EMPURIABRAVA, 24.05.2017 - 13:42 Uhr

Talente unter uns: Gerdi Pinsker

Seit 40 Jahren lebt sie unter uns: Margarete Pinsker, von allen Leuten liebevoll „Gerdi“ genannt. Und obwohl sie schon vor zwei Jahren den 80. Geburtstag feierte, erfreut sie noch immer mit jugendlichem Schwung die Musikliebhaber in der Bucht von Rosas. Sie spielt Akkordeon, singt in einem Chor und ist Mitglied der katalanischen „Flota dolç“, der süssen Flöte.

Ihr Leben war schon in Deutschland, dem damaligen Osten, ein einziges Abenteuer, aber auch die Übersiedlung nach Spanien hatte es in sich.

Wir von ARENA lassen diese ungewöhnliche Frau, die mit herzhaftem Humor, offenem Lachen und einer erfrischenden Portion Toleranz ein schweres Leben gemeistert hat und sich noch immer nicht unterkriegen lässt, am besten einmal selbst zu Wort kommen. Denn Gerdi musiziert nicht nur gerne, sie schreibt auch gerne und viel. Einige ihrer Gedichte wurden bereits in Deutschland in einem anspruchsvollen Gedichtband veröffentlicht.

Gerdi hat ihre Liebe zu Rosas beschrieben und ein Belgier (!) hat ihr dieses Geständnis sogar in die katalanische Sprache übersetzt. Wir bringen beides:

 

Meine Liebe zu Rosas

Als Tourist kam ich, das ist schon lange her,

fand eine neue Heimat am schönen Mittelmeer.

Im Ampurdan, etwas versteckt, habe ich damals Rosas entdeckt.

Es ist ein unsichtbares Band, das mich seither bindet

An dieses traumhafte Land.

 

Hier wo sich Berge und Meer verbinden,

ist eine solche Gegend sonst nirgends zu finden.

Vor sechstausend Jahren haben’s die Griechen erkannt,

Sie kamen von weit, gingen hier an Land.

Hafen in der Bucht, geschützte Lage am Meer:

Das blühten Handel und Wandel viele Jahre recht sehr.

 

Kelten und Römer, sie liessen sich nieder,

Karl der Grosse, er brachte mit sich seine Krieger.

Es bekämpften sich Mauren, es schlugen sich Christen,

Jahrhunderte später folgten  Touristen.

Aus dem Fischerort Rosas entstand mit der Zeit

ein beliebter Ferienort, bekannt weit und breit.

Man badet im Meer, sonnt sich am Strand,

klettert auf Berge im Hinterland.

Wandert durch Oliven und Pinienhaine,

an der Küste lockt der Sandstrand, der feine.

Bläst auch die Tramontana gelegentlich kalt,

werden die Menschen hier doch meist uralt.

Dies alles kann man nur finden im schönen Ampurdan.

Und um das zu beweisen, zeig ich es Euch hier an.

Wenn Dir, oh Fremder, auch manches nicht gefällt,

so sagt Dir die „Rosinca“: doch, es ist meine Welt.

 

Geschrieben von einer „Rosinca“ aus Deutschland.

 

Ein belgischer  Bekannter, ebenfalls ein Liebhaber dieser Gegend, hat für Gerdi das Gedicht in eine (leicht abweichende) katalanische Form gebracht:

 

El meu amor per Roses

 

Hi vaig arribar com a turista, ja fa molt temps,

hi vaig descobrir una pátria nova al mar Mediterrani.

A l’Empordà, un lloc un xic amagat:

Llavors vaig robar la vila de Roses..

Des d’aleshores és un llaç invisible

Que em lliga amb aquest pais de somni.

 

Aqui es barregen mar i muntanya,

una comarca semblant no és pot trobar enlloc.

Ho perceberen els grecs ja fa 6.000 anys,

Venien de lluny aqui, van baixar a terra.

A la badia el port, posició protegida de mar,

des d’ara prosperavan el comerç i la indusria.

 

Seguiren els celtes i els romans

Que també s’hi establiren;

Vingué Carlemany

Acompanyat dels seus guerrers.

Lluitaren els moros contra els cristians,

i segles desprès, van arribar els turistes.

Des del petit port mariner que era Roses

Amb el temps sorgiria la vila turistica benamada,

coneguda arreu.

 

Es banya  al mar, pren el sol a la platja ampla de sorra fina,

puja a la muntanya, passeja per l’olivar o per la pineda de l’interior.

Es clar que bufa  de tant en tant el vent fred del nord, la tramuntana,

tot aixó solament es possible aqui,

en el nostre Empordà.

Quan a tu, foraster, no t’agrada el que veus, „oblida’t de nosaltes“.

Per als rosncs, la seva ciutat és el cordó umbilical del món.

 

Es fet en alemany d’una rosinca d’origen alemany.

Es traduit en català d’un flamenc de l’Empordà.

4 de agost 2.010.

 

In unserem Gespräch erklärt mir Gerdi, dass das Gedicht ein Dankeschön an Rosas und seine Bewohner sein soll. Sie haben ihr damals geholfen, sich in der neuen Heimat wohlzufühlen und zu integriereen.

Es war für sie und ihre damals sehr junge Tochter nicht einfach, hier ein Hostal zu eröffnen. Es herrschte ja noch die Francodiktatur und bei den Behörden war schwer durchzukommen. Viele Wege, Hindernisse, Zusagen und dann doch wieder Absagen. Ohne Bakschisch, auf Deutsch Korruption, ging damals so gut wie gar nichts.

„Auswandern“ ist heute ein beliebtes Thema in den Medien. „Damals war es eine echte Herausforderung, ein Abenteuer. Ohne die Hilfsbereitschaft der Einheimischen wäre es noch schwieriger gewesen, denn damals waren meine spanischen Sprachkenntnisse noch schwach. Aber niemand  ist uns bis auf den heutigen Tag feindselig entgegen gekommen; niemand hat uns je das Gefühl gegeben, ein ungebetener Ausländer zu sein.“  Das sagt Gerdi Pinsker nach 40 Jahren im Land. „Meine Tochter und ich“, so fährt sie fort, möchten an dieser Stelle auch den jeweiligen Bürgermeistern von Rosas danken. Das waren einschliesslich der jetzigen Alcaldesa Magda Casamitjana immerhin fünf.“

Gerdi Pinsker, die selbst mehrmals im Leben schwer krank war und innerhalb der Familie einen tragischen Todesfall zu akzeptieren hatte, lässt den Mut nicht sinken. Stärke gibt ihr die Musik. Sie ist Mitglied einer Musikgruppe der Pensionäre „Casa del Mar“, La Flauta Dolça. Dort begleitet sie Flötenspiel und Gesang mit ihrem Akkordeon und fühlt sich als einzige Nichtkatalanin dort total heimisch. Musik verbindet eben über alle Sprachgrenzen hinweg.

Viele Jahre lang war Gerdi Pinsker Reiseleiterin für deutsche und österreichische Bustouristen, die sie in die hiesigen Hotels einführte und betreute. Da hörte sie so manchen Kommentar über die spanischen Verhältnisse, die allerdings in vieler Hinsicht anders sind als in Mitteleuropa. Aber die gängigste Redensart kann Gerdi nicht mehr hören: „Bei uns in Deutschland wäre dies und jenes nicht möglich“, „bei uns daheim ist alles besser“. Wer so denkt, meint Gerdi, sollte lieber nicht ins Ausland reisen. Sie jedenfalls geniesst mit 82 Jahren noch jeden Tag in dieser herrlichen Gegend.

Angelika Eisenführ