EMPURIABRAVA, 23.06.2017 - 22:41 Uhr

Wissenswertes aus Katalonien: Les Trementinaires – Die Kräuterweiber aus Katalonien (1)

von Dagmar Janzen

Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein streiften die Trementinaires durch die Wiesen, Haine und Wälder der Pyrenäen. Sie sammelten im Frühjahr Harze aus Koniferen, wild wachsende Heilpflanzen, würzige Blätter, Wurzeln, Samen, Pilze. Es ranken sich uralte Erfahrungen, Geschichten und magische Bräuche um besondere Kräuter mit bestimmten Eigenschaften. Diese Eigenschaften, die Bereitung und die Wirkung der Pflanzen kannten die Trementinaires. In mündlicher Überlieferung erfuhren sie davon und gaben ihre Kenntnisse weiter. Aufzeichnungen darüber gibt es nicht.

Die Trementinaires waren besonders geschickt in der Zubereitung von heilkräftigen Ölen und Salben. Der Name „Trementinaires“ kommt von Trementina – Terpentin. Das Terpentin wird von Kiefern und Fichten gewonnen, indem sie angezapft werden. Diese sind in reichlicher Zahl in den Pyrenäen zu finden. Terpentin war das Hauptmittel der Kräuterfrauen, mit dem sie Öle und Salben zubereiteten. Jede Trementinaire hatte ihre eigene Gewinnungs- und Zubereitungsart. Die Salben und Öle brachten Menschen und Vieh Linderung bei Schmerzen, Hauterkrankungen, schlecht heilenden Wunden, Asthma etc.

Im Herbst, wenn die Ernte im Schober war, machten sich die Trementinaires auf den Weg, von dem sie erst Weihnachten wiederkehrten. Im Gepäck Proviant und ihre Öle und Heilmittel. Sie „ gingen in die Welt“ – wie es heißt. Und es war für sie ein weiter und beschwerlicher Weg aus den Bergen und Tälern der Hochpyrenäen Sie gingen zu zweit, eine jüngere und ältere. Sie mieden die großen Städte und Märkte. In den Siedlungen und Dörfern bis ins Emporda warteten schon ihre Patienten. Jede Trementinaire hatte ihren eigenen Weg zu gehen und ihre Kunden zu besuchen. Sie kannten ihre Patienten und haben ihnen sicher nicht nur  Heilmittel verabreicht, sondern sind auch sonst auf sie eingegangen. Man muss bedenken, im 19. Jahrhundert, ihrer Hauptzeit – gab es keine geregelte ärztliche Versorgung auf dem Lande. Damals gab es noch kein Antibiotikum, jeder Infekt konnte der letzte sein. Es galt das Fieber zu senken, Schmerzen zu stillen, den Kreislauf zu stabilisieren, Wunden zu heilen. In der Gegenwart hat man wieder die Wirkung von Naturheilmitteln entdeckt. Aber es ist ein großer Verlust, dass die Tradition und das Wissen der Trementinaires abgebrochen und zum großen Teil verloren gegangen ist.

Dabei ist die Naturheilkunde uralt. Als Paracelsus, der große Alchimist und Arzt im 16. Jahrhundert, die Berge, Wiesen und Wälder als Gottes Apotheken auswies, wiederholte er eine Erfahrung, die schon vorgeschichtliche Menschen gemacht hatten und die in geschichtlicher Zeit Wissen war. Altägyptische Priester, römische, griechische , jüdische und arabische Gelehrte, christliche Mönche und „weise Frauen“ des Mittelalters wussten um die Heilkraft der Pflanzen. Es stellte sich in unseren Zeiten auch wissenschaftlich heraus, dass in der Volksheilkunde Heilpflanzen, richtig dosiert und angewendet, Heilerfolge brachten.

Dies wussten die Bauern und Hirten Kataloniens aus Erfahrung, sie schätzten die Trementinaires und waren für ihre Dienste dankbar.

Fortsetzung morgen