EMPURIABRAVA, 21.09.2017 - 05:05 Uhr

Die Tabakfabrik von Sevilla

Die Deutschen kommen nicht erst seit Beginn des Massentourismus in den frühen sechziger Jahren nach Spanien. Der Verfasser dieses  Berichtes wurde 1743 in Hamburg geboren und starb dortselbst achtzig Jahre später. In seinem langen Leben reiste er viel und beobachtete genau. Lesen Sie selbst:

Die Königliche Tabacksfabrik, welche die einzige in Spanien ist, darf unwidersprechlich wohl die grösste und prächtigste auf der ganzen Erde genannt werden. Die Gebäude gleichen einer kleinen Stadt und bestehen aus mehreren grossen Abtheilungen mit sehr weitläufigen Höfen. Der Vordertheil des Hauptgebäudes, welches dem Director und den ersten Fabrikanten zur Wohnung dient, ist von schöner Bauart, aber nach meinem Dafürhalten mit Zierrathen überladen. Der kostspielige Bedarf aller spanischen Nasen und noch vieler in den übrigen Ländern Europa’s bringt dieser Fabrik ungeheure Summen. Man verfertigt hier verschiedene Sorten gelben Schnupftaback, Rappé und Cigarren. Die Fabrikation der letztern erfordert nicht viel Zurichtung. Man wählt die feinsten Blätter des Havannatabacks, wovon die gröbere Rippe weggenommen wird, rollt sie, zuerst mit den Fingern, alsdann mit der Hand, und dreht zuletzt das eine Ende zusammen. Hat man 50-60 Stück zusammen, so wird das andre Ende abgeschnitten, um sie gleich zu machen. Diese Arbeit erheischt nicht viel Kunstanwendung und macht sich sehr geschwind. Das hiesige Fabrikat ist wenig geachtet: man käuft das Pfund Cigarren zu 2 Piaster. Ungleich besser sind die Cigarren, die schon fertig aus Havanna kommen: das Pfund davon kostet 4-6 Piaster und je älter sie sind, desto höher werden sie gehalten.
Jede Sorte Taback hat ihre besondere Werkstätten, Mühlen, Höfe und Niederlagen. Das Hauptgebäude hat ein flaches Dach, das zum Trocknen des geriebenen Tabacks dient. Dies Dach ist so gross, dass man darauf mit Leichtigkeit ein ganzes Infanterie-Regiment manövriren lassen könnte. Auf den Plätzen, wo der geriebene Taback zubereitet wird, konnten wir es nicht lange aushalten; sie sind beständig mit Staubwoken angefüllt, die bei der geringsten Erschütterung aufwirbeln und so feine Stoffe enthalten, dass man gleich vor Husten ersticken möchte. Ich begreife nicht, wie die Arbeitsleute vom Morgen bis zum Abend dabei aushalten können. Sie werden aber auch nicht alt und tragen allerlei Uebel davon, welche ihr Leben abkürzen. Man zählt mehr als 2000 solcher Arbeiter, welche bei den verschiedenen Fabrikarbeiten ihren erbärmlichen Lebensunterhalt gewinnen. Wenn sie sich an die Arbeit setzen, sind sie bloss mit einem groben leinenen Hemde bekleidet und vom Kopf bis zu den Füssen mit gelbem Tabacksstaub bedeckt. Dies giebt ihnen ein grässliches Ansehen. Ehe sie aus dem Umkreise des Gebäudes kommen, müssen sie sich einer Visitation unterziehn. Sie können nur durch einen einzigen Ausgang, dessen Gitter mit einer Heerschar von Visitatoren und Aufsehern besetzt sind. Hier werden sie von Kopf bis Fuss untersucht, und Wehe dem, bei welchem man eine Cigarre oder ein halbes Loth Schnupftaback fände! Die Galeere oder mehrjährige Gefängniss würde die geringste Züchtigung sein, der sich der Unvorsichtige durch die Entwendung ausgesetzt hätte.
Der Taback, der für den Königshof zurückbehalten wird, ist in einem besonderen Vorrathshause aufbewahrt; man kann davon nur durch eine besondere Vergünstigung und in höchst seltenen Fällen etwas bekommen.
Angelika Eisenführ