EMPURIABRAVA, 22.09.2017 - 02:45 Uhr

saltar

Schon wieder so ein unscheinbares Alltagswort: saltar. Es heisst zunächst einmal springen in jeder Art und Weise: hinüberspringen, überspringen, aufspringen, hopsen, hüpfen und was man sonst noch so alles vollführen kann, will man eine Hürde nehmen . Aber das Wörtchen mit den sechs Buchstaben ist noch zu ganz anderen Dingen fähig: saltar un animal bedeutet nämlich  ein Tier bespringen, zum Beispiel  eine Hündin, um sie zu decken. Bei den jüngsten Waldbränden saltan chispas = springen beziehungsweise fliegen  Funken.

Aber springen kann nicht nur im Deutschen, sondern auch im Spanischen noch manches andere: zum Beispiel Glas, Lack oder die Saite eines Instrumentes. Ist der Lack am Auto geplatzt = ha saltado  la laca, was den Herrn des Hauses noch mehr erbost als der geplatzte Nagellack in den Händen der Ehefrau = ha saltado el esmalte .

Der Ball springt= salta la pelota. Das ist harmlos. Weniger harmlos  ist es, wenn eine Mine in die Luft fliegt:= salta una mina .  Bei der Jagd freut sich der Jäger, wenn er das Wild ausgemacht und aus der Reserve gelockt hat: salta el conejo,  der Hase springt auf.

Jetzt im heissen Sommer hat man nur einen Wunsch: saltar al agua de cabeza  kopfüber ins Wasser springen.  Saltar a la cuerda tun besonders kleine Mädchen gerne: Seilchen springen.

Saltar a la vista entspricht unserem in die Augen springen, klar und eindeutig sein.

Die menschlichen Stimmungen sind bekanntlich Schwankungen unterworfen, und auch diese lassen sich im Spanischen mit dem Wort saltar beschreiben: saltar de alegría = vor Freude hüpfen. Sollte allerdings eine Liebesbeziehung ein Ende gefunden  haben, dann ist sie  saltado en pedazos = in Stücke zersprungen. Da kommen einem  die Tränen = saltan las lágrimas.

Beim Glücksspiel kann man die Bank sprengen: saltar la banca . Überhaupt kann man manches in die Luft sprengen = hacer saltar.

Der dressierte Tiger springt durch den Reifen = el tigre salta por el aro . Dieses saltar por el aro  hat auch noch eine figurative Bedeutung, die häufig in der Politik angewendet wird: damit meint man, dass der Gegenspieler einen zu etwas zwingen will, was man  nicht tun will (so wie der Tiger ja auch einen grossen inneren Widerstand überwinden muss, um durch einen brennenden Reifen zu springen.)  Voy a saltar por el aro  ist denn auch das mutige Bekenntnis eines Politikers, der sich dazu breitschlagen lässt, etwas zu akzeptieren, was ihm eigentlich zuwider ist oder zumindest seinen Kollegen so erscheint.

Eine eigenwillige Redewendung, die aus der Jagdszene stammen dürfte ist diese: andar a la que salta (wörtlich: gehen und sehen, was da aufspringt) im Sinne von: auf jede günstige Gelegenheit lauern. Das reflexive saltarse la tapa de los sesos (wörtlich: den Deckel des Hirns sprengen) ist recht drastisch: sich eine Kugel durch den Kopf schiessen. Saltarse meint auch überspringen im Sinn von auslassen, zum Beispiel einen Text, eine Seite, eine Frage. Te has saltado esta línea könnte beispielsweise ein Lehrer zum Schüler sagen, der eine Linie übersehen hat.

El saltarín ist interessanterweise zunächst einmal der Tänzer, woraus man schliessen kann, dass im Altspanischen der Tanz mit Sprüngen gleichgesetzt wurde. Dazu passt auch, dass saltarel oder saltarelo ein altspanischer Tanz ist.

Und wenn wir schon einen Blick in die Vergangenheit tun, dann bleibt noch der salteador de caminos zu nennen, der Strassenräuber, der Wegelagerer: er kommt aus dem Gebüsch gesprungen und überfällt sein Opfer.

Lesen Sie bitte auch meine nächste Kolumne: no se salte mi columna!

Auf ganz bald,

Ihre

Angelika Eisenführ