EMPURIABRAVA, 21.08.2017 - 12:21 Uhr

Kulturspaziergang: Heilige, Bauernführer, Giganten und Hosenflecke (1)

von Dr. Wolfram Janzen

Am Pfingstsamstag verließen 14 „Kulturspaziergänger“ Santa Margarita in Richtung Olot. Dort begaben wir uns zum „Museum der Heiligen“ Dies ist in der neogotischen Jugendstilvilla des Malers Maria Vayreda (1853-1903) untergebracht. Dieser ist einer der Begründer der „Oloter Malschule“. Offenbar war er keine weltfremder Künstler, sondern auch ein Geschäftsmann. Er richtete in den Kellerräumen seiner Villa eine Werkstatt ein, in der Heiligenfiguren produziert wurden. Auf diese Weise sollte Kunstschülern eine Verdienstgrundlage ermöglicht werden .  Die Werkstatt war der Beginn eines florierenden  Industriezweigs, in dem viele Oloter Arbeit fanden. Die Werkstatt im Hause Vayredas existiert heute noch und liefert Figuren in alle Welt.

Vor dem Eingang ins Museum empfangen uns zwei steinerne Engel, über ihnen, unter dem Hausgiebel, weist ein engelgetragenes Wappen auf den „Arte christiano“ hin, die „christliche Kunst“ – eine Art „Firmenlogo“ der Produktion.

Im Inneren des Gebäudes suchen wir zuerst den Saal der „Modelle“ auf. Hunderte von großen und kleinen Figuren aus der biblischen und christlichen Geschichte erwarten uns. Sie stehen

dicht gedrängt in Regalen, säuberlich nummeriert, einen Beutel mit Gliedmaßen umgehängt.

Figuren aus verschiedenen Zeiten und verschiedenen Stils. Es sind die von Künstlern angefertigten Originale, deren Abgüsse in der Werkstatt hergestellt werden. Ein sonderbarer Eindruck, diese schweigenden Heiligen in Reih und Glied! So außerhalb des Ortes, wo sie eigentlich hingehören, in Kirchen oder Gebetsnischen von Häusern, fehlt ihnen jegliche Weihe.

Dann begeben wir uns in das Untergeschoß, wo die Figuren gegossen und bearbeitet werden. Videos und Tafeln belehren uns über den Herstellungsprozess, den man an Wochentagen auch direkt beobachten kann. Vom Original wird eine aufklappbare Form aus Kunststoff hergestellt, die die Umrisse der Figur lose wiedergibt. Um eine genaue Gussform zu erhalten, werden die Zwischenräume mit Gelantine aufgefüllt, die sich erhärtet. In diese Form wird dann schichtweise eine weiße Masse, die „Holzpaste“, eingefüllt, die mit Leinen verstärkt wird. Einmal erhärtet, wird die Figur herausgenommen, erhält gesondert gegossene Arme, Glasaugen und wird bearbeitet. Entweder bekommt sie einen Anstrich, der den Anschein erweckt, als sei sie aus Holz oder sie wird – wie man in einer Werkstatt im Parterre sehen kann – bunt bemalt. Hier erhalten die Figuren auch Dekoratio- nen wie Heiligenscheine oder Kronen.

So werden also die Figuren hergestellt, die dann in Kirchen und Kapellen auf uns herunterblicken, von Menschen verehrt werden und stimmungsvolle Atmosphäre ausstrahlen. Interessant ist das, aber auch ernüchternd!

Manches an süßlich lächelnden Figuren ist Geschmackssache – es handelt sich ja auch um volkstümliche Kunst – die Grenze zum Kitsch ist fließend. Dass aber auch bedeutende Künstler mit der Heiligenproduktion in Olot verbunden sind, zeigt die derzeitige Ausstellung im Obergeschoß mit Werken des Bildhauers Joaquim Claret (1879-1964).

Aber nicht nur Heiligenfiguren wurden in den Werkstätten hergestellt, sondern auch zum katalanischen Festrepertoire gehörige Giganten und Schwellköpfe. So wird die Oloter „Farandula“ gezeigt, die Familie der Oloter Giganten, Caps grossos und  Tiere (ein Drachen und ein Adler). In Videos sieht man sie in Aktion.

Interessant ist auch das Arbeitszimmer Vayredas, das Aufschluss über sein Leben und Werk gibt.

Nach einer Mittagpause in der sehenswerten Altstadt des vulkanumgebenen Olot, fahren wir ins Val d´en Bas. In Les Preses zweigen wir rechts ab nach El Mallol. Bald liegt das Dörfchen anmutig vor uns auf einer Hügelkuppe. Von oben, auf dem Kirchplatz, blicken wir in das grüne Tal mit seinen Bauernhöfen. Ringsum Berge. Hinter uns Vulkankegel, vor uns der 1500 m hohe Puig Sacalm mit seinen Felswänden an der Spitze.

Fortsetzung folgt