EMPURIABRAVA, 21.08.2017 - 12:21 Uhr

Die letzte Nacht des Generals Alvarez de Castro - der Held von Girona - im Castell Ferran in Figueres (2)

von Dr. Wolfram Janzen

Fortsetzung von Freitag

In der Ferne sah man jetzt den Hügel, auf dem, ziemlich schwer zu erkennen, die Festung lag.

Erleichtert sprengte der Trupp den Weg zu den Festungswällen- und Mauern empor. Hier in der gewaltigen Anlage war man sicher. Ohne, dass man sie belagern oder einen Kanonenschuss abgegeben musste, war das Castillo den Franzosen übergeben worden. „La belle inutile“, die schöne Unnützliche, nannten die Franzosen sie spöttisch, weil man sie immer wieder den Franzosen ohne lange Belagerungen  übergeben hatte. Für die Truppen Napoleons war die Festung aber als Durchgangstation und Sicherung der Durchzugswege wichtig.

Die Zugbrücke am vorderen Tor wurde hochgezogen, die Kutsche rollte an den salutierenden Wachen vorbei in den inneren Bereich. Eine Ordonanz erteilte dem Kapitän Befehle und eilte zum Gouverneur der Festung zurück. Dann ging es durch ein weiteres Tor, das Hauptportal.

Eine breite Straße öffnet sich. Man sah rechts und links die großen Gebäude der „Bäckerei“ und des „Waffenarsenals“ liegen. Die Straße führte durch ein weiteres Tor auf den „Waffenhof“, der von den repräsentativen Gebäuden der Offizierswohnungen, den Ruinen der unvollendeten Kirche und dem Haus des Gouverneurs umstanden war. Der Trupp schwenkte aber rechts ab zu den riesigen, lang gestreckten Pferdeställen. Die Soldaten saßen ab und führten die Pferde zu den Tränken, die an den Außenwällen lagen und von einer eigenen Zisterne gespeist wurden.

Die Kutsche mit dem General rollte, begleitet von dem italienischen Kapitän und zwei Sergeanten, an der Rückseite des Gouverneursgebäudes vorbei. Kurz erschien dort auf der Terrasse der französische Kommandant und verschwand wieder. Entgegen dem üblichen Reglement empfing er den hochrangigen Gefangenen nicht.

Alvarez die Castro und sein Adjutant wurden in eine Soldatenküche geführt, wo man ihnen zu essen und zu trinken gab. Alvarez rührte kaum etwas an. Dann trennte man die beiden. Alvarez wurde in die Pferdeställe hinabgeleitet. Ein lang gestreckter, dunkler Raum, fast kathedralenartig, öffnete sich vor ihm. Dumpf hallten die Schritte seiner Begleiter, die ihn an den schnaubenden Pferden vorbeiführten. Ihre stinkende Pisse lief in der Mitte des Ganges ab. Er wurde in einen abgegrenzten, kapellenartigen Raum geführt. Nichts befand sich darin, als ein eiserner, mit Lederstreifen bezogener Sessel. Auf ihn wurde er gesetzt. Hier sollte er die Nacht verbringen. Die Gittertür fiel hinter ihm zu und zwei Wachen postierten sich davor. Sie hatten den Befehl, ihn scharf im Blick zu halten, und wenn er Anzeichen des Ableitens zeigen sollte, wach zu rütteln  

Die Soldaten waren immer wieder eingenickt. Gegen Morgen warf einer der beiden einen Blick auf den Gefangenen. Er war zusammengesunken, schlaff hingen Arme und Kopf herunter. Als sie ihn schüttelten, rührte er sich nicht. Alvarez de Castro war gestorben.

Nach kurzer Inspizierung durch den Festungskommandanten und ärztlicher Untersuchung beeilte man sich, die Leiche fortzuschaffen. Auf einer Trage, nur mit einem Leintuch bekleidet, wurde er nach Figueres hinuntergebracht. Dort wurde er auf dem Friedhof  bei der Kirche Sant Pere rasch in einem Massengrab beigesetzt, zusammen mit zwei französischen Soldaten. Wie der Totengräber aussagte, war sein Haupt in Richtung des Glockenturmes ausgerichtet.

So kann man sich das Ende des „heldenhaften“ oder „fanatischen“ – je nach Sicht -Verteidigers von Girona vorstellen. Legenden haben sich um diesen Tod gerankt. Man munkelte von Gift und Bajonettstößen der wachhabenden Soldaten.

Fortsetzung morgen