EMPURIABRAVA, 30.03.2017 - 00:49 Uhr

Karneval in Katalonien

von Dr. Wolfram Janzen

Nicht wenige unserer Leser werden sich in den nächsten Tagen Karnevalsumzüge in unserer Region und einige mit dem katalanischen „Carnaval“ in Zusammenhang stehende Veranstaltungen ansehen. Manches wird ihnen aus ihrer Heimat bekannt, manches befremdlich erscheinen.

Karneval wird vor allem in den katholisch geprägten Ländern gefeiert. Es bezeichnet eine Reihe von Tagen vor der österlichen Fastenzeit, die durch Ausgelassenheit, Schmausereien und Verkleidungen geprägt sind. Der Zusammenhang mit der kirchlich verordneten Fastenzeit ergibt sich aus der Bezeichnung, die wohl von lateinisch carne levare, d. h. „den Fleischgenuß aufgeben“ kommt. Ehe die ernste und durch Enthaltsamkeit geprägte Zeit des Gedenkens an die Passion Christi begann, hatte das Volk die Gelegenheit zur Freizügigkeit, zum „närrischen“ Verhalten, zum Schlemmen und (Be-)Trinken, zum gemeinsamen Feiern und zum Rollenwechsel, zum Verspotten der kirchlichen und weltlichen Autoritäten. Die „Laster“, die man ablegen sollte, wurden dargestellt und auch ausgelebt.

Wie überall in der katholischen Welt hat sich in Katalonien eine Tradition des Karnevals ausgebildet, die manche Eigenständigkeit aufweist. Aber auch innerhalb der „Hochburgen“ des katalanischen Karnevals, in Solsona, Sitges, Vilanova i la Geltru, Tarragona, Barcelona oder Roses gibt es Eigentümlichkeiten und Unterschiede mit verschiedenen Gebräuchen und Figuren.

Aber überall ist die Hauptfigur „Sa Majestat en Carnestoltes“, der „Karnevalskönig“, der

die Karnevalstage und ihr Treiben verkörpert und repräsentiert. „Carnestoltes“ ist auch die katalanische Bezeichnung für den Karneval. Dieses Wort hängt ebenfalls mit der Abkehr vom Fleischgenuß zusammen und leitet sich von lat. „carnes tolendas“, also dem „weg zu schaffenden Fleisch“ ab. Carnestoltes kann sich allerdings unter verschiedenen Namen und Gestalten verbergen, so ist er in Castello d´Empuries  der „Janot“, in Vilanova der „Moixo Foguer“, das „Feuervögelchen“, eine in Vogelfedern gekleidete Gestalt, der „Narr“ im Federkleid. Ursprünglich ist der Carnestoltes ein „Ninot“, eine Puppe, was sich in manchen Orten erhalten hat, aber meistens wird er jetzt durch einen jungen Mann repräsentiert. Vielerorts hat er auch eine „Concubina“ oder eine „reina“, die Karnevalskönigin“. In ihm haben sich die Katalanen, die in der Geschichte so oft von eigenen und fremden Herrschern und Herren unterdrückt wurden, einen eigenen volkstümlichen König geschaffen, der die Regeln und Anordnungen der Obrigkeiten unterläuft und verspottet. Dieser „König“ hat „anarchistische“ und „individualistische“ Züge, was ja durchaus im katalanischen Volkscharakter verankert ist.  So hat sich auch die Obrigkeit immer wieder gegen das Karnevalsstreiben gewandt.

In Roses haben wir die erste dokumentarische Erwähnung des Karnevals 1780.  Damals beklagte sich der Bürgermeister von Roses in einem Schreiben an die übergeordnete Behörde über den spanischen Militärgouverneur wegen dessen Geringschätzung der „autochthonen“ Bevölkerung und weil er im Namen der Ordnung die „Zelebrierung“ des Carnavals verbieten wollte. 1936 verbot Franco den Karneval mit seinen Verkleidungen und satirischen Elementen. Die Einwohner von Roses wussten sich aber zu helfen und feierten ihn weiter mit Bällen und Gemeinschaftsessen in Sälen (allerdings ohne Masken - und unter Aufsicht der Guardia Civil), als „ folkloristisches“ Fest. Nach der Franco- Zeit begann dann das Wiederaufleben des Karnevals in Katalonien.

Mancher mag bedauern, dass die Herrschaft des freizügigen „Narrenkönigs“ nur so kurz

dauert, vom „Dijous Gras“ – dem „schmotzigen“ (schmalzig-fetten) Donnerstag - an dem in Katalonien Omeletts (truita), Schweinefüße, butifarra (Bratwurst) und Coca de Llardons (schmalzgebackenes Hefegebäck) gegessen wird, bis zum „Dimecres de Cendra“, dem Aschermittwoch. Schließlich haben sich die „Comparses“, die in „collas“, Gruppen, zusammengeschlossenen und in den Umzügen einheitlich auftretenden Teilnehmer, lange auf diese Tage vorbereitet.

Fortsetzung morgen