EMPURIABRAVA, 24.05.2017 - 13:49 Uhr

Auf den Spuren von Josep Pla – ein literarischer Streifzug (5)

Von Dr. Wolfram Janzen

Fortsetzung von gestern

Wir fahren nun zu einem weiteren Ort der Ruta Pla: Nach Sant Sebastia,  Vom hoch auf schroffen Felsen gelegenem Leuchturm und der heute zum Hotel umgestalteten Einsiedelei entfaltet sich ein eindruckvoller  Ausblick auf das hier unendlich erscheinende Meer, die Küstenlandschaft mit ihren Felsen, Pinienwäldern, Stränden und Ansiedlungen. Die versteckten Buchten und Strände waren für Pla Orte des „Traums vom freien Leben“ - er beschreibt dies in einer Erzählung über einen Segeltörn mit dem Fischer Hermos. (Der Untergang der Cala Galiota. Geschichten vom Meer, Eine gescheiterte Reise, Berlin 2007)   Wir blicken nach Llafranc und Calella hinunter. Auf der anderen Seite der Küste – nicht sichtbar: Tamariu. Landeinwärts sehen wir die Berge, Felder und Wälder um Palafrugell und die Häuser der Stadt. Sant Sebastia ist für Pla „Der Genius Loci…persönlich und in meinem literarischen Werk“. Hier erfuhr er als Jugendlicher seine Berufung zum Schriftsteller und erkannte, „dass Sant Sebastia für mich die Ewigkeit bedeutet.“ (El meu Pais, 1968, auch in: Willkommen in Katalonien, S. 53) Denn: „Die Einsiedelei ist das Wesen unseres Geistes, das immerwährende Bollwerk unserer Region. Diese vier weißen Wände lassen mich meine Wurzeln spüren: Dies ist mein Land…ihr galt unser erster Blick, sie ist… der Wachtturm, von dem aus die Sterne näher erscheinen und man sich eine Vorstellung vom ausgedehnten Panorama der Welt machen kann… Und das letzte, was wir sehen werden, wenn wir sterben, und was unsere Toten sehen, ist der Bug der Einsiedelei, hängend zwischen Meer und Himmel, schwebend in der Leere des fabulösen Vergessens. ( Das graue Heft, 1919, 3. Jan.)

Wir können dies – heute in der Ruhe der touristenarmen Zeit - nachempfinden, den Panorama- weg umwandernd, die wuchtigen Mauern und den Turm der Einsiedelei betrachtend, die Ruinen des iberischen Dorf durchschreitend und schließlich durch Fenster der Einsiedelei und der Hotelräume auf das Blau des unermesslichen, bewegten Meeres und die Weite des lichterfüllten Himmels blickend… „Sant Sebastia ist eine Einsiedelei, die von Unendlichkeit umgeben ist.“ (Pla)

Am Ende unserer literarischen Reise besuchen wir den Friedhof von Llofriu. In den „Notes de capvestrol“ (Abendliche Notizen) hat Pla verfügt: „ Als Einziges wünsche ich mir, dass man mich auf dem Friedhof von Llofriu, meiner Pfarrgemeinde, beisetzt. Nur im Beisein meiner nächsten Angehörigen, ohne Bekanntmachung, und der entsprechende Priester soll dabei den lateinischen Hymnus rezitieren: Dies irae, dies illa… ( Tag des Zorns, jener Tag, löst die Welt in Asche auf – aus der Totenmesse). Wir blicken durch das schmiedeeiserne Tor mit dem Kreuz, über dem der Mond im abendlichen Himmel steht, in das Feld der weißen Nischengräber. Eines von vielen bewahrt die sterblichen Reste Plas. Am Tor lesen wir auf metallenen Seiten: “ Da wir schon alle sterben müssen, gilt um so mehr, dass wir keine Eile haben sollten. Es gibt keine Konzeption der Welt, die diese rechtfertigen könnte.“

Ende der Serie