EMPURIABRAVA, 30.03.2017 - 00:50 Uhr

Kinder, Kirche, Missbrauch

Dr. Wolfram Janzen/ Dagmar Bleil

„Was sagt ihr zu den Missbrauchfällen in der katholischen Kirche?“ So fragen uns Bekannte jetzt immer wieder. Wir – die Verfasser dieses Artikel – sind: ein evangelischer Theologe und  Lehrer im Ruhestand und eine Psychotherapeutin mit langjähriger Praxis. Wir nehmen an, dass man uns fragt, weil man erwartet, dass wir von Berufs wegen eine erhellende Antwort geben können. Offenbar beschäftigt und beunruhigt das Thema viele Menschen – und sicher auch ARENA-Leser. Denn hier sind ja Institutionen betroffen, die Kirchen, die  in der Gesellschaft für die Vermittlung von moralischen Werten stehen und Glaubwürdigkeit beanspruchen  Nicht wenige sagen: “Wir haben´s ja gewusst, alles Heuchler!“ Aber immer noch bieten die Kirchen vielen Halt und Hoffnung in ihrer Lebensorientierung. Da können diese Vorfälle schon eine Verunsicherung, wenn nicht eine Vertrauenskrise auslösen.

Wir beide meinen, dass in der öffentlichen Diskussion und im privaten Gespräch manches schief läuft. Wir möchten mit unseren Äußerungen dazu beitragen, dass die Diskussion versachlicht wird. Wir möchten unter fachlichen Gesichtspunkten Stellung nehmen: theologisch und psychotherapeutisch.

Missbrauch von Kindern durch Priester – die Tatsachen

Was ist passiert? Es ist herausgekommen, dass eine beträchtliche Zahl an Priestern der katholischen Kirche in verschiedenen Ländern, vor allem in Irland, den USA, in Deutschland mit Kinder und Jugendliche sexuelle Handlungen vollzogen haben. Das konnte von Anzüglichkeiten, Berührungen bis zu drastischen Praktiken, von Angeboten über Druck bis zu Gewalt gehen. Dies passierte meist in kirchlichen Schulen und Internaten, aber auch in gemeindlichen Bereichen. An den Tag gekommen sind diese Fälle, weil die Betroffenen, oft nach Jahrzehnten, ihr Schweigen gebrochen haben. In vielen Fällen wurde deutlich, dass die Betroffenen unter dem, was sie als Kinder und Jugendliche erlebt hatten, ihr Leben lang gelitten haben.

Der katholischen Amtskirche waren diese Fälle oft bekannt, aber man war bemüht, sie nicht an die Öffentlichkeit kommen zu lassen. Manchmal wurden Betroffenen, die sich an die Kirchenoberen wandten, hohe Schweigegelder bezahlt. Man wollte „Schaden“ von der Kirche, nicht von den Opfern abwenden. Die katholische Kirche beansprucht traditionellerweise in diesen Fällen ihr eigenes, das „kanonische“ Recht. Dies sieht vor, dass solche Fälle von der „Glaubenskongregation“ in Rom behandelt werden (deren langjähriger Vorsitzende der heutige Papst war). Die Bischöfe können nicht selber handeln, sondern müssen die Fälle nach Rom melden. Meist wurden milde Disziplinarstrafen ausgesprochen. Die Priester wurden einfach in eine andere Gemeinde oder an andere Stelle versetzt, ohne dass man sich um die Problematik dieser Menschen groß kümmerte. An zivile Gerichte kamen die Fälle selten und auch hier war man meist bestrebt, das Ganze unter den Tisch zu kehren und Maßnahmen der Kirche zu überlassen.

Diese Praxis des Schweigens und des Verharmlosens ist nun an ihr Ende gekommen. Eigentlich wäre dies eine Chance für die katholische Amtskirche zur Selbstbesinnung.

Aber das Ärgernis ist nicht nur, dass manche Priester ihre geistliche und erzieherische Rolle  missbraucht haben und ihre Triebbefriedigung über ihre erzieherische und seelsorgerliche Verantwortung gestellt haben. Ärgernis ist auch, dass die Amtsträger der Kirche bis hin zum Papst überwiegend und weiterhin keine klaren und aufrichtigen Worte zu den Geschehnissen finden. Auch damit wird großer Schaden für die Kirche angerichtet. Wir sagen hier ausdrücklich „die Kirche“, obwohl die katholische Kirche angesprochen ist. Denn der Öffentlichkeit fällt es zunehmend schwerer, zwischen den christlichen Konfessionen zu unterscheiden. Was die eine Konfession falsch macht, fällt auch auf die anderen zurück.

Die evangelische Kirche und die orthodoxe haben das Problem nicht in dieser Weise wie die katholische Kirche, was aber nicht heißt, dass derlei nicht auch bei ihnen vorkommt. Am Beispiel der Odenwaldschule und anderen Internaten hat sich gezeigt, dass „Pädophilie“ und „Päderastie“ in allen erzieherischen Institutionen vorkommen, nicht nur in kirchlichen und katholischen. Was uns stört, ist nun, dass weder die katholische Amtkirche, noch auch die Öffentlichkeit nach den Ursachen für die Vorfälle fragt. Viele, oft auch Medien- und Presseleute, hängen ihre Kirchenfeindlichkeit und ihre Unwissenheit in kirchlichen Dingen undifferenziert und pauschal an diesen Geschehnissen auf, nach dem Motto. Das ganze Kirchenwesen und das Christentum sind schlecht, schädlich, unnütz. Man hat den Eindruck, die katholische Kirche, deren Amtsträger in der Geschichte sicher oft andere zum „Sündenbock“ gemacht haben, wird nun selbst zum „Sündenbock“ für viele Übel gemacht.

Dabei wird nicht beachtet, dass das Fehlverhalten einer  Minderheit von kirchlichen Amtsträgern nur ein Teil der kirchlichen Wirklichkeit ist und der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist. Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen kommt am häufigsten  in Familien und Verwandtschaft vor.

Fortsetzung morgen