EMPURIABRAVA, 30.03.2017 - 00:48 Uhr

Der Wolf in Katalonien – Mythen und Realität (6)

von Dr. Wolfram Janzen

Fortsetzung von gestern

Unter den versteinerten Blicken der Anwesenden warf sich der Sohn wieder über die Wölfin und bat sie um Verzeihung. Bei der Wärme des Feuers und der Liebkosungen erwachte die Wölfin zum Leben. Mit Blicken bedeutete sie dem Geliebten, ihr die Felle abzuziehen.

Und siehe da: in voller menschlicher Schönheit lag sie wieder da, einige Blutstropfen auf ihrem Bauch und ein leuchtendes  Kind zwischen ihren Beinen.

Der Wolf war eben nicht nur eingewöhnliches Tier im Zyklus der Natur, sondern ein Wesen, das man im Laufe der Zeit mit dämonischen Zügen ausgestattet hatte. Zum einen war er ein Symbol für Wildheit und Ungebundenheit, die die Gesellschaft mit Argwohn betrachtete. Zum anderen brachte man den Wolf  mit dem Bösen in Verbindung. Wölfe begleiten den dämonischen Grafen Arnau der katalanischen Mythologie auf seinem wilden Ritt der verdammten Seelen. Diese„Legenda negra“, die Aura des Unheimlichen, prägen die Mythen, Märchen und Erzäh- lungen über den Wolf und trugen letztlich zu seiner unerbittlichen Verfolgung bei.

Wolfsforscher sind der Auffassung, dass die Gefährlichkeit des Wolfes, die ihm zugeschrieben wurde und wird, nicht der Realität entspricht.  Es gibt zwar viele Berichte, auch aus Katalonien, die von Attacken auf Menschen berichten. So spricht der Arzt B. Seudil aus Vilamajor 1825 im „Diario de Barcelona“ davon, dass in der Gegend des Montseny  8 Menschen durch Wölfe zu Tode gekommen seien (wohl hauptsächlich Kinder) und es eine Reihe von Verletzten gegeben habe. Der letzte tödliche Wolfsunfall in Spanien soll 1973 gewesen sein, wo in Galizien ein Kind einem Wolf zum Opfer fiel. Es lässt sich aber nicht mehr feststellen, ob in all diesen Fällen wirklich Wölfe die Todesursache waren. Man war sicher schnell bei der Hand, von der Tötung durch einen Wolf auszugehen, wenn ein Mensch verschwand oder Reste gefunden wurden. Dabei konnte es auch andere Ursachen geben: Verbrechen, Unfälle…wobei es dann möglich war, dass Wölfe oder andere Tiere sich über den Leichnam hermachten. Vieles, was man Wölfen zuschrieb, ist auf wilde Hunden zurückzuführen, die weniger Scheu vor dem Menschen haben als der Wolf und nicht nur  wie dieser einzelne Tiere ergreifen, sondern die ganze Herde reißen.

Sicher: der Wolf ist ein wildes Tier und man sollte ihm gegenüber Vorsicht walten lassen.

Aber in der Regel hat er eine Scheu vor dem Menschen und greift nur in Ausnahme- situationen an, etwa wenn er provoziert oder in die Enge getrieben wird. Wenn er wieder in bestimmten Gegenden Kataloniens heimisch und toleriert wird, wird damit anerkannt, dass er eine wichtige Rolle bei der Wiederherstellung von ursprünglichen Naturräumen spielen kann: er reguliert die Überzahl von Wildarten (Wildschweine), er beseitigt schwache und kranke Tiere und trägt so zur Vermeidung von Tierseuchen bei. Gibt man ihm (kontrolliert) Raum und lässt ihm seine natürlichen Beutetiere, dann wird sich auch die Zahl der Angriffe auf domestizierte Tiere in Grenzen halten.

Zum Schluss ein Sprichwort aus der Vielzahl von sprichwörtlichen Redensarten im Spanischen und Katalanischen: Cada boig amb el seu tema i cada llop per sa senda – Jedem Narren sein Thema und jedem Wolf seinen Weg.

Ende der Serie