EMPURIABRAVA, 22.10.2020 - 05:07 Uhr

Ein Gang durch das jüdische Castelló d´Empúries (4)

Fortsetzung von gestern
CASTELLÓ / KATALONIEN / SPANIEN:
Vor der Synagoge wurden Brautpaare unter einem Baldachin, der Chupa, getraut. Die Nachstellung einer solchen sefardischen Hochzeit wird in Castello vom Fremdenverkehrsbüro von Zeit zu Zeit angeboten und auch wieder von der Gruppe „Serfs de la Gleva“ ausgeführt.

Die  Darstellungbezieht sich auf eine Urkunde, deren Kopie im Gefängnismuseum ausgestellt ist. Es ist eine Heiratsvertrag aus vom Jahr 1377, eine „Ketuba“, die in einem alten Notarsbuch aus Castello gefunden wurde, das im Historischen Archiv von Girona aufbewahrt wird.  Die Urkunde wurde als Material für den Bucheinband wiederverwendet. Sie regelt die Modalitäten der Heirat zwischen „Herrn David, dem Sohn von Herrn MeschulamGallac und der Dame Astruga („Glück“), der Tochter von Herrn Josef Al Gallet“. Der Bräutigam verspricht der Braut ehrenvolle Behandlung, Versorgung mit den Notwendigkeiten des Lebens und sexuellen Verkehr. Die Braut erhält vom Bräutigam ein „Jungferngeld“. Sie bringt eine Mitgift in Form von Geld und Aussteuer ein. Bei einer Scheidung werden ihr diese Gaben ausgehändigt. Die Ketuba wird während der Trauungszeremonie unter der Chupa verlesen und der Braut übergeben. Die Trauung wird mit der Ringübergabe des Bräutigams und seinen Worten „Siehe, du bist mir angeheiligt durch diesen Ring nach der Weisung Moses und Israels“ besiegelt.

Von der Synagoge geht unser Weg durch die engen Gassen der ehemaligen Call weiter bis zum Ort der ersten Synagogeim Garten der Casa Sanllehi. Von dort hinauf zur Basilica . Wir folgen dabei dem in den Boden eingelegten goldenen Zeichen, die die „Wege der sefardischen Juden“ (Caminos de Sefarad) in den diesem Netzwerk angeschlossenen Städten, kennzeichnen. ( Die Zeichen enthalten die hebräischen Buchstaben sfr für Sefarat.)
Die Kirche Santa Maria von Castello enthält eine Fülle von Anspielungen und Erinnerungsstücken an das jüdische Leben, das sich in der Zeit, in der sie gebaut wurde, abspielte, man muss sie nur entdecken.

An der Südecke der Vorderfront blicken wir nach oben und sehen die kleine Skulptur eines Gesichtes mit einem spitzen Hut, in mittelalterlichen Darstellungen Zeichen für Juden und Ketzer. Es ist ohne Zweifel ein Jude, der zur Call hinunterblickt, wo die „vermaledeiten“ und „blinden“ Juden wohnen. An dieser Seite der Vorderfront, an einem unvollendeten Turm, sehen wir zwei Fenster: ein unteres, das die Form eines Hexagramms hat, auch ein jüdisches Zeichen und Symbol. Darüber ein kleines Fensterchen, das einen Stern nachbildet. Es erinnert an den „Stern aus Jakob“, den Messias, den Christen in Jesus sehen. Dieses Arrangement  symbolisiert wohl das Alte und das Neue Testament, die Überwindung des Judentums durch das Christentum.

Wir blicken auf die Reihe der Apostel am Eingangsportal, wie die Säulen im Inneren der Kirche rechts und links sechs. Der elfte rechts ist Bartolomäus, sorgfältig gearbeitet, mit Buch und in der Kleidung der mittelalterlichen Juden, wie wir sie aus zeichnerischen Darstellungen kennen, mit Kopfumwurf und Cota, einem langen kuttenförmigen Gewand, das den Juden in Castello im 15.Jahrhundert vorgeschrieben war. Bartolomäus wird auch mit Nathanael im Johannesevangelium gleichgesetzt. Jesus sagt von ihm: „Siehe ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist“ (Joh. 1,47). Nach anfänglichem Zweifel erkennt Bartolomäus/ Natanael in Jesus den Messias, „von dem Mose in der Tora und die Profeten geschrieben haben“ – Beispiel eines „bekehrten“ und zur „Einsicht gekommenen“ Juden, wie die Kirche sich das wünschte! Ganz links, als erster Apostel steht Judas Thaddäus. Die Figur ist gut erhalten, sie wurde vor mehr als hundert Jahren erneuert. Im Eingang zur Sakristei des Kirchenmuseum steht die alte Figur, ziemlich demoliert. Es ist nicht der Zahn der Zeit, der an ihr genagt hat. Sie ist durch Steine beschädigt worden, die man gegen sie warf, weil man diesen Apostel mit Judas dem Verräter verwechselte. Ausdruck der Judenfeindschaft, Abart oder Nachspieldes „matar Jueus“ („Judentöten“). Ob diese Sitte, bei der man am Karfreitag einen Juden griff, am Portal einer Kirche Steine auf ihn warf oder ihn wenigstens ohrfeigte, auch in Castello üblich war, ist  nicht bekannt.

