EMPURIABRAVA, 20.11.2019 - 23:24 Uhr

Gastbeitrag: Führerlos und mit Vollgas in Richtung Hafen

ROSES / KATALONIEN / SPANIEN: Sieben Uhr morgens am Ausgang des Hafens von Roses im nördlichen Katalonien. Ein Dutzend Fischerboote, die meisten zwischen 15 und 25 Meter lang, warten ungeduldig auf den Startschuss zur Abfahrt, hier in Form einer Sirene. Die Netze sind aufgerollt, die hellblauen Fischkästen leer und gestapelt an Bord. Seit ein paar Monaten gibt es hier die Möglichkeit für Touristen, einen Tag lang auf einem Fischerboot mitzufahren. „Pro Kopf zahlen Touristen 140 Euro für einen Tag auf See inklusive Verpflegung“, sagt Kapitän Francesc Sastre Fontes, ein kahl geschorener, sportlicher junger Katalane.

Es wird heller, die Boote sind schon weit draußen, die Mèdan von Kapitän Sastre durchpflügt mutterseelenallein die Wellen. Mit einer riesigen, elektrisch betriebenen Kabeltrommel wird das Schleppnetz, das bestimmt 50 Meter lang ist, mit Stahlseilen ins Wasser gelassen. Zwei Stunden fährt Sastre jetzt mit mittlerer Geschwindigkeit und hofft, dass sich unten am Meeresboden Fische im Netz verfangen. Zeit für ein Matrosenfrühstück: Pulverkaffee aus Blechtassen, das in Katalonien unverzichtbare Tomatenbrot Pan con Tomate, Salami und Schinken. Nach zwei Stunden wird das Netz heraufgeholt, die Beute enttäuscht. Mittelmeerdorsch, Hechtdorsch, Seeteufel, Garnelen, Tintenfisch und Seezunge werden von den vier Fischern in die Kisten sortiert. Die kleinen Strumpfbandfische fliegen dabei wie Muscheln und zu kleine Sardinen wieder ins Meer, wo sie von den mitfliegenden Möwen schon erwartet werden.

Nach dem ersten Fang peilt Kapitän Sastre weiter entlegene Fanggründe an. Drei Stunden lang zieht das Boot das Schleppnetz über den Meeresboden. Auf Monitoren kann man die Beschaffenheit des Meeresbodens verfolgen, rote Flecken darüber signalisieren Fischschwärme. In der Kombüse brutzelt das Mittagessen. Frischeren Fisch kann man nirgends essen, die eben gefangenen Fische werden in Tranchen geschnitten, paniert und in Olivenöl gebraten. Dazu gibts Baguette, Salat und einen spritzigen Weißwein aus dem Baskenland, Xakoli – wieder aus Blechbechern.

Was der zweite Fang wohl bringt? Nach drei Stunden zieht die Kurbel das prall gefüllte Netz hoch. Viele Hummer und immerhin ein mindestens 90 Zentimeter großer Seeteufel ist mit dabei. Das Sortieren der Fische, an dem sich nun alle vier Besatzungsmitglieder beteiligen, dauert bis kurz vor der Einfahrt in den Hafen. Währenddessen fährt der Kutter führerlos mit Automatik und Vollgas, der Kapitän schaut nur alle Viertelstunden, ob der Weg noch frei ist. Obwohl der Fang gut war, lohnt sich laut Kapitän Sastre die Fischerei kaum noch: An einem Tag schluckt der Kutter 1000 Liter Diesel. Und dies durch den Fischverkauf wieder hereinzuholen, ist an manchen Tagen nicht möglich. Sastre ist realistisch: „An diesen Zuständen sind die Fischer selbst schuld. Ich kann mich noch gut erinnern, als das Meer vor Roses bei Nacht taghell war, so viele Sardinenfischer mit ihren Scheinwerfern waren da draußen.“ Wurden 1960 im Mittelmeer noch 800.000 Tonnen Fisch gefangen, waren es 1998 bereits 1,7 Millionen Tonnen. Die kleinen Boote mit nur einem Fischer, der in Küstennähe fing, wurden ersetzt durch große Trawler mit Ultraschallortungsgeräten und Kühlhäusern an Bord. Nur die Delfine, die immer wieder neben dem Boot auftauchen und über die Wellen springen, scheinen unbeeindruckt. „Sie helfen uns manchmal sogar, die Fische ins Netz zu treiben, indem sie hinter dem Schiff herschwimmen“, sagt Sastre, und schaut dabei ein wenig melancholisch.

Dirk Engelhardt

Donnerstag 07. November 2019 07.11.19 22:25

          

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