EMPURIABRAVA, 15.10.2019 - 23:59 Uhr

Die Wagnerstadt Barcelona - Warum die Katalanen Wagner lieben

BARCELONA / KATALONIEN / SPANIEN: Dass sich auf den Spielplänen des Gran Teatre del Liceu so oft Wagneropern finden, ist kein Zufall: Der Komponist des „Ring der Nibelungen“ wird in Barcelona verehrt wie in keiner anderen Stadt – mit Ausnahme Bayreuths natürlich. Büsten von ihm finden sich im Palau de la Música und den meisten anderen Musiktheatern der Stadt; Operngänger, die etwas auf sich halten, können zumindest ein paar Takte auf Deutsch trällern.

Entflammt ist die Liebe der Katalanen zu Richard Wanger im ausgehenden 19. Jahrhundert, als die Erneuerungsbewegung der Renaixença Kultur und Politik durcheinanderwirbelte. Viele der damaligen katalanischen Denker waren von den Ideen der deutschen Romantik geprägt: Man sehnte sich nach vergangener nationaler Größe, sah in der Sprache den Ausdruck der „Volksseele“ – und dazu lieferte Wagner den passenden Soundtrack.

1901 schloss sich eine Gruppe junger Enthusiasten um Antoni Ribera und Joaquim Pena zur Associació Wagneriana zusammen, um Wagners Werk zu verbreiten. Der noch heute aktive Verein sah und sieht sich als Wächter über den wahren Geist Wagners und wurde zu einer der einflussreichsten Kulturinstitutionen. Zum Tempel des wagnerisme wurde das Liceu: Nach den Premieren von „Lohengrin“, „Der fliegende Holländer“ und „Tannhäuser“ feierte 1899 „Die Walküre“ Premiere. Dafür wurden zum ersten Mal die Saallichter ausgeschaltet: Ausnahmsweise sollten einmal nicht der Schmuck und die neuen Kleider der Damen in den Logen im Mittelpunkt stehen, sondern allein das Geschehen auf der Bühne – ein Novum in der Geschichte des für sein eitles Publikum gefürchteten Hauses.

Die Wagnerverehrung der Barcelonesen kannte keine Klassengrenzen: Oben im letzten Rang, auf den billigen Plätzen begutachteten die Arbeiter die musikalische Inszenierung mit der gleichen Fachkenntnis wie das Bildungsbürgertum im Parkett oder der Fabrikbesitzer in der Loge. Als "Parsifal" 1914 zur Aufführung an Bühnen außerhalb Bayreuths freigegeben wurde, war das Liceu das erste Haus, das Wagners „Bühnenweihspiel“ zeigte: Am 31. Dezember 1913, kurz vor Mitternacht, strömte das Publikum in das Haus an den Ramblas und verließ den Saal erst wieder um 5 Uhr früh, nach dem Schlussakkord.

Vor so viel Enthusiasmus und gelebter Leidenschaft zogen auch die Wagnererben ihren Hut: Ihr erstes Gastspiel gaben die Bayreuther Festspiele 1955 im Liceu.

Julia Macher – Barcelona für Deutsche

Dienstag 01. Oktober 2019 01.10.19 18:25

          

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