EMPURIABRAVA, 23.11.2017 - 08:39 Uhr

Auf den Spuren von Josep Pla – ein literarischer Streifzug (4)

Von Dr. Wolfram Janzen

Fortsetzung von gestern

Man hat Pla seine Beteiligung am Franquismus und seine Gegnerschaft zu den Linksrepublikanern sehr übel genommen und die Meinungen darüber sind in Katalonien heute noch geteilt. Man muss aber sehen, dass Pla sich schließlich gegen jede totalitäre Ideologie und utopistisches Weltverbesserungsstreben ausgesprochen hat. Er ist ein „Antifanatiker“ in Person, der die menschliche Natur und Geschichte illusionslos sieht und jedem Glaubensüberschwang abhold ist. Metaphysik und Religion sind nicht seine Sache. Er plädiert für das Reale, Lokale, Individualismus, Vielfalt und Toleranz. Insofern können sich auch radikale Katalanisten nicht auf ihn berufen.

Ein Zitat: „ Nun beginnt man endlich zu verstehen, dass aus dieser herrlichen Vielfalt, dieser Essenz des Lebens in Europa, eine angemessene und leidenschaftslose europäische Integration entstehen könnte. Eine friedliche Koexistenz kann es jedoch nicht geben, bevor nicht die Leidenschaft, sich anderen überlegen fühlen zu wollen, getilgt ist.“ (Die Grenzmark und das Emporda, 1968).

Ab 1948 ( er kann jetzt auch wieder katalanisch schreiben) lebt Pla – unterbrochen von Reisen - auf dem väterlichen Hof bei Llofriu bis zu seinem Tode ein zurückgezogenes, ruhiges, unabhängiges und arbeitsames Leben. Ein Intellektueller, der sich als traditionsbewusster Katalane gibt und unter Bauern, Fischern und regionalen Unternehmern lebt. 1971 erleidet der bisher mit einer stabilen Gesundheit Versehene  einen Herzinfarkt. Man rät ihm von Wein, Zigaretten und Kaffee abzulassen ( diese Anregungsmittel sind auf einem Tisch in der Ausstellung als einige seiner Lebenssymbole ausgestellt). Er antwortet: „ Wenn ich nicht rauche, nicht trinke, und auch keinen Kaffee zu mir nehme, kann ich nicht schreiben, und wenn ich nicht mehr schreibe, warum soll ich dann noch leben?“ 1975 besucht ihn das Kronprinzenpaar Juan Carlos und Sofia. 1980 verleiht ihm Präsident Josep Tarradellas (den er schon im Exil aufgesucht hatte) die Goldmedaille der Generalitat. Bei seinem Tod hinterlässt er 38 Bände der von ihm ab 1956 gesammelten und redigierten Obra Completa (Vollständige Werke).

Nach dem Besuch der Fundacio Pla ziehen wir weiter zum Haus in der Carrer Torres Jonama, 56, der früheren Carrer del Sol.  In diesem doch stattlicher als das Geburtshaus anzuschauenden Gebäude verbrachte Pla seine weitere Kindheit und Jugend. Heute befindet sich darin ein exquisites, von Verwandten betriebenes Restaurant „Pa i Raim“ ( Ein Buchtitel Plas). Pla hat übrigens ein Buch über die traditionelle katalanische Küche geschrieben: „El que hem menjat“, 1972 (Das was wir speisten). Durch enge Gassen, über die prächtig ausgemalte und liebevoll ausgestaltete Kirche kommen wir über die Markthallen zum Mittelpunkt des Ortes, der Placa Nova. Wie Pla begeben wir uns in das hervorstechende Jugendstilgebäude des Vereinshauses Centre Fraternal. Dort in der großen Restauranthalle traf sich der junge Pla oft mit seinen Freunden, diskutierend, Pernot- und kaffeetrinkend. Wir tun desgleichen.

Nach der Mittagspause spazieren wir zur alten von Deutschen gegründeten Korkfabrik  Vinke i Meyer (Can Mario - heute Museum für moderne katalanische Fotographie und Kunst) mit ihrem emblematischen Wasserturm. Korkverarbeitung hatte seinerzeit das ländliche Palafrugell zur Industriestadt gemacht. Wir versäumen auch nicht, das interessante Korkmuseum zu besichtigen. Dann führt uns ein Gang in die „Enge Gasse“ ( carrer estret), Schauplatz des „Romans“ von Pla „Enge Strasse“ (El Carrer Estret, 1951, deutsch: Zürich 2007). In dieser Sammlung von Geschichten aus dem fiktiven Ort „Torrelles“ spiegelt Pla das Leben der „kleinen Leute“ in einer Vorstadtgasse Palafrugells vor den Bürgerkriegszeiten. Distanzierter Erzähler und Beobachter ist ein junger Tierarzt, der hier seine erste Stelle antritt und in die „Enge Gasse“ zieht. Seine Informantin ist die eigenwillige Haushälterin Francisqueta. Pla erzählt hier - nicht ohne Ironie – von doch recht skurrilen, aber typischen Gestalten mit ihren Schicksalen. Wir versuchen einige der von Pla beschriebenen Örtlichkeiten zu identifizieren, was in der heute zur Geschäftsstrasse umgestalteten Gasse schwierig ist. Auf einem Vorplatz hören wir die Geschichte von dem Ladenbesitzer Epifanio Pujol, der mit seinem geliebten Hund Murillo sonntags die Bar Montseny besucht. Da der Hund in der überfüllten Bar Unruhe stiftet, verlangt der Wirt die Entfernung des Tieres. Nach heftigem Disput und unter dem Hohngelächter der Barbesucher verlässt Pujol mit seinem Hund die Bar tief beleidigt. Er tut den Schwur, sein Geschäft nie mehr zu verlassen – außer zur Frühmesse -, ehe ihm nicht Genugtuung geschieht. Dies befolgt er eisern. Den Hund hingegen kann der Erzähler in ruhigen Stunden am Ofen der Bar selig schlummern sehen.

Fortsetzung morgen