EMPURIABRAVA, 19.08.2017 - 17:59 Uhr

Brauchtum in Katalonien

Die Sardana
Sardana ist ein katalanischer Volkstanz. Verbreitet sind die Sardanes vor allem in der spanischen Region Katalonien und im französischen Nordkatalonien, wobei man sie überall dort antrifft, wo Katalanen zum Feiern zusammenkommen.
Die Tänzer fassen sich im Kreis an den Händen, wie in einem Reigentanz bewegt sich der Kreis links und rechts herum, in wechselndem Tempo, jedoch meist langsam, konzentriert und ernst. Als nationales Symbol der Katalanen war die Sardana unter Franco lange Zeit verboten.
Die Tänzer müssen die kurzen und langen Schritte sowie die Sprünge genau abzählen. Für die Musik sorgt die Cobla, ein elfköpfiges Orchester mit einem leitenden Musiker, der mit der Linken eine dreilöchrige Einhandflöte, das Flabiol, und mit der rechten Hand eine kleine Trommel, das Tamborí (zuweilen auch Tabal genannt), spielt. Die Cobla besteht insgesamt aus fünf Holz- und fünf Blechbläsern und dem Kontrabass.
Vom Grundtypus her unterscheidet man die ältere „Sardana curta“ (dt.: kurze Sardana) und die modernere „Sardana llarga“ (dt.: lange Sardana). Neben den reinen Tanz-Sardanas gibt es auch Konzert-Sardanas und Sardanas, die um einen Chor-Part erweitert sind.
Eine sehr bekannte Sardana ist beispielsweise La Santa Espina.

Die Sardana besteht aus einer bestimmten Abfolge von Tanzsätzen kurzer („tirada de curts“, genannt „curts“) und langer („tirada de llargs“, genannt „llargs“) Schritte. Bei den „curts“ halten alle Tänzer die Hände unten, während sie diese bei den „llargs“ nach oben erheben. Jede Sardana wird durch ein kurzes Präludium, das gewissermaßen dem Einhören und Einzählen der Tänzer dient, durch das Flabiol, eine Einhandflöte, eröffnet. Dann folgen zwei „curts“ und zweimal zwei „llargs“. Die beiden letzten „llargs“ werden wiederum durch das Flabiol als Soloinstrument mit einem „Kontrapunkt“ eingeleitet. Wegen der Komplexität des 2/4 oder 6/8 Taktmusters und der Taktaufteilung gibt ein erfahrener Tänzer explizit während des Tanzes zählend den Takt vor. Dieser Taktgeber muss das gesamte Musikstück kennen und mental vorwegnehmen, damit er den Tanz mit einer passenden Schrittkombination zu Ende führen kann.

