EMPURIABRAVA, 26.06.2017 - 14:21 Uhr

Kulturspaziergang: Heilige, Bauernführer, Giganten und Hosenflecke (2)

von Dr. Wolfram Janzen

Fortsetzung von Samstag

Mallol mit seinen alten Häusern und Gassen war im Mittelalter das Verwaltungszentrum des Tales und gehörte zum Herrschaftsbereich der Vizegrafen von Cabrera. Von der einstigen Bedeutung zeugen das Haus des Verguers ( Amtmanns) mit dem Gefängnis, das Notariat, ein Tor, der Platz des Castells, von dem nichts mehr als der Brunnen geblieben ist.

Die Carrer des Assotots, die Gasse der Gegeisselten, lässt Dramen der Vergangenheit erahnen. Auf ihr wurden Bauern, die ihre Verpflichtungen gegenüber dem Grundherrn nicht erfüllt hatten, ihrer Strafe auf dem Platz des Castells entgegengeführt. Mallol – wie die ganze Gegend - ist mit der Guerra des Remences ( dem Krieg der Schollenknechte) in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts verbunden. Hier wurde der Anführer der Bauern, Francesc de Verntallat (1426-1498), geboren. Er, aus niederem Adel stammend, kannte die Bedrückung der Bauern durch ihre adligen Herren. Sie erhoben sich, um sich von den mal usos, der totalen Abhängigkeit von den Grundherren, zu befreien. Er stellte sich an ihre Spitze und führte einen Kampf – zeitweilig als Guerillakampf - gegen die Truppen der Generalitat in Barcelona, die vom hohen Adel bestimmt wurde. Die Bauern hatten sich mit dem niederen Adel  auf die Seite des Königs Joan II. gestellt, der um seinen Thron kämpfte. Als königlicher Kapitän residierte Francesc de Verntallat auf der Burg Hostoles über Sant Feliu de Pallerols, die er erobert hatte.

Vor seinem Haus in Sant Feliu erinnert ein Denkmal an ihn: in einem geteilten Felsen steckt ein Schwert. Dies spielt an die volkstümliche Geschichte an, wie er zu seinem Namen Verntallat, Erlenschneider, gekommen sein soll. Als die verzagten Bauer in ihrem langen Kampf aufgeben wollten, ergriff er sein Schwert und hieb zum Zeichen seiner Entschlossenheit eine Erle mitten durch. ( In Wirklichkeit trug die Familie aber schon vor ihm diesen Namen.)

Die Revolten wurden mit der Sentencia arbitral de Guadelupe (1486) durch König Ferdinand II. beendet. Die Bauer erhielten die Möglichkeit, sich von der Schollenknechtschaft kollektiv freizukaufen, sie mussten aber weiterhin den Adligen den Treueid leisten. Dies trug zum Aufblühen der katalanischen Bauernschaft bei und war – fünfzig Jahre vor den (vergeblichen) deutschen Bauernkriegen – ein historisches Ereignis von europäischem Rang, zumindest in den Augen katalanischer Historiker.

Von Mallol aus fuhren wir ins reizende Nachbardörfchen Sant Privat d´en Bas, das in einem von Bergen umgebenen Seitental liegt. Hier suchten wir einen Picknick-Platz.

Vor dem Dorf fanden wir schließlich einen, der nicht von Scharen lärmender spanischer Ausflügler besetzt war. Am Eingang stand zwar, dass er Privatbesitz sei und man die Erlaubnis zu seiner Benutzung einholen müsse, aber das störte uns nicht. Inmitten von grünen Bäumen standen mit Planen überdachte Bänke und Tische. Die Bänke waren frisch gestrichen, wir prüften ihre Konsistenz und stellten fest, dass die blaue Farbe fest war. Wir packten unsere Essvorräte aus und ließen sie uns schmecken. Die Stimmung war gut. Dann kam eine alte Katalanin daher und kassierte 1 Euro pro Person. Wir zahlten anstandslos. Während des Gesprächs mit der alten Frau erhob sich einer der Kulturspaziergänger. Es knirschte verdächtig – er klebte an der Farbe fest! Ein Farbstreifen zeichnete sich auf seiner Hose ab. Wer den Schaden hat, hat die Lacher auf seiner Seite. Das Lachen verging den anderen aber, als sie sich selbst erhoben. Wieder knirschte es und Flecke waren auf Hosen und Röcken zu sehen. Wir reklamierten das bei der Katalanin. Ungerührt verwies sie auf nicht gestrichene Bänke und behauptete, dass die Bänke schon am Montag gestrichen worden seien. Schließlich bemerkte sie trocken auf katalanisch, mit einer unnachahmlichen Geste – Finger am Auge – „ Wer schaut, hat weniger Unfälle!“ Dann wackelte sie davon. Der Schaden war ärgerlich, aber er wurde mit Humor getragen. Eine der Teilnehmerinnen erinnerte an den Spruch des Oloter Fremdenverkehramtes: Olot es pintura – Olot ist Malerei, Farbe!

Weiter ging´s nach Sant Feliu de Pallerols. Nach einem Gang durch den altertümlichen Ort, ließen wir uns an der hübschen Placa Firal nieder und warteten auf den Umzug der cavallets (Reiterchen), Gegants und der Mulassa zur Festa major. Nichts tat sich und die Einheimischen wussten auf Befragen auch nicht so recht, wann das Spektakel beginnen sollte.

Immerhin hatten wir die Gelegenheit zwei niedliche Eselchen zu beobachten, die für Kinder zu einem Ritt bereitstanden.

Plötzlich Musik, ein schwarzverhängtes Untier mit Maultierkopf, die Mulassa, hüpfte herum, hübsch gewandete Kinder ritten auf Kunstpferdchen heran, würdevoll wurden sie von einem Gigantenpaar begleitet.  Alles strömte zum Kirchplatz, außer unserer Gruppe, die es sich bei Kaffee und Bier weiter wohl sein ließ. Sie wartete auf den Befehl des Gruppenleiters, der sich längst in der Menge befand – in der Meinung, die anderen kämen schon nach. Auf dem Kirchplatz führten die Reiterchen begleitet von den Klängen einer Geige und angeführt von einem Tanzmeister in abgemessenen Schritten Tänze auf. Der volkstümlichen Überlieferung nach geht dieser Tanz  (der an den beiden nachfolgenden Pfingsttagen erweitert von Erwachsenen aufgeführt wird), auf einen Kampf vor den Toren Sant Felius zwischen Christen und Sarazenen in alten Zeiten zurück. Historisch handelt es sich aber wohl um die Reste einer pfingstlichen Prozession zu einer Marienkapelle.

Nach Beendigung des Tanzes auf dem Kirchplatz ziehen die „Comparses“ weiter durch den Ort und führen den Tanz an anderen Stellen auf. So konnte schließlich auch unsere Gruppe den Tanz noch sehen.

Auf der Rückfahrt Richtung Girona machten wir noch Halt bei dem zauberhaften Wasserfall Moli dels murris im Tal von Cogolls und besichtigten auch den Anfang des Stausees von Susqueda.  Ein erlebnisreicher Tag ging zu Ende, der mit seinen „Farben“ wohl allen unvergesslich bleiben wird.