EMPURIABRAVA, 21.08.2017 - 12:17 Uhr

Die Zerstörung des Emporda (3)

Von Dr. Wolfram Janzen

Eine gewaltige transpyrenäische Starkstromleitung – MAT (Muy alta tension) - soll errichtet werden und neben den Autobahnen und der AVE-Trasse weiteres Land verschlingen und verschandeln.  Unter anderem wird das schon begonnene, umstrittene und von der betroffenen Bevölkerung stark abgelehnte Projekt u. a. damit begründet, dass es für den AVE notwenig sei. So zieht ein technisches Großprojekt das andere nach sich! Die Durchführung des von Europa und der Generalitat von Katalonien unterstützten Projekts lässt viel an demokratischer Mitwirkung, Transparenz und Begründung zu wünschen übrig, verspricht aber auf Kosten von Umwelt und Bevölkerung (Vernichtung von kultiviertem Land, Enteignungen, mögliche Gesundheitsschäden) für die spanische und französische Stromindustrie und Wirtschaft üppige Gewinne. Jedenfalls, die Stromversorgung Gironas und seines Umlandes – die auch ins Feld geführt wird – könnte man mit anderen Mitteln und weniger zweifelhaften Folgen sichern, z. B. mit der Erneuerung und dem Ausbau des bisherigen maroden Stromnetzes.

Aber noch einmal zurück zu dem Reisenden, der von Jonquera kommend über Figueres in das „lächelnde“ Emporda ( Maragall) einfährt. Vielleicht hat er die großen Verkehrsadern,  Autopista A 7 und N II satt, studiert die Landkarte und sucht eine kleine Straße, die durchs Land führt. Er wendet sich nach Roses, die breite, bequeme Strasse nimmt er hin, aber in CastelloNou, am Kreisel, biegt er endlich in eine schmale Landstraße ab. Landstädchen wie Torroella de Montgri, Bisbal, das Baix Emporda mit seinen mittelalterlichen Dörfern, sind sein Ziel. Zunächst geht´s durch die grünen Aiguamolls, das gemütliche San Pere Pescador umrundet er weitgehend, weiter fährt er durch Obstplantagen nach Torroella de Fluvia – die rasenden Katalanen lässt er vorbeiziehen – er genießt die Landschaft. Da - er wird gestoppt, eine neue Umgehungsstrasse im Bau tut sich auf, schwitzende Straßenarbeiter und ratternde Maschinen-Ungetüme tragen stinkenden Teerbelag auf. Und plötzlich befindet er sich auf der C 31, eine Super-Autovia erstreckt sich vor ihm bis in den Horizont. Aber erst einmal verirrt er sich in gewaltigen Kreiseln mit ihren Zu- und Abführungen. Wenn er dann die Richtung nach Toroella de Montgri und Bisbal gefunden hat, staunt er. Solche Strassensysteme kennt er im Zugangsbereich von Großstädten. Er fragt sich: was sollen sie hier – inmitten dieser ländlichen Landschaft mit ihren kleinen Dörfern? Wer braucht solche Straßen? Und wenn er das Emporda weiter bereist, wird er überall neue Straßen, Kreisel und Straßenerweiterungen entdecken und er wird öfters danach fragen, wer sie will, wer sie finanziert und ob sie notwenig sind. So z. B. das das Projekt der A 2 um Figueres. Maragall hätte sich nicht träumen lassen, dass  sich das, was er in seinem Gedicht über das Emporda sagt, auf solche Weise einmal verwirklichen wird: „Tot es cami, tot es drecera/ si ens dem la ma.“ (Alles ist Weg, alles ist Abkürzung, wenn wir uns die Hand reichen.)

Das Emporda ist eine einmalige Landschaft, vergleichbar mit der Provence oder der Toscana.

Das, was die Natur vorgegeben hat, ist in Jahrtausenden von Menschen gestaltet worden, von den Siedlern des Neolithicums, den Iberern, Griechen, Römern, Goten, Arabern, den Bauern, Handwerkern, Mönchen und Adligen des Mittelalters bis hin zur maßvollen Landwirtschaft und Industrialisierung des 19. Jahrhunderts. Das ist ein reiches Erbe, Grundlage für die Identität seiner Bewohner und  für  einen qualitätsvollen Tourismus. Soll das Emporda nun eine Durchgangsschneise für Hochtechnologie und Verkehr werden, im Griff von traditions- vergessenen Technokraten, gewinnfixierten Wirtschaftsleuten und großmannssüchtigen Politikern, die „sich einander die Hände reichen“?

Ende der Serie