen und kulturellen Eigenart und Selbstständigkeit bedacht sind. Ein Bemühen, hinter dem die Opfer von Generationen stehen, was Respekt verdient. Andrerseits wird man auch nicht übersehen, dass konservativ und national gesinnte Spanier, die in der Tradition des imperialen und zentralistischen Gesamtspaniens stehen,  durch die katalanischen Forderungen nach „Sonderrechten“ in ihrem Nationalstolz berührt sind. Geschichte kann eben aus verschiedenen Perspektiven erlebt und gesehen werden.

Sonntag 11. September 2022 11.09.22 18:28

          

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