EMPURIABRAVA, 21.08.2017 - 12:17 Uhr

Die Zerstörung des Emporda

Von Dr. Wolfram Janzen

Anfang des 20. Jahrhunderts schrieb der katalanische Dichter Joan Maragall sein berühmtes Gedicht „ L´Emporda“. In ihm beschreibt er die Geburt dieser Landschaft aus der Vereinigung eines Hirten und einer Sirene, die für Meer und kultiviertes Land stehen. Das Gedicht beginnt: “Cap a la Part del Pireneu/ vora els serrats i arran del mar/ s´obre una plana riallera/ n´es l´Emporda!” Bis zu den Pyrenäen hin/ an Bergen und am Meer/ öffnet sich lächelnd eine Ebene/ das ist das Emporda!

Demjenigen, der heute vom Grenzübergang bei Jonquera kommend, in das Emporda eintritt,

dem lächelt es kaum noch entgegen. Rechts von der Autobahn sieht er die riesigen Verwerfungen, die die Trasse des Hochgeschwindigkeitszuges AVE (Tren d´Alta Velocitat) in der Landschaft angerichtet hat. Brutal und mit technischer Gleichgültigkeit durchneidet sie Berge, Felder, Wälder, alte Hirten- und Wanderwege, überbrückt Täler mit hässlichen Betonbrücken. Fährt der Reisende weiter, grüßt ihn vor Figueres – rechts oben vor der alten, in den Berg eingebetteten Festung Ferran – ein monströses knallig bemaltes Bauwerk. Es ist nicht etwa der neue Bahnhof von Figueres, nein, es ist das neue Staatsgefängnis, das – zur Freude der Anwohner der Grenzgebiete – Schwerverbrecher aus dem ganzen Land zusammenführen wird.  Blickt man von der Bastion Santa Barbara Richtung Llers, weidet sich das Auge erst einmal an der Zerstörung der lieblichen Landschaft durch die Trasse, die den alten Aquaedukt, der früher das Wasser nach Ferran brachte, unzugänglich machte. Schaut man dann nach Westen, Richtung Vilafant, sieht man ein riesiges braunes Loch in der Landschaft, wo Raupen und Bagger rangieren. Da kommt der neue Bahnhof hin, auch zur Freude aller, die aus dem Alt Emporda kommen, um die Züge nach Girona und Barcelona zu nehmen. Benutzen sie den AVE, werden sie eine halbe Stunde schneller in Barcelona sein - um Gaudis Sagrada Familia zu bewundern, wenn diese nicht bis dahin in die Unterwelt der unterirdischen AVE-Tunnels versunken ist. Von Ferran aus sieht man auch, wie sich hässliche Neubausiedlungen und Industriegebiete krakenartig in das Land fressen. Teilweise ist die Infrastruktur erschlossen, aber ob die Flächen je bebaut werden, steht in den Sternen. Als ob es nicht schon genügend leer stehende Wohnsilos und Industriehallen gäbe! Im übrigen kann man von da oben auch die gewaltigen Hochhauskomplexe an der Bucht von Roses, in Santa Margarita und Empuriabrava sehen. Da weiß man wenigstens, wo man hinblicken muss, wenn man das Meer sehen will! Armer Hirt und arme Meerjungfrau Maragalls, wo sollen sie sich heute treffen!

In den 70-ziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat man erst einmal hat große Teile der Küstenzonen ruiniert, indem man wild Hochhäuser und Hotelkomplexe an den Stränden hochzog und riesige Flächen von wertvollen Naturgebieten mit Campingplätzen bedeckte.

In Roses-Santa Margarita/Salata z. B. hat man die schützenden Dünen illegal bebaut, obwohl sie schon 1964 als „Dominio Publico“, als „Gemeineigentum“, abgegrenzt wurden. Dann hat man die Apartments an nichts ahnende europäische Bürger verkauft. Spekulanten, Unternehmer, Politiker und auch die Gemeinde haben verdient und die Käufer stehen nun vor der Tatsache, dass das erworbene Gut ihnen nicht gehört und sie die Zeche bezahlen. Das Argument, das war wegen des Fremdenverkehrs nötig, der den armen Einheimischen, Fischern, Bauern und Handwerkern endlich passable Einkünfte brachte, zählt nicht, denn die Förderung des Tourismus und eine natur- und umweltverträgliche Bebauung geht auch ohne Zerstörung von Strand- und schützenswerten Naturzonen.

Wer sich vor Augen führen will, wie die Küsten Spaniens ( und das Leben ihrer Bewohner) verändert und zerstört wurde, blättere einmal das Buch von Juan Pedro Bator durch: „Paraisos perdidos“ (Barcelona 2009, Saga Editorial).

Die dänische EU- Abgeordnete Margret Auken hat in ihrem Report an das EU-Parlament den weitergehenden Raubbau, die damit verbundene Spekulation und Korruption angeklagt, leider mit anscheinend  wenig Wirkung. Auch in Roses-Margarita wurden in den letzten Jahren an den Kanälen weiter hohe Apartmentkomplexe – vermutlich illegal - hochgezogen, weitere sind geplant, auch in geschützten Zonen. Dabei sind die Urbanisationen schon unwirtlich und unschön genug geworden. Von „Qualitätstourismus“, der allenthalben angestrebt wird, kann keine Rede sein.

Fortsetzung morgen