Die Cobla ist das volkstümliche, katalanische Sardana-Tanzorchester. Dieses Orchester weist seit Anfang des 20. Jahrhunderts folgende elf-köpfige Standardbesetzung mit zwölf Instrumenten auf:
1. Das flabiol, die katalanische Einhandflöte (vordere Reihe, einfach besetzt; wird mit der linken Hand gespielt)
2. Das tamborí, eine kleine Trommel auch Tabal genannt (vordere Reihe, vom Spieler des Flabiols mitbedient. Sie wird am linken Arm festgeschnallt und mittels eines Schlegels mit der rechten Hand geschlagen).
3. Das tible, ein katalanisches Holzblasinstrument mit doppelter Zunge (vordere Reihe, doppelt besetzt). Dieses Instrument ist aus der mittelalterlichen Diskantschalmei hervorgegangen.
4. Die tenora, ein katalanisches Holzblasinstrument (Holz – vorderer und mittlerer Bereich –; Blech – hinterer, distaler Bereich – in Teilen gemischt) (vordere Reihe, doppelt besetzt). Dieses Instrument ist aus der mittelalterlichen Tenorschalmei hervorgegangen.
5. Die Trompete (trompeta) (hintere Reihe, doppelt besetzt)
6. Die Posaune (trombó) (hintere Reihe, einfach besetzt)
7. Das Flügelhorn (fiscorn) (hintere Reihe, doppelt besetzt)
8. Der Kontrabass (contrabaix) (hintere Reihe, einfach besetzt)
In ihren Ursprüngen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wechselte die Besetzung der Cobla je nach Verfügbarkeit der Musiker und dem jeweiligen Auftrittsort. So wurden bei Auftritten im Freien größere, bei Auftritten in Sälen oder Hallen kleinere Ensembles zusammengestellt. Als Besetzungen kamen zu jener Zeit das sogenannte „tres quartans“ (drei Musiker spielen 4 Instrumente), die „enteres cobles“ (die volle Cobla mit 4 Musikern), die „mitges cobles“ (die halbe Cobla mit nur 2 Musikern) und die vor allem im Roussillon  verbreitete „cobla rossellonesa“ (mit 6 Musikern) zum Einsatz. Hierbei wurden immer die folgenden Basisinstrumente verwendet: das Flabiol, das Tamborí, die Cornamusa (eine Art Dudelsack) und die Tarota, eine Hirten-Pfeife. Diese wurden meist ergänzt um eine Tible oder eine Tenora.
Die um die Mitte des 19. Jahrhunderts bei den Blechbläsern neu eingeführte Ventil-Technik führte zur Weiterentwicklung dieser Instrumente und in einem kreativen Findungsprozess zur endgültigen Zusammensetzung der Cobla. Die neu ins Ensemble aufgenommenen Blechblasinstrumente (Das Flügelhorn oder Fiscorn, die Posaune oder das Trombó und eine zweite Tenora) traten in eine wunderbare Balance mit den alten Holzblasinstrumenten. Den Kontrabass hat Pep Ventura, der erste greifbare Sardanakomponist (s.u.), selbst ins Ensemble eingeführt. Das Flabiol und das Tamborí werden von ein und demselben Musiker gleichzeitig gespielt. Diese Spielmannspraxis war noch im 13. Jahrhundert über ganz Europa verbreitet. Heute gelten die Pyrenäen (Baskenland und Katalonien) für diese Spielweise weltweit als letztes Reservat. Ende des 19. Jahrhunderts stabilisierte sich die heute bekannte Zusammensetzung der Cobla.
Die Cobla zeichnet sich also durch eine gelungene Kombination von mittelalterlichen Holzblas- und Blechblasinstrumenten des 19. Jahrhunderts erweitert um Elemente aus der mittelalterlichen Spielmannspraxis aus. Ihr charakteristischer Klang rührt von dem schmetternden Schalmeienton der beiden Tenoren und der beiden Tiblen her. Die Blechbläser verleihen dem Klangkörper das umfangreiche Volumen. Die Melodieführung hat meistens die erste Tenora inne.

Thematisch besingen die Sardanas sehr häufig der Landschaft und dem katalanischen Volk nahe stehende Motive. So schildert beispielsweise die Sardana „L’Empordà“ die Entstehung der sehr fruchtbaren, ebenen, küstennahen Landschaft des Empordà als Ergebnis der Liebe zwischen einer Sirene des Mittelmeeres und eines Hirten aus den Pyrenäen, der im Winter die unwirtlichen Berge mit seiner Herde verlässt, um an der Küstenebene zu überleben Hier verfällt der Hirte der Liebe einer Sirene. Das Ende vom Lied auf Katalanisch ist: „ … i de l’amor plantaren la cabanya, fou L’Empordà!“ Zu Deutsch: „… und aus dieser Liebe schufen sie ihr Heim. So entstand das Empordà!“ Sowohl der Textdichter Joan Maragall als auch der Komponist dieser Sardana aus dem Jahr 1908 Enric Morera genießen in Katalonien allerhöchste Wertschätzung.
Aufgrund ihrer prinzipiellen „Weltoffenheit“ – jeder kann jederzeit in einen Sardana-Kreis eintreten und zwar genau dann, wenn ihm selbst danach zumute ist – gibt es keinerlei Kleidungszwang oder Kleidungsvorschriften für das Tanzen der Sardana. Es finden sich Tänzer in leichter Freizeitrobe, aber genauso ist es möglich, dass Geschäftsleute im Businessdress oder Bürger ferner Nationalitäten in ihrer jeweils spezifischen Landesrobe (dies vor allen Dingen in Barcelona) in das Tanzgeschehen eingreifen. Dennoch gibt es das häufig in der katalanischen Volkskunst gezeichnete, aber im realen Leben zumindest heute nicht mehr anzutreffende Idealbild eines Sardana-Tanzkreises, bei dem alle Tänzer in der traditionellen katalanischen Bauerntracht tanzen. Zu dieser Tracht gehören unter anderem folgende Elemente: Die von den beiden Damen in der Abbildung getragenen traditionellen katalanischen Haarnetze (kat.: xarxa), die ähnlich wie ein Fischernetz aus Knoten und Fäden erstellt werden. Die rote (für jüngere Herren) / dunkelviolette (für Herren gesetzteren Alters) katalanische, von den Herren getragene Bauernmütze (kat.: barretina), die ebenfalls von den Herren getragene, meist schwarze Bauchbinde (kat.: faixa) (in der Abbildung links von dem linken Herren getragen) und natürlich die auch in Deutschland wohlbekannten von Damen und Herren gleichermaßen getragenen espardenyes. Festzuhalten aber bleibt, die Sardana hat sich schon lange kleidungsmäßig emanzipiert und jeder, in seiner für seinen Stand oder Beruf typischen Kleidung darf, kann und sollte sich einfach in den Tanzkreis einbringen und integrieren.

