EMPURIABRAVA, 23.11.2017 - 08:40 Uhr

Der Wolf in Katalonien – Mythen und Realität (5)

von Dr. Wolfram Janzen

Fortsetzung von gestern

Die Hirten praktizierten auch sonderbare Gebräuche als Abwehrzauber, die man vor allem in der Johannisnacht anwandte. Dies sollte Schafe und Hunde das übrige Jahr vor den Angriffen von Wölfen schützen. Man kannte Beschwörungformeln wie das „Vaterunser der Wölfe“. Einer dieser Formeln besagt, dass „unser Herr“ (Jesus) und Sankt Peter dem Wolf Lobas begegnen. Sie fragen ihn, wohin er gehe. Er antwortet: Nach Aytal, um dort Fleisch zu fressen und Blut zu vergießen. Das tust du nicht, sagt ihm „unser Herr“. Geh auf die Weiden und in die Berge, um Gras und Kräuter zu fressen oder verschwinde im Meer, dass du hier keinen Schaden mehr anrichten kannst.

Dies erinnert – mit Unterschieden - an den Heiligen Franziskus von Assisi, der nach der Legende mit dem Wolf von Gubbio sprach, ihn davon abhielt, weiter Schaden zu stiften und ihn mit den Menschen von Gubbio versöhnte. Dies machte ihn zum Patron und Vorbild der Naturschützer.

In diesem Zusammenhang ist eine obskure Gestalt zu nennen, der Llobater oder Pare llob, der Wolfsbeschwörer. Es handelt sich um Menschen, die angeblich mit den Wölfen kommunizieren konnten. Sie setzten sich mit dem Anführer eines Wolfsrudels in Verbindung und hielