EMPURIABRAVA, 27.03.2017 - 12:47 Uhr

Die Hand

Ob der Mensch die Krone der Schöpfung sei, darüber kann jeder seine eigene Meinung haben. Unstrittig ist allerdings, dass  der Mensch die Welt  durch seinen Körper und seine Sinnesorgane wahrnimmt. Die Augen, die Ohren, Hände und Füsse helfen ihm, die Welt und ihre Phänomene zu erfassen, zu begreifen – in diesen beiden letzteren Verben steckt schon die Hand, das Thema unseres heutigen Diskurses.

Sie werden staunen, was die Natur unter la mano alles versteht: die Hand, die Pfote, den Vorderfuss, ja sogar den Rüssel des Elefanten!

Dar la mano = die Hand geben, das liegt sozusagen auf der Hand = es evidente. Aber una mano kann auch die erste Schicht, der erste Anstrich sein, den der Handwerker mit seiner Hand ausführt: darle una mano de color a la fachada = der Fassade einen ersten Farbanstrich geben. Im übertragenen Sinn bedeutet   tener mucha mano   sehr handfertig sein, geschickt sein.  Für einen Europäer mit der gewohnten  griechischen Logik nicht ohne Weiteres einsichtig, für spanische Logik aber doch, ist die Wendung tener mucha mano izquierda im Sinne von  diplomatisch sehr geschickt sein. Wenn man es zu Ende denkt, ist es gar nicht einmal so unlogisch, denn  um bei schwierigen Angelegenheiten zum Ziel zu kommen, kann es von Vorteil sein, auch mit der linken Hand (in einer Welt der Rechtshänder) gut operieren zu können.  Ungewöhnlich ist auch die Wendung mano a mano  im Sinne von unter vier Augen. Vielleicht gaben sich in der Vergangenheit die Unterhändler bei ihren Verhandlungen  unter vier Augen die Hand, um im schwachen Kerzenlicht die wahren Beweggrunde des anderen zu erfühlen? Möglich wäre es.  Tener buena mano = eine gute Hand für etwas haben, das lässt sich auf viele Lebensbereiche anwenden: ein Händchen für etwas haben, sei es beim Spielen eines Instrumentes, beim Umgang mit Menschen oder mit Pflanzen oder Tieren.  La mano de obra  sind die Arbeitskräfte im Plural. Beim Kauf kann man etwas de primera oder de segunda mano kaufen: aus erster oder zweiter Hand.

Dejar de la mano de Diós heisst wörtlich: in Gottes Hand legen, also etwas aufgeben und einer höheren Macht überlassen. Hacer algo a mano   entspricht unserem von Hand machen und entsprechend hecho a mano = handgearbeitet wie beispielsweise die handgestickte mantón de Manila = das Manilatuch.  Verliebte gehen cogidos de la mano  =Hand in Hand oder wohl besser: händchenhaltend. Eine Hand wäscht die andere: una mano lava la otra

das ist nicht nur in allen Ländern so, wie wir jetzt gerade anhand des PP-Korruptionsskandals feststellen, sondern ähnelt sich auch sprachlich sehr.  Untar la mano  a alguien heisst denn auch jemanden schmieren.

Beim Umgang mit Frauen kann der Mann seine Hand auf verschiedene Weise ins Spiel bringen: meter mano a una mujer bedeutet, eine Frau betatschen, aber pedir la mano de una señorita meint wie bei uns um die Hand eines Fräuleins, einer jungen Dame anhalten. (Schon immer habe ich mich gefragt, was bei dieser Initiative das Wort anhalten meint).

Jemanden auf frischer Tat ertappen heisst im Spanischen sehr anschaulich, geradezu humorvoll coger a alguien con las manos en la masa , wörtlich: jemanden mit den Händen im Teig  (oder sonst einer attraktiven Masse) erwischen. Irse con las manos vacías = mit leeren Händen abziehen, leer ausgehen, den Kürzeren ziehen. Wenn zwei Streithähne aufeinander losgehen: llegar a las manos . Sehr eindrucksvoll auch die Redefigur quedarse soplando las manos,  wörtlich: zurückbleiben und sich die Finger warm blasen im Sinne von sich in seiner Hoffnung getäuscht sehen.  Sagen Sie ja nicht, Spanisch sei keine literarische Sprache!

El manojo ist zum guten Schluss noch das, was in eine Hand passt: ein Bündel, ein Büschel, eine Handvoll, zum Beispiel un manojo de llaves = ein Schlüsselbund. Lassen Sie das bloss nie fallen = que no se le caiga de las manos!

Das wünscht Ihnen

Ihre Angelika Eisenführ