Die „Frühgeschichte“ der Sardana ist bisher erst sehr ungenau erforscht. Einige Forscher suchen ihren Ursprung in magischen Tänzen der frühen iberischen Halbinsel, andere sehen ihn in der Nachahmung von Gestirnbewegungen am Himmel. So sollen die „curts“ Bewegungen bestimmter Sterne am Nachthimmel und die „llargs“ die Bewegung der Sonne symbolisieren. Wieder andere Forscher sehen in der Sardana Relikte der kretischen Kultur, die über die Iberer vermittelt, bis heute weiterleben. Nach Jacint Verdaguer ist die Sardana schon in In Alt-Griechenland von Homer beschrieben worden … Sie stammt von Sardus, „einem Sohn des Herakles ab, der jene Insel im Mittelmeer einnahm, der er dann seinen Namen gab: Sardinien. Und so mag die Urform der Sardana letztlich bis in die atlantische Kultur zurückweisen, denn die apollinische Harmonie dieses Tanzes, dieser Musik, Schritte und Kreisfigur scheint ursprünglichen Sternenrhytmen zu folgen“
Im 14. Jahrhundert beschreibt das mittelalterliche „Llibre Vermell“ einen „ball rodó“, einen Rundtanz, den die „Romeus“ (Pilger auf dem Weg nach Rom) auf dem Bergmassiv des Montserrats bzw. im Kloster Montserrat selbst tanzten. Hierbei dürfte es sich um eine frühe Form der heutigen Sardana gehandelt haben. Das Wort „Sardana“ selbst taucht erst in Dokumenten des 16. Jahrhunderts auf. Sowohl das einfache Volk als auch die Herrscher sollen diesen Tanz praktiziert haben, ein deutlicher Hinweis auf die bis heute anhaltende soziale Integrationskraft dieses Tanzes. Sogar am kastilischen Hof tanzt man die Sardana ohne allerdings zu erwähnen, dass es sich um einen katalanischen Tanz handelt. Der Sprachwissenschaftler und Hofgeistliche Sebastián de Covarrubias y Horozco (1539–1612), der das erste etymologische Wörterbuch der spanischen Sprache verfasst hat, schreibt hierzu 1611 in diesem Tesoro de la lengua castellana: Zu den älteren Tänzen „wurden jetzt die Sardanas und andere Tänze eingeführt“.
Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts ist die Sardana als Musikgattung gut greifbar. Sie entwickelt sich im Rahmen der romantischen Rückbesinnung auf die katalanischen Sprache und Kultur zu dem identitätsstiftenden Volkstanz schlechthin. Pep Ventura (bekannt auch als „Pep de la Tenora“ mit bürgerlichem Namen „Josep Maria Ventura i Casas“, * 1817 in Alcalà la Real, Andalusien; † 1875 in Figueras, Katalonien) ist der erste namentlich bekannte Sardana-Komponist. Er lernte um 1840 in Perpignan das dort noch praktizierte Cobla-Musizieren kennen und entwickelte daraus die spezifisch katalanische Sardana. Er schrieb über 400 Stücke, hat die Tenora (Blasinstrument der Cobla) zu ihrer heutigen Form weiterentwickelt und schließlich die Gesamtzusammensetzung der Cobla verbindlich festgelegt. Originalnotensätze verwahrt das Orfeó Català (katalanische Musikgesellschaft) in Barcelona. Venturas Zeitgenosse Miquel Pardàs i Roure, ein exzellenter Sardana-Tänzer, schrieb 1850 in Figueras die erste Sardana-Schule. Daraufhin wurden in vielen Städten Coblas gegründet und die Sardana setzte zu ihrem Siegeszug an. Ein Fest zu Ehren der spanischen Königin Isabel II (1830–1904) wurde im Jahr 1860 in ganz Katalonien mit großen Sardana-Festen gefeiert. Das Wiedererwachen (Renaixença) der katalanischen Sprache und Kultur wurde 1902 mit einem großen Sardana-Treffen in Barcelona gefeiert.

