EMPURIABRAVA, 22.10.2020 - 05:52 Uhr

Ein Gang durch das jüdische Castelló d´Empúries (3)

Fortsetzung von gestern
CASTELLÓ / KATALONIEN / SPANIEN: 
In den Glanzzeiten der jüdischen Gemeinde in der Mitte des 14. Jahrhunderts überschritt die Zahl der jüdischen Haushalte die Zahl Hundert.  In Castelló lebten  demnach ca. 300 bis 400 Menschen jüdischen Bekenntnisses. Das dürften ca. 20% der Gesamteinwohnerschaft gewesen sein, eine  einmalige Relation im alten Katalonien. Nach Girona und Barcelona besaß Castello die größte jüdische Gemeinde in diesem Bereich. Im 15.Jahrhundert war aber die Zahl der Familien auf 20 bis 25 zusammengeschmolzen.

1238 wird zum ersten Mal eine jüdische Gemeinde in der Grafenstadt dokumentarisch erwähnt. Pons Hug III.  erlässt ein ausgedehntes „Privileg“ für die Juden in seinem Herrschaftsbereich. Die folgenden Grafen wiederholen solche Erlasse. Dies sichert den JudenBleiberecht, Besitz, die Ausübung ihrer Professionen, Religion und die Selbstverwaltung zu. Sie sind „Eigentum“ des Herrschers („meine eigenen Juden“) und genießen seinen Schutz. Dafür müssen sie aber zahlen und dies nicht wenig – und immer wieder werden die Abgaben bei Bedarf erhöht.  Jedenfalls setzt mit diesen Rechten und dem gräflichen Schutz ein Zustrom von Juden nach Castello ein, vor allem bei Verfolgungen in Frankreich und dem übrigen Katalonien.  Die Juden Castellos können Häuser und Land erwerben (im Gegensatz zu Kastilien und Deutschland!)  Rechtlich  gehört ihr Besitz zwar dem Herrscher, aber sie können über ihn verfügen, ihn verkaufen und  vererben.

Auch im Gegensatz zu Deutschland stehen ihnen viele Berufe offen. Aus archivierten Notariatsakten von Castello erfahren wir die Berufe der  zum Christentum übergetretenen Juden, der  „Konversen“. Es werden genannt: Handwerker (Schneider, Tuchmacher,  Wollverfertiger, Weber, Schuster, Ziegel-/Fliesenbrenner,  Gerber, Silberschmide, Metzger  u.a.), viele handelten auch mit den entsprechenden und anderen Waren; Viehhändler waren häufig, es gab Landwirte,Träger, Fuhrleute, Buchbinder, Schreiber  hebräischer  Schriften, vereinzelt Ärzte, einen Notar,und einen  Rechtskundigen. Es ist anzunehmen, dass die Konversen auch vor ihrem Übertritt in diesen Berufsbereichen tätig waren. Fast alle Haushaltsvorstände betätigten sich als Geldverleiher, was ja den Christen verboten war. So werden 1339 99 jüdische Kreditoren samt neun Witwen genannt. Mit alledem waren Juden ein wichtiger  wirtschaftlicher Bestandteil der Grafschaft, der zum Florieren der Oekonomieunerläßlich war.  Handwerker,  Kaufleu- te,  andere Bürger, Bauern, sie  alle benötigten  Geld zum Erwerb von Material, Waren, Land, für Unternehmungen wie Hausbau  oder Reisen...

Nicht zuletzt waren der Graf  ständig auf jüdische Abgaben und Darlehen angewiesen. Aber auch viele Adlige, viele Ortschaften, selbst die Äbte der Klöster standen bei Juden oft gewaltig in der „Kreide“. Der Zins war für unsere Verhältnisse immens, erlaubt waren bis zu 20%, die manchmal auch überschritten wurden. Juden besorgten sich aber auch Kapital bei Christen, natürlich gegen Gewinnbeteiligung, auf diese Weise wurde das Zinsverbot umgangen.

Die Beziehungen von Juden und Christen war vor allem wirtschaftlicher Art, geschäftliche Zusammenarbeit war nicht selten. Ansonsten waren die Juden eine von der übrigen Gesellschaft durch Religion und Sitten getrennte Minderheit. Engere Beziehungen wie amouröse Verbindungen,  Heirat waren verpönt oder verboten und wurden sanktioniert, von beiden Seiten. Regelrechte Progrome wie in Girona 1391 gab es in Castello nicht, dafür sorgte der gräfliche und später der königliche Schutz. Es gab aber einen latenten und manchmal auch offensiven Haß auf die „vermaledeiten“ und dem christlichen Glauben gegenüber „blinden“ Juden. Vor allem die Geistlichen, die Franziskaner- und Dominikanermönche schürten die Aversionen gegen die angeblichen “Mörder Christi“. Nicht nur ihre Religion, ihre Sonderstellung, das Zinsnehmen sorgten für Ärger. Immer wieder wird die Überschreitung des erlaubten Zinssatzes kritisiert. Es galt die Regel, wer seine Schulden nicht bezahlen konnte, wurde exkommuniziert. Manche verloren  Häuser und Land an jüdische „Banker“, weil sie ihre Hypotheken nicht oder nicht rechtzeitig bezahlen konnten.

