EMPURIABRAVA, 25.08.2019 - 14:25 Uhr

Bo(h)ney(n) M(ist) – von Thomas Spieker

ROSES / KATALONIEN / SPANIEN: Leider ist mir kein besseres Wortspiel eingefallen, um eine Kritik über das Boney M. Konzert von vergangener Woche im Rahmen des Festivals SONS DEL MÓN in der Zitadelle von Roses einzuleiten. Aber als jugendlicher Fan der Truppe und jahrelanger ‚Macher‘ einer der ‚besten‘ Discos der Welt (CHIC Roses), fühle ich mich sehr wohl in der Lage, eine ‚qualifizierte‘ Meinung zu dem äußerst deprimierenden Musikvortrag zu veröffentlichen.

Als erstes möchte ich feststellen, dass die Frank Farian Truppe, gemeinsam mit dem ebenso enttäuschenden Konzert der Kool & the Gang im letzten Jahr in Peralada, eindeutig das beste Beispiel dafür sind, dass die Disco-Musik niemals den Rahmen der Plattenteller hätte verlassen sollen. Es ist ganz einfach ‚Retortenmusik‘, die in Studios ‚gemischt‘ (nicht komponiert) wurde, um die in den 70iger und 80iger Jahren unglaublichen Soundsysteme der wie Pilze aus dem Boden schießenden Diskotheken in vollem Rahmen zu dem zu nutzen, für die sie gedacht waren: nämlich, um die Leute beim Tanzen so sehr im Rhythmus zu halten, dass praktisch jeder Banause sich auf dem Parkett wie ein kleiner John Travolta vorkommen konnte.

Hinzu kommt, dass sängerisches Talent ihnen selbst in den Augen des Chefs leider nicht beschert war. Er hat vor Jahren erklärt, dass weder der mittlerweile bereits verstorbene Bobby Farrell, der dem Publikum Auftritt für Auftritt immer wieder bewiesen hat, dass der Mensch tatsächlich vom Affen abstammt, noch Maizie Williams, die heute ganz groß als ‚Mitbegründerin‘ der Truppe angekündigt wird, jemals auch nur eine einzige Note in den Studios gesungen haben. Lediglich bei Fernseh- oder Life Shows sangen sie mit dem Chor mit. Also lag die stimmliche Verantwortung am Freitag in Roses ganz in den Händen der Solistin Samantha Scott, eine Gospel Sängerin, die es zwar immer wieder versuchte, aber Aretha Franklin leider niemals das Wasser reichen konnte. Und Farrell’s Rolle übernahm ein stimmloser Pavian, der dem kasachstanischen (möchtegern-) Journalisten Borat (dargestellt von Sacha Baron Cohen) ähnlicher sieht, als seinem schwarzen Vorbild.

In einem ZDF-Interview von 2006 beschreibt Frank Farian, Gründer der Boney M., ihren Werdegang: 1974 experimentierte der bis dahin eher den Schnulzen verschworene Sänger und Produzent mit verschiedenen Soundgemischen vor allem karibischer Musik mit einem ‚tollen‘ Beat und so entstand der Hit ‚Baby, Do You Wanna Bump‘, bei dem er höchstpersönlich alle Stimmen sang und auch einmischte. „Und plötzlich war der Song in England in den Charts, neben Barry White, Godfather of Soul, u.s.w. und jeder frug sich: „Who is Boney M.?“ Als das Lied dann auch noch in Holland in die Erfolgslisten kam, befand Farian sich in einer Bredouille: Die Truppe musste ins Fernsehen, um noch mehr Platten verkaufen zu können. Er selbst aber gab nicht das Image einer Poptruppe und konnte daher ganz sicher nicht auf die Bildschirme. So begann die Suche nach den ‚Gesichtern‘, die Boney M. weltweit bekannt machen würden.

10 Jahre nach dem ersten Hit, stellte Farian Mitte der 80iger Jahre die Boney M. ein. Er wusste sehr genau, dass derartige ‚künstliche‘ (im Gegensatz zu ‚künstlerischen´) ‚Musikgewächse‘ niemals Bestand haben würden – so wie seine ‚eigenen‘ ‚Milli Vanilli‘, die sogar ihren Grammy zurückgeben mussten, als bekannt wurde, dass Fab Morvan und Rob Pilatus dem Duo nur ihr Gesicht, aber keineswegs ihre Stimme ‚geliehen‘ hatten. Und fast genauso ging es auch unzählingen Boygroups und Girlgroups, die einfach nur auf Mischpulten entstanden sind und bei denen man versuchte, mangelndes künstlerisches Talent mit Casting-Qualitäten zu ersetzen.

Wie anders war da doch das Gloria Gaynor Konzert vom letzten Jahr, übrigens im selben Rahmen. Sie war zwar mit ihren knapp 70 Jahren schon ziemlich geschwächt, hatte kaum noch Stimme und wenig Elan, aber als Vollblutkünstlerin verstand sie sehr wohl das ‚Show must go on‘-Konzept und ließ großzügig ihre Kollegen den Auftritt bestreiten. Und das waren teilweise spundjunge Vollblutmusiker mit herausregendem Talent, die die zwei Stunden mit einem Enthusiasmus und einer Qualität füllten, die den Eintrittspreis in jedem Fall rechtfertigten. Bei Boney M. waren noch nicht einmal die Musiker einen Schuss Pulver wert und überspielten teilweise die zugegeben sehr schwachen Stimmen der ‚Hauptdarsteller‘.

Aber das alles hat natürlich nichts mit dem Publikum zu tun. Die tanzten und sangen fast alles begeistert mit. So ist es halt mit allem, was die Massen begeistert: leider deutet breite Unterstützung nur in den wenigsten Fällen auch auf Qualität hin. Und solange sie zahlen, ist den ‚Bossen‘ alles Recht, was über ihre Konten verkauft wird.

Montag 05. August 2019 05.08.19 20:20

          

Weitere Meldungen: