EMPURIABRAVA, 24.06.2019 - 21:31 Uhr

‚TOSCA‘ im LICEU in Barcelona – ein Highlight der ganz besonderen Art

von Thomas Spieker

Eine der ausserordentlichsten Erfahrungen, die Besucher unseres wunderschönen Landes machen können, ist ein Besuch in Barcelona’s weltberühmten Opernhaus EL LICEU. Dabei spielt es eigentlich gar keine so grosse Rolle, was dort gerade aufgeführt wird, denn für die anspruchsvolle künstlerische Qualität aller Darbietungen (ob Opern, Konzerte, Balletabende oder manchmal auch ungewöhnlichere Experimente) garantiert die Direktion des Hauses.

Vor knapp 20 Jahren brannte ein grosser Teil der Oper an Barcelona‘s Rambla (vor allem die Bühne und der Zuschauerraum, nicht aber das Foyer, der Spiegelsaal, der private Fördererclub El Cercle, u.s.w.) bis fast auf die Fundamente ab. Das hat die damals bereits bestehenden Pläne zur Modernisierung einer der höchst angesehensten Kulturstätten der Welt dann so sehr beschleunigt, dass das LICEU heute zu einer der technisch und technologisch best ausgestattetsten Bühnen der Welt gehört, auf der man, wenn es gewünscht wird, bis zu 3 verschiedene Opern am gleichen Tag aufführen könnte. Dabei haben die den Zuschauern zugänglichen Bereiche kein bisschen von ihrem ‚klassischen‘ Touch verloren, denn sie wurden genauso wieder hergerichtet, wie sie bei der ursprünglichen Eröffnung vor 172 Jahren schon waren, mit denselben Materialien und Farben wie damals, nur viel bequemer und nutzungsfreundlicher.

Das LICEU ist weiterhin das einzige der ‚grossen‘ Opernhäuser Europa’s (Mailand, Wien, London, Paris, Berlin, Rom, Stockholm, u.s.w.), das über keine Königsloge verfügt, weil es von Anfang an von den republikanischen Bürgern der Stadt erbaut und auch betrieben wurde. Heute wird es natürlich, wie alle anderen Opernhäuser der Welt, von Stadt, Land und Staat tatkräftig unterstützt.

Am Sonntag war Premiere der TOSCA, Puccini’s Meisterwerk, das wie kaum ein anderes Singspiel beweist, dass Opern im 19. Jahrhundert ganz gewiss keine Unterhaltungsware für intellektuelle Eliten waren, sondern einfach nur den Hunger nach aufregenden Geschichten des ganz ‚gemeinen‘ Fussvolks befriedigen wollten. Die Mischung von Liebe, Hass, Politik, Religion, Untreue, Eifersucht, Gewalt, Mord, Enttäuschung und Hingabe hätte jedem Fernsehsender ausgereicht, um mindestens 5 Staffeln einer Seifenoper damit zu füllen. Luigi Illica und Giuseppe Giacosa (Autoren des Librettos, das von einer Geschichte von Victorien Sardou augeht), haben knappe zweieinhalb Stunden gereicht, um so ziemlich jede Emotion zu bewegen, die ein Mensch empfinden kann.

Die Vorstellung ist ganz einfach nur herausragend. Die Sopranin Liudmyla Monastyrska interpretiert Tosca mit einer Stimmgewalt, die der Callas in nichts nachsteht und der Spanier uruguayischer Abstammung Erwin Schrott spielt den ‚bösen‘ Baron Scarpia mit unglaublicher Hingabe und Ironie. Ein ganz kleines bischen enttäuscht war ich nur von der etwas ‚bedeckten‘ Stimme des amerikanischen Tenors Jonathan Tetelman, obwohl auch er mir die eine oder andere Träne aus den Augen lockte, als er die auch jedem Laien geläufige, welbekannte Arie ‚E lucevan le stelle‘ vortrug.

Die Inszenierung war einfach genial: klassisch (wie man es bei einer klassischen Oper eigentlich auch erwartet), elegant und unglaublich gefördert durch die technischen Möglichkeiten, die das LICEU heute jedem Regisseur bietet. Alles in Allem ein wunderschönes Erlebnis, das selbst diejenigen befriedigen wird, die nicht wirklich ganz so scharf auf Opern sind. Nur über den Inhalt sollte man sich ein wenig vorher informieren (Zusammenfassungen gibt es noch und nöcher im Internet), damit man kein Detail der Geschichte verpasst. Und im Theater ist jeder Sitzplatz mit einem elektronischen Panel mit der wörtlichen Übersetzung ins englische (ebenso wie ins katalanische und ins spanische) ausgestattet.

TOSCA wird noch den gesamten Juni im LICEU vorgeführt werden und vereinzelte Eintrittskarten (die ganz leicht in englischer Sprache übers Internet zu buchen sind) gibt es auch noch für fast jede Vorstellung.

Foto: Liceu, Barcelona

Dienstag 11. Juni 2019 11.06.19 20:21

          

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