Die Herkunft des Namens ist nicht mit letzter Sicherheit geklärt. Nach dem Linguisten Joan Coromines spricht einiges für die Annahme, dass der Name sich ursprünglich von der katalanischen Adjektivform cerdana (cerdà m, cerdana f) ableitet, was soviel bedeutet wie „aus der Cerdanya  stammend“ oder in unserem Zusammenhang „wie man in der Cerdanya tanzt“. Die Cerdanya (auf keinen Fall zu verwechseln mit dem Toponym und der Insel Sardinien, katalanisch Sardenya; spanisch Cerdeña; französisch Sardaigne) ist eine Landschaft in den östlichen Pyrenäen. Das bisher älteste bekannte Dokument zum Thema Sardana in katalanischer Sprache aus dem Jahr 1577 stammt aus dem Arxiu Municipal d’Olot (Stadtarchiv von Olot, Garrotxa, Katalonien). Hier findet sich die Bestimmung: „Es ist verboten, die Sardana  und andere unanständige Tänze zu tanzen“ (in Alt-Katalanisch: „que.s prohibescha lo ball de la sardana y altres balls desonests …“). Es gibt auch viele frühe Belegstellen für das Wort in der spanischen (kastilischen) Sprache. Hier kann besonders gut der Übergang von der Schreibweise „cerdana“ über „çardana“ (in dem kastilisch-französischen Wörterbuch d’Oudin in der Ausgabe von 1616, in der Ausgabe von 1607 noch nicht enthalten) zu „sardana“  verfolgt werden. Als die Sardana Mitte des 19. Jahrhunderts im Empordà von Figueras ausgehend zu neuem Leben gelangte, war sie wohl in der Cerdanya, in ihrer Ursprungsregion, nicht mehr bekannt. Die oben dargestellte These zur Etymologie vertreten auch F. Pujol und J. Amades in ihrem „Diccionari de la dansa“. Die These des Philologen Pella i Forges, nach der die Iberer diesen Tanz in Asien gelernt, dann unter den Etruskern und Sardiniern verbreitet haben und letztere namengebend gewirkt haben, kann angesichts der heutigen Quellenlage (2006) nicht mehr vertreten werden.

In Barcelona wird die Sardana jeden Sonntag um 18:30 Uhr auf der Plaça de Sant Jaume und mittags auf dem Platz vor der Kathedrale La Seu getanzt. Sie wird auch bei vielen Festen und besonderen, einige Tage dauernden Zusammenkünften, den Aplecs, aufgeführt. Seit 1960 wird jedes Jahr eine katalanische Stadt zur „Ciutat pubilla de la Sardana“, zur Erbin und Hüterin der Sardana-Tradition gekürt. Dies war beispielsweise 1960 Girona, 1961 Lleida, 1968 Olot und 1979 Barcelona. Auch die heute südfranzösische Stadt Banyuls  wurde 1977 mit in diese Traditionspflege einbezogen. Die jeweilige Stadt veranstaltet Ende April ein großes Sardana-Fest. Der katalanische Musiker Pau Casals anlässlich einer solchen Pubillatge (Olot, 1968) zu „Sardana und den Katalanen“:

„Die Sardana, die vom Empordà ausging und ganz Katalonien erobert hat, ist mehr als ein Element unserer Folklore. Sie wurde zu unserem Nationaltanz, zu einem wesentlichen Baustein im Leben unseres Volkes. Die Demokratie inspiriert ihre Regeln. Jeder ist willkommen, zu jedem Moment. Die Feinfühligkeit gebietet es, in eine Sardana auf der linken Seite des Mannes neu einzutreten. So kann seine Partnerin auf der rechten Seite verbleiben. Das Symbol dieses Tanzes besteht darin, sich in vollkommener Harmonie und Gleichheit die Hände (in einem Kreis) zu reichen. Diese Normen verweisen auf die tiefsten Grundlagen unseres Charakters, denen wir immer treu bleiben sollten.

Quelle: wikipedia