EMPURIABRAVA, 24.10.2017 - 13:15 Uhr

Talente unter uns: Agnes HÄNDEL

„Das mach’ ich mit links“

Seit über 10 Jahren ist die Norddeutsche Agnes Händel nun schon überaus erfolgreich als Manualtherapeutin und Osteopathin  in Empuriabrava tätig, wo sie mit ihrer Physiotherapie unzähligen Menschen bei Beschwerden, Verletzungen und alterbedingten Gebrechen helfen konnte. Natürlich braucht man dafür Talent. Aber dieses Talent ist es nicht, das wir Ihnen heute vorstellen wollen. Agnes Händel, Ehefrau von Jörg Händel, dem ebenfalls äusserst handbegabten Schreiner, Kunstschreiner und Leiter des Chors in Roses, hat etwas ganz Besonderes zu bieten. Sie ist nämlich von Geburt eigentlich Linkshänderin. Aber da sie in der Schule neben ihrem Zwillingsbruder sass, hätte sie, so behaupteten zumindest die Lehrer, diesen beim Schreiben mit der rechten Hand behindert, wenn sie selbst ihren Arm und die Hand von links nach rechts bewegt hätte. Ausserdem wurde zur Schulzeit von Agnes, die inzwischen ihre Silberhochzeit hinter sich hat, das Schreiben mit der linken Hand ohnehin nicht geduldet. Die kleine Agnes fügte sich und schrieb fortan „mit dem schönen Händchen“. Ihre Berufsausbildung machte es dann dringend notwendig, beidhändig zu arbeiten, zum Beispiel bei Massage oder beim Einrenken blockierter Wirbel.

Vor etwa vier Jahren aber besann sich die schlanke Frau mit dem hinreissenden Lachen dann aber darauf, dass ihr die Orientierung, beispielsweise beim Lesen einer Landkarte, leichter fiele, wenn beide Gehirnhälften gleichermassen aktiviert wären und so entschloss sie sich, systematisch das Schreiben mit der linken Hand zu üben. Inzwischen beherrscht sie es meisterhaft. Sie bedauert nur, dass es hierzulande keine Füller mit Linksfeder zu kaufen gibt, sonst würde sie auch mit links „schönschreiben“. Die Aktivierung der linken Hand habe in ihrem Gehirn für mehr Konzentration, Wohlbefinden und Sicherheit bei der Orientierung gesorgt, sagt die  beidhändige Fachfrau heute.

Die Liebe zur Musik, die ihr Ehemann Jörg vermittelte, sprang auf Agnes Händel über und liess sie mehrere Jahre im Chor in Roses mitsingen. Aber allzu viele Talente schlummerten in ihr und wollten ebenfalls ans Licht des Bewusstseins gehoben werden. So trat die Musik in den Hintergrund und Agnes widmete sich dem, was sie in der Schule im Leistungskurs gelernt hatte: Malen und zeichnen, auch so komplizierte Dinge wie Knoten, Schatten und Perspektiven. Als sie die Toilette in ihrer Praxis am Eingang von Empuriabrava linker Hand zu langweilig und trostlos fand, machte sie sich daran, aus diesem intimen Raum eine Südseelandschaft zu zaubern. Das nahm ein volles Jahr in Anspruch, gelang aber überzeugend. Die Palmen wiegen sich dort jetzt im Wind, exotische Tiere sitzen auf  gemalten Balustraden und die gemalte Eingangstür aus braunen Holzlatten lässt mehr als einen Benutzer an den falschen Türgriff greifen, wenn er das exotische Örtchen verlassen möchte.

Obwohl oder gerade weil es dem deutschen Ehepaar nicht ganz leicht fiel, sich an die spanische Lebensart zu gewöhnen und die deutsche Hektik abzulegen, widmete Agnes Händel ihre Malkunst zunächst so beruhigenden Motiven wie Meereswellen und Möwen, ehe sie einen grossen Sprung zu einem weiteren Hobby machte: den Pferden. Sie lernte reiten. Als schon nach wenigen Reitstunden das Pferd unter ihr lahmte, begann sich die Osteopathin für Anatomie und Bewegungsabläufe von Pferden zu interessieren. Sie kaufte über das Internet einen Schwung einschlägiger Fachbücher, darunter „Reitermedizin“ und belegte einen Fachkurs für die Ausbildung als Osteopathin für Pferde in Ellwangen im Allgäu. Es ist ein Wochenendkurs mit 14 Veranstaltungen über zwei Jahre und endet mit einer theoretischen und praktischen Abschlussprüfung, einem anerkannten Diplom Unterdessen gibt sich Agnes Händel in jeder freien Minute ihrer neuesten Leidenschaft hin: dem Malen und Zeichnen von Pferden. Ihre Praxis hängt voller Pferdemotive, zu denen der handwerklich genial begabte Ehemann die jeweils richtigen Holzrahmen schafft.

 Wenn Agnes Händel das „Pferdediplom“ das erst einmal in der Hand hat, sagt sie zum Abschluss unseres Gespräches, dann werde sie die gleiche Ausbildung auch noch für Hunde machen, denn Muskeln, Wirbeln und Gelenke unterschieden sich nicht wesentlich von denen des Menschen, denn „Säugetier ist Säugetier“.

Angelika Eisenführ