EMPURIABRAVA, 23.09.2017 - 09:38 Uhr

Auf den Spuren von Josep Pla – ein literarischer Streifzug (2)

Von Dr. Wolfram Janzen

In Palafrugell (Etymologie: Palatio Frugelli) angekommen, begeben wir uns in den Carrer Nou, zum Geburtshaus des Schriftstellers. Ein in der engen Strasse hochragendes Haus mit klassizistischer Front, verbunden mit dem Nachbarhaus im selben Stil. Es strahlt Bürgerlichkeit und einen gewissen Wohlstand aus. Eine Kachel informiert uns, dass dies der Punkt 1 der „Ruta Josep Pla“ ist und eine Tafel, dass er hier geboren wurde. „Ich wurde auf jeden Fall im Carrer Nou – oder auch Carrer del Progres –geboren, einer tristen und langen Straße, gerade wie eine Kirchenkerze, die vom Carrer de la Caritat zur Bahnlinie nach Palamos führt. Das Haus war ein ziemlich hohes Ungetüm, und die Fassade ging nach Norden.“ ( Das graue Heft).

Das Tagebuch bestätigt das bürgerliche Milieu, in das Pla hineingeboren wurde und das ihn prägte. Der Vater besaß Land, eine kleine Getränkefabrik und eine Ziegelei. Es gibt aber noch andere Erbteile, die Pla prägten: die Vorfahren  väterlicherseits waren alteingesessene Bauern in Llofriu (bei Palfrugell), wo sie den Hof  Pla besassen. Die Mutter war Tochter eines Schmiedes in Palafrugell.

Pla – ein „Senor de Palafrugell“ also, ein „peix fregit“ (gesottener Fisch), wie der Spitzname der Palafrugellianer lautet. Die Herkunft Plas ist eine der Wurzeln seiner politischen Haltung, seines Konservatismus, und eines grundlegenden Anliegens seiner literarischen Tätigkeit: die „kollektive Erinnerung“ und die „kollektive Persönlichkeit“ der Katalanen nach dem Bruch des Bürgerkrieges 1936-39 und der nachfolgenden Zeiten zu bewahren. („Die Grenzmark und das Emporda“)

Wir läuten am Eingang der Fundacio (Stiftung) Josep Pla und werden freundlich von einer jungen Dame empfangen.  Das Geburts- und jetzt damit verbundene Nachbarhaus ist zu einer Art Museum umgestaltet, das Leben und Werk Plas gewidmet ist. Wir schauen uns um. Eine große Tafel mit Fotographien aus den verschiedenen Lebensabschnitten des Schriftstellers und Zitaten aus seinen Schriften zieht unseren Blick auf sich. Ein Kaleidoskop, dessen Vielfalt sich beim Rundgang durch die Ausstellung ordnen wird. Der junge Pla: ein gut aussehender junger Mann mit vollem Gesicht und breiten Wangenknochen, der mittlere elegant, weltmänisch in der damaligen Mode, der alte mit abgemagerten Gesicht, aber lebendigem Mienenspiel und wachen, verschmitzten Augen, konservativer Katalane durch und durch in Habitus und Kleidung, insgesamt: ein Mensch, sensibel, sympathisch und mit Ausstrahlung.

Wir sehen einen Film „Pla als Reisender“. Wir verstehen nicht viel vom katalanischen Text – es sind  Originaltexte von Pla – aber die Bilder sprechen für sich. Die Welt, in der Pla aufwuchs, wurde gezeigt, Stationen seiner ersten Lebenshälfte, die politisch und sozial bewegten zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts. Es wird deutlich: Pla ist kein katalanischer Provinzler, sondern ein Europäer und Kosmopolit mit regionaler Bindung.

Als Korrespondent verschiedener katalanischer und spanischer Zeitung ist er in ganz Europa und darüber hinaus herumgekommen: Frankreich (Paris), Italien, Deutschland (Berlin), England, Russland (Moskau), Portugal, später Vereinigte Staaten (New York), Südamerika, Israel etc. Überall beobachtete er das politische, auch kulturelle Leben, Land und Leute und schrieb darüber Artikel und Reiseberichte. (Als Deutscher wüsste man gern, was er aus Deutschland in der Hitler-Zeit geschrieben hat, aber leider gibt es davon keine Übersetzungen.) „Herumvagabundieren“ war ein Element seines Lebens. In der Fotosammlung am Eingang der Fundacio Pla findet sich ein Zitat zum Reisen:

„ Das Reisen ist das beste Heilmittel gegen die Krankheit der Nähe…“ (d.h. der Beschränktheit). Und Pla empfiehlt es besonders Politikern und Intellektuellen, die gern auf der Stelle treten und das mit Gehen verwechseln. Als Symbole für seine Reisen sind in der Ausstellung die zwei abgeschabten kleinen Lederkoffer zu sehen, die Pla benutzte.

Wir beginnen den Rundgang. Vom Nachbarhaus schreiten wir an einem Brunnen, der beide Häuser verband, ins Geburtshaus, Raum einer von Gesundheit, Wohlbefinden und Zärtlichkeit geprägten Kleinkindzeit. Pla schreibt in seinem Tagebuch, dass er als Baby von seiner Mutter der Nachbarin, Fräulein Enriqueta Ramon, über „den Abgrund des Brunnens“ in die Arme gereicht wurde. Nach Ansicht Plas war das eine frühe Gewöhnung an die „Aufregungen und Gefahren des Lebens“ und Zeichen „der maßlosen menschlichen Unvernunft“. Dann fällt der Blick über ein Lesepult der Bibliothek des Atheneus in Barcelona – jenem „Musentempel, in dem der Student Pla wesentliche geistige Anregungen und Bekanntschaften fand – durch ein großes Fenster auf eine Terrasse. Hier und dahinter befanden sich in der Kindheit Plas Gärten – heute befindet sich dort ein Parkplatz. Pla führt seine Vorliebe für „die ordentlichen und adretten Dinge“ auf den frühen Anblick dieser gepflegten Gartenlandschaft zurück.

Fortsetzung morgen