EMPURIABRAVA, 25.10.2020 - 09:49 Uhr

Ein Gang durch das jüdische Castelló d´Empúries

CASTELLÓ / KATALONIEN / SPANIEN:  Einige Troubardourfest in Castello (Festival Terra de Trobadors) standen in den vergangenen Jahren unter dem Zeichen der mittelalterlichen jüdischen Vergangenheit der Grafenstadt („Temps de Sepharad“ –Zeit der Sefarden/spanischen Juden).

An einem Tag hatten wir uns auf den Weg gemacht, um den Spuren dieser Vergangenheit zu folgen. Wir begannen unseren Gang am Waschhaus vor dem alten Stadtkern. Hier  in der Nähe befand sich – vor den Stadtmauern- das 1246 gegründete Franzis- kanerkloster. Vom Kloster sind nur noch einige Säulen erhalten – wohl aus dem Kreuzgang -die zum Bau des Waschhauses im 19. Jahrhundert verwendet wurden. Der  Orden bemühte sich darum, Juden zum Christerntum zu bekehren. Dies nicht ohne Erfolg, wie wir sehen werden.

Wir schreiten beim Mühlenmuseum in den Altstadtbereich hinein. Hier war im Mittelalter das „Portal der Franziskaner“. Sicher war das einer der wichtigen Zugänge in die Stadt – so wie noch heute.Ob auch jüdische Händler, Geschäftsleute , Feldbesitzer und sonstige Mitglieder der Gemeinde hier aus und ein gingen – ausgehen durften – wissen wir nicht. Üblicherweise benutzten sie ein anderes Tor. Wenn wir den Carrer Monturiol links von der Mühle hinabgehen, stoßen wir auf die Einmündung des Carrers Sant Jordi. Hier war das „Tor der Juden“, das nach ihrer Vertreibung „Portal  Sant Jordi“ genannt wurde. Gehen wir den Carrer Sant Jordi hinauf, so kommen wir zur Placa Llana („Platz des Wollhandels“). Dies war der Mittelpunkt des jüdischen Viertels zu seinen Glanzzeiten. Von hier war es nur ein kurzer Weg zu dem Gebäude in dem Carrer Peixeteries  Velles („ alter Fischmarkt“), das in der wichtigsten Zeiten der jüdischen Gemeinde Castellos die Synagoge war.

Hatte die jüdische Gemeinde einen Toten zu beklagen,  so wurde der Verstorbene in seinem Holzsarg - vom Trauerhaus aus an der Synagoge vorbei  -  auf einer Trage oder auf den Schultern, begleitet von der Gemeinde, durch das „Portal der Juden“ hinausgetragen. An der Mauer entlang, am Franziskanerportal vorbei, bog der Zug in den Weg am Mühlenkanal ein, wo es zu dem weit außerhalb der Stadt liegenden „Fossar dels Jueus“ , zum jüdischen Friedhof  ging (hebräisch: Beit Hakwarot – Haus der Gräber oder Beit Olam/ Hachaim – Haus der Ewigkeit/des Lebens).  Dort fand der Tote seine Ruhe an einem Platz, der bis zur Wiederkunft des Messias unangetastet bleiben sollte. Vergebliche Hoffnung! Nach der Vertreibung der letzten Juden 1492 wurde der Platz verkauft, diente verschiedenen Besitzern und Zwecken. Heute steht dort ein Bauernhof, auf dem Viehzucht betrieben wird. Die jüdischen Grabsteine wurden entfernt, sie landeten auf Dachböden, wurden in Gebäuden wiederverwendet, so in der Kirche Santa Maria, im Augustiner- und Dominikanerkloster (dem heutigen Rathaus), in Häusern.  Es sind wohl 12 Steine bekannt, einige Steine befinden sich heute in Museen, auch im Museum des alten Gefängnisses von Castello, einige sind noch im Privatbesitz und vielleicht ruht mancher unerkannt in einem Keller oder Dachboden oder ist im Mauerwerk eines Gebäudes eingefügt.

