EMPURIABRAVA, 21.10.2020 - 13:04 Uhr

Fasaneninsel: Frankreich und Spanien teilen sich die Herrschaft

PYRENÄEN / BASKENLAND / SPANIEN:  Die Fasaneninsel im baskischen Grenzfluss Bidassoa zwischen Frankreich und Spanien mit ihrer kleinen, unscheinbaren Kapelle unterscheidet auf den ersten Blick nichts von vielen anderen Flussinseln. Das unbewohnte Eiland ist um die 224 Meter lang und 41 Meter breit. So weit die „technischen Daten“. Dennoch ist der kleine Flecken ein historisches Unikum.

Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass die Pyrenäen die natürliche Grenze zwischen Frankreich und Spanien bilden; die Wasserscheide sollte die natürliche Grenze sein. Schon arabische Geografen nannten die Pyrenäen „el Hadjiz“, die Barriere. Doch das genaue Gegenteil spielte sich über Hunderte von Jahren auf der politischen Bühne zwischen den beiden Staaten ab: Die Pyrenäen waren immer wieder Schauplatz politischer Übergriffe.

So auch das Hin und Her mit Aragón und Roussillon im ausgehenden Mittelalter: Einmal hatte Frankreich die Oberhand, das andere Mal Spanien. Kardinal Mazarin als Erzieher und regierender Minister des 21-jährigen Ludwig XIV. und Luis de Haro, der spanische Unterhändler, wollten dem Treiben ein Ende bereiten. 24-mal hatten sie sich 1659 bereits auf der kleinen Insel getroffen, bis die Vereinbarungen vertragsfest waren: Der Pyrenäenfrieden bestätigte die Annexion des Roussillon durch Frankreich. Man traf sich zur Unterzeichnung am 7. November 1659 auf der Fasaneninsel – Île des Faisans oder Isla de los Faisanes; die Basken nennen das Inselchen Konpantzia.

Gleichzeitig wurde auf der Insel auch festgelegt, unter welchen Bedingungen Ludwig XIV. die Tochter des unglücklichen spanischen Monarchen Philipp IV., die gleichaltrige Maria Theresa, im Jahre darauf heiraten würde, nämlich unter Verzicht auf ihre Erbrechte. Was aber von Paris offensichtlich verdrängt wurde, denn dort sah man dennoch die Basis für Ansprüche Frankreichs auf einen Teil, später über das ganze Spanien gelegt. „Es gibt keine Pyrenäen mehr“, rief Ludwig XIV. aus, als er wie viele zuvor glaubte, er habe politisch die Gebirgsmauer überwunden.

Daher bewegten sich am 9. Juni 1660 von beiden Ufern her die Prozessionen der heiratswilligen Partner mit Gefolge aufeinander zu und setzten auf die Insel über, um sich das Jawort zu geben. Sie hatten sich weder vorher gesehen, noch waren sie mangels entsprechender Sprachkenntnisse in der Lage, sich zu verständigen.

Die gelungene Verbindung musste gefeiert werden. Und daher wurde vereinbart, dass das Inselchen halbjährlich seine Zugehörigkeit zu Frankreich oder Spanien wechselt. Faktisch ist die Fasaneninsel bis heute ein französisch-spanisches Wohngebiet, Resultat zäher Verhandlungen, das über die verschiedenen Grenzverträge der Jahre 1660, 1853, 1862 und 1868 zustande kam. Es führte zu insgesamt 602 Grenzsteinen zwischen Atlantik und Mittelmeer, die in Zeiten des Schengener Abkommens ihre Funktion verloren haben und nun an die Epoche der Kleinstaaterei erinnern.

Am 21. Mai 1877 verhafteten spanische Grenzpolizisten fünf junge Mädchen aus dem französischen Hendaye auf der Insel, als diese gerade zu Spanien gehörte. Die Ordnungshüter waren in Behobia auf dem spanischen Ufer stationiert. Der Fall wurde rasch geklärt, brachte jedoch unterschiedliche Rechtsauffassungen zutage: Welches Recht sollte gelten?

Das unbedeutende Stück Land beschäftigte die Rechtsgelehrten beider Länder, die schließlich ein gemeinsames Gutachten erstellten, das als Basis für die französisch-spanische Konvention vom 27. März 1901 diente. Artikel 1 besagt, dass das Recht zur Verwaltung der Insel alternierend von Spanien und Frankreich ausgeübt wird, alle sechs Monate wechselnd. Artikel 2: Übertretungen, wenn sie von Franzosen oder Spaniern verübt werden, sind von den Gerichten des jeweiligen Heimatlandes abzuurteilen. Artikel 3: Bürger anderer Länder werden in dem Land verurteilt, das zur Zeit des Vergehens gerade das Verwaltungsrecht über die Insel ausübt. Artikel 4 stellt fest, dass Delinquenten nach Artikel 2 und 3 unverzüglich und ohne Formalitäten der anderen Seite auszuliefern sind.
Autor unbekannt

Freitag 28. August 2020 28.08.20 20:45

          

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