EMPURIABRAVA, 23.02.2020 - 20:08 Uhr

Kommentar: Wie wär’s mit etwas Fahrphysik?

Wie so oft, wenn es um die vermeintliche Erhöhung der Sicherheit auf den Strassen geht, werden Massnahmen ergriffen, die mit dem eigentlichen Problem wenig zu tun haben. Das Pferd wird vom Schwanz aufgezäumt, weil man nur die Symptome und nicht die eigentlichen Ursachen dabei im Auge hat. Es ist eine beklagenswerte Tatsache, dass diejenigen, die über Massnahmen im Strassenverkehr entscheiden, in der Regel von Tuten und Blasen wenig bis keine Ahnung haben. Der Mensch - allen voran  der Politiker -  macht halt oft das am liebsten, was er am wenigsten kann.

Als wäre das nicht schlimm genug, kommt in den meisten Fällen noch parteipolitische Vernebelung hinzu. Am Ende wird Geld sinnlos investiert. Wie in COMPRENDES zu lesen, stellt die kanarische Regierung 1 Million Euro bereit, um „Gefahrenstellen abzusichern“ Dem Vernehmen nach geht es vorrangig um die Montage von Leitplanken und Schutzzäunen, speziell an Stellen, die sich für Motorradfahrer als gefährlich erwiesen haben. Das ist auf den ersten Blick zwar begrüssenswert, im Grunde berührt das aber nicht die Ursachen für Motorradunfälle Es ändert vor allem nichts – oder nichts Wesentliches - am Verhalten der Motorradfahrer.
So nachvollziehbar der Fahrspass mit einem Motorrad auf kurvenreicher Strecke für den Autofahrer ist, so unterschiedlich ist das Fahrverhalten zwischen Auto und Motor-rad. Beiden setzt der sog. Reibungsbeiwert die Grenze des Mach-baren, speziell beim bremsen und in Kurven. Die beim Durch-fahren einer Kurve auf Fahrer und Material einwirkenden Kräfte sind sehr unterschiedlich und das eigentliche Problem. Die bei Kurvenfahrt auf ein Fahrzeug wirkenden Kräfte sind die mit der Fahrgeschwindigkeit anwachsenden Querbeschleunigungskräfte. Physikalisch setzen sie sich aus Zentrifugal- und Zentripedalkraft zusammen. Während beim Auto die Zentrifugalkraft das Fahrzeug auf die Aussenseite der Kurve drängt und kaum eine Zentripedalkraft auftritt, ist es beim Motorrad umgekehrt. Die Zentripedalkraft wirkt quasi senkrecht durch Fahrer und Fahrzeug und „drückt“ so das Motorrad auf die Strasse. Dies allerdings nur so lange, wie die Reifen dabei mit-machen und die Haftreibung zur Fahrbahn dafür ausreicht. Der-selbe Effekt tritt beim Auto nur in überhöhten Kurven, d.h. ähnlich einer Bobbahn auf.

Während der Autofahrer in schnell gefahrenen Kurven das Gefühl bekommt, „aus der Kurve zu fliegen“, scheint es dem Motorradfahrer, als „klebe“ er auf der Strasse. Der Grenzbereich, in dem das für den Fahrer kontrollierbar ist, ist beim Auto wesentlich grösser, als beim Motorrad. Kontrolliertes Driften/Sliden ist beim Auto das sog. „Lenken mit dem Gas-pedal“, beim Motorrad ist dies so gut wie nicht möglich. Dies hat zur Folge – und ist in vielen Vergleichsfahrten zwischen Motorrad und Auto in der Praxis nachgewiesen - ,dass Autos wesentlich höhere Kurvengeschwindigkeiten „vertragen“, als Motorräder.

Das ist der eigentliche Punkt. Leitplanken sind im Zweifelsfall für Autos von Nutzen. Für Motorradfahrer stellen sie – vor allem bei ungeeigneter konstruktiver Ausführung – eher ein zusätzliches Verletzungsrisiko dar. Wenn man in der Lage ist, Lkws, Gespannen mit Anhänger usw. spezielle Geschwindigkeitsbeschränkungen aufzuerlegen, sollte das für Motorräder auch möglich sein. Schon deshalb, weil die in anderen Verkehrssituationen vorhandene „Überlegenheit“ der Zweiräder in Kurven allzu schnell ihr Ende findet.

Die Million Euro wäre an anderer Stelle sicher nötiger und besser investiert. Ein radikales Tempolimit für Motorräder mit entsprechender Kontrolle wäre effektiver und brächte noch Geld in die ohnehin leeren Kassen.
Max

Mittwoch 14. Dezember 2011 14.12.11 21:31

          

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