Nun, wir spazieren Richtung  „Centro historico“ an Ständen und Bewirtungsplätzen des Troubadourfestes vorbei. Doch gleich nach einem Stand, an dem uns historisch gekleidete Kinder selbst gebrannte Mandeln verkaufen, wird unsere Aufmerksamkeit gefesselt. Links in der Straße Sant Francescsehen wir in der Mauer  ein kleines grünes Törchen. Es ist uns nie aufgefallen. Heute steht es ein wenig offen. Ein junger Mann, in einen olivfarbenen Kaftan gewandet  und mit einem Käppchen auf dem Kopf, steht davor. Wir treten neugierig näher und fragen, ob wir durch das Törchen blicken dürfen. „Natürlich“, sagt der junge Mann, in einigen Minuten beginne innen sogar eine „Theatralisierung“: „Das Geheimnis des Rabbi“.  Wir bezahlen einen kleinen Obulus und treten ein. Ein Garten mit allerlei Gemüse und anderen Nutzpflanzen liegt vor uns.  Der junge Mann erzählt uns, wir würden jetzt in die Zeit des Grafen Pons Hug IV. , in das 13. Jahrhundert, zurückversetzt. Es sei eine Zeit der Krise. Der Graf habe alle Untertanen zur Überwindung aufgerufen und auch die jüdische Gemeinde wolle ihren Beitrag leisten. Gleich würde uns der Rabbiner  und einige seiner Helfer, die Fähigsten und Weisesten der Gemeinde, empfangen.  Wir werden zu einem weiteren Törchen geführt, das sich am Ende des Gartens befindet, direkt unter dem Carrer dels Jueus. Ein von Kerzen erhellter Gang mit Treppen tut sich vor uns auf. Wir steigen hinauf, einem siebenarmigem Leuchter entgegen. Wir treten ins Helle hinaus und blicken in einen weiteren Garten. Wir wußten , dass es einen solchen unterirdischen Gang gibt, der den Garten der Casa Sanllehi mit dem darunter liegenden Garten verbindet. Wir hatten aber noch nie Gelegenheit, den Gang und die normalerweise hinter Mauern und Toren verborgenen Gärten zu betreten.Wieder einmal sind wir überrascht, was sich alles hinter und in den alten Häusern Castellos auftun kann. Wir wissen, dass sich an der Stelle des Gartens, in den wir jetzt stehen, die erste Synagoge der Frühzeit der jüdischen Gemeinde Castellos, aber auch die letzte in der Spätzeit befand. Der Gang war vielleicht ein Aus- und Eingang, den die Juden aus ihrem zuletzt abgeschlossenen Viertel nehmen mußten.

Es ist eine Art Paradiesgärtchen, das wir nun betreten, mit einem Brunnen in der Mitte. Der Rabbi in Kutte, mit Käppchen und einem heiligen Buch unter dem Arm empfängt uns mit dem Gruß „Schalom“. Er führt uns zu einem anderen jüdisch gekleideten Menschen, der hinter einem Tisch mit allerlei geheimnisvollen Geräten sitzt.  Es ist ein „Alchemist“, der aus Blei Gold herstellt. Dieser alte Menschheitstraum scheint ihm gelungen zu sein. Er läßt uns den Goldstaub in einem Schälchen sehen und berühren. Das Geheimnis der Herstellung will er uns aber nicht verraten. Schade! Wer hätte nicht gerne in den heutigen Krisenzeiten davon Kenntnis!? Ob er dem Grafen damals und der jüdischen Gemeinde helfen konnte? Pons  Hug  IV.   hatte von seinem umtriebigen Vater 1230 eine verschuldete Grafschaft übernommen und mußte deshalb einige Ländereien verkaufen. Er  beteiligte sich wie sein Vater an Eroberungszügen gegen die Sarazenen. Seine Juden waren ihm dazu recht, mit ihren Abgaben die gräflichen Ausgaben zu finanzieren. Sicher hat sich die jüdische Aljama (Gemeinde) öfters angesichts der Forderungen einen solchen Alchemisten gewünscht!

Ein weiterer „Raw“  (hebräisch: Herr) winkt uns zu sich: es ist ein Astronom und Astrologe. Nicht nur geheimnisvolle und magische Künste, wie sie jüdische „Zauberbücher“ der „niederen Kabbalistik“ beschreiben, sondern auch Astronomie und Astrologie waren Spezialitäten mittelalterlicher jüdischer Gelehrsamkeit. Mancher christliche und islamische Herrscher hielt sich einen jüdischen Hofastronomen und  –astrologen.

Unser  Astrologe hat ein „Horoskop“, ein Bild der Tierkreiszeichen mit den den sie derzeit beherrschenden Planeten, vor sich. Er fragt uns nach dem Sonnenzeichen ( „Fisch“, „Krebs usw.) und teilt uns dann einige Tendenzen der Gegenwart und der  zu erwartenden Zukunft mit. Wir sind ziemlich perplex darüber. Er scheint  manches erfasst zu haben, was uns beschäftigt! Es geht weiter zu einer jüdischen Dame aus der „Provence“, die allerlei Kräuter für unsere „Gebrechen“  bereit hält. Tatsächlich war die „Heilkunde“ ebenfalls eine jüdische Spezialität, auch bei Frauen. Viele mittelalterlichen Herrscher, auch die Grafen von Barcelona und Könige von Aragon, hatten ihren  jüdischen „Hofmediziner“, in dessen Kenntnisse sie offenbar mehr Vertrauen hatten als in die christlicher Ärzte. Auch unter den Juden Castellos gab es die Profession des Arztes.

 Mit einem Wort jüdischer Weisheit – wohl aus dem Talmud – den wir  aus einem Behälter ziehen dürfen, werden wir verabschiedet.  Nachzutragen ist noch, dass dieses „Theatralisierung“  von den „Serfs de la Gleva“ (“Knechte der Scholle“) gestaltet wurde, einer Gruppe, die sich die In-Szene-Setzung mittelalterlichen und jüdischen Lebens zur Aufgabe gemacht hat.

Fortsetzung morgen

Montag 05. Oktober 2020 05.10.20 21:59

          

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