Aber auch Juden konnte ein Embargo treffen. Die Abgabenbelastung der jüdischen Gemeinde war hoch. 1333 brachte sie 300 000 Sous für den Infanten Pere auf, während  die Gemeinde Castello 50 000 und die Orte der Grafschaft 200 000 bezahlten. 1370 beklagen sich jüdische Privatleute bei den „Sekretären“  der Gemeinde, die die Abgaben eintrieben, dass diese ruinös für die meisten Familien seien, viele in offensichtlicher Armut lebten und die Entvölkerung der Aljama zu befürchten sei. So verwundert es nicht, dass die Vertreter der Aljama ab Ende des 13. Jahrhundertsimmer wieder Eingaben an die Regenten machen, mit der Bitte, die Steuern und Abgaben zu reduzieren, wozu diese sich dann oft gezwungen sahen.

Trotzdem konnte mehrfach eine Konfiszierung der Güter der Gemeinde nur mit Mühe abgewendet werden. Dabei  kamen die Forderungen von privaten Gläubigern, an die Einnahmerecht  vom König Martin dem „Humanen“ verkauft worden waren,und von der Prokuratorenfamilie der Grafschaft,  an dieder König die Herrschaftsrechteveräußert  hatte.

Vom Gefängnismuseum geht die Führung durch die jüdische Vergangenheit Castello weiter zur ehemaligen zweiten Synagoge bei den Peixateries Velles. Jetzt, beim Troubadourfest, kennzeichnet ein von einem Balkon hängendes Tuch mit einem siebenarmigen Leuchter,eine Menora – eines der wichtigsten Symbole des Judentums - das Gebäude. Normalerweise erkennt man nichts davon, dass es einst Versammlungs- und Gebetsort der jüdischen Gemeinde war. Heute dient das Haus, das wohl unbewohnt ist, als Schuppen und Garage.

Die linke der beiden Tore war der Eingang zum Gebetsraum, in dem das dreimalige tägliche Gebet der Männer, der Sabbateröffnungsgottesdienst  am Freitagabend und die Gottesdienste an den jüdischen Feiertagen stattfanden.
Die Synagoge ist wie die christliche Kirche nach Osten, nach Jerusalem, ausgerichtet. Im Osten war der Aaron Hakodesch, der Schrein, in dem die Tora- und Schriftrollen aufbewahrt wurden. Im Westen stand in den sefardische Synagogen die Bima, der Pult, von dem aus die heiligen Schriften verlesen wurden. Im Synagogenkomplex trafen sich aber auch die Männer zum Studium von Thora und Talmud, trat der Rat zusammen, gab es ein Schule für die Knaben, in der sie die kultisch-liturgische Sprache, das Hebräisch, lesen und schreiben lernten (im Alltag sprach man Katalanisch), wo sie in die Schriften und Gebräuche des Judentums eingewiesen wurden. Die Synagoge war Gemeindezentrum, in dem sich auch sonst Einrichtungen befanden, die zum jüdischen Gemeinde- leben notwendig waren, z. B. eine koschere Metzgerei. Meist fand die Beschneidung und Namensgebung von Knaben und auch die Namensgebung von Mädchen in der Synagoge statt. ( Die Jungen erhielten einen synagogalen Namen aus der biblischen Tradition wie Abraham, Samuel usw. und wurden zur Unterscheidung im jüdischen Zusammenhang als Sohn (Ben, Bar) des ... bezeichnet. Im bürgerlichen Leben trugen sie daneben einen meist katalanischen Zunamen, oft auch Vornamen, wie z. B.  Bonastruc („ Gut-Glück“) oder Vidal Caravida. Mädchen erhielten meistenseinen katalanischen Namen wie Bonadona („gute Frau“) oder Regina.  Auch die Bar-Mitzwa-Feier, die Feier der religiösen Selbständigkeit eines Knaben, wurde in der Synagoge durchgeführt (“Bar Mitzwa“: Sohn der Pflicht).
Fortsetzung  morgen

Mittwoch 07. Oktober 2020 07.10.20 18:10

          

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