Gelegentlich gab es aber auch Übergriffe von Juden. Das Wegkreuz, das heu- te gegenüber dem Kircheportal steht, kann an einen solchen erinnern.1372 „verzeiht“ der Bischof von Girona dem jugendlichen Perfet Bonsenyor aus Castello eine  „greuliche“  Tat.

Dieser hatte ein Gruppe junger Juden angeführt, die ein Wegkreuz bei Vallgornera demolierten. Sein Vater mußte ihn dann mit einer Geldsumme aus der Haft auslösen, wobei er das Vergehen wohl als „Jugendsünde“ deklarierte und Besserung des Delinquen- ten gelobte. Tatsächlich empfanden Juden ein solches Kreuz als Provokation, da für sie die christliche Bilderverehrung als Verstoß gegen das zweite Gebot, als „Götzendienst“ galt. Perfet Bonsenyor gehörte übrigens 40 Jahre später zu den Rabbinern, die zu der von Papst Benedikt XIII. einberufenen „Disputation von Tolosa“  von ihren Gemeinden abgeordnet wurden, um den jüdischen Glauben zu vertreten. Auch dort zeigte er sich „unbotmäßig“. Frustriert von der Länge  des Kongresses und der Chancenlosigkeit der jüdischen Positionverließ er die Versammlung ohne Erlaubnis.

Wir betreten die Kirche. Gleich am Eingang steht der große romanische Taufstein oder besser zwei miteinander verbundene Taufsteine, der große für das noch im Mittelalter übliche Untertauchen von Erwachsenen, der kleinere für Kinder. Hier spielte sich am 18. Februar 1417 eine dramatische Szene ab. Über 100 Juden empfingen die christliche Taufe, umgeben von ihren Paten, den Geistlichen der Stadt, Mönchen der verschie- denen Orden, auch den Äbten von Sante Pere de Rodas und Rosas - und vielen neugierigen Bürgern. Sie erhielten einen neuen Namen. Aus Samuel Perfet wurde Pere Santcliment (nach seinem Paten Pere de Santcliment, den Generalprokurator der Grafschaft), aus Tolrana wurde Caterina usw. Nach dem feierlichen Akt hatte man eine lange Prozession durch nahezu alle Straßen der Stadt organisiert. Anschließend gab es ein großes Festbankett im Grafenpalast, dem der Generalprokurator präsidierte, der es auch gestiftet hatte und der eine treibende Kraft der offenbar kollektiv beschlossenen Konversion war. Das große Ereignis wurde mit Musik, Liedern und Gaukelspiel (also einer Art „Troubadourfest“) auf der Placa dels Homes beschlossen.

Diesem Ereignis war eine Zeit des Drucks auf die Juden und der Unsicherheit für sie vorausgegangen. 1391 ging durch Spanien ein Welle von Judenverfolgungen (mit dem „Motto“  „Tod oder Taufe!“) , die die Juden in Castello nicht direkt betrafen, aber dennoch Schrecken unter ihnen verbreiteten. Juden wurden gezwungen, sich Predigten von Franziskanern und Dominikanern auf öffentlichen Plätzen oder in ihren Synagogen anzuhören, in denen sie zur Konversion aufgerufen wurden. Der später heilig gesprochene Dominikaner und Mitarbeiter Benedikt XIII., Vincens Ferrer, tat sich hier besonders hervor. Er predigte auch in Perelada, was sicher seine Auswirkungen auf Castello hatte. Papst Benedikt XIII. eröffnete – kurz vor seiner endgültigen Absetzung als Gegenpapst - von Perpignan aus eine Kampagne gegen die Juden, die sie mit Einschränkungen von Lebensführung und Handel, Separierung von den Christen, Druck und Versprechungen zur Konversion bewegen sollte. Offenbar hielten viele Juden diesen Druck und Nervenkrieg nicht mehr aus und konvertierten.
Fortsetzung morgen

Donnerstag 08. Oktober 2020 08.10.20 21:30

          

Weitere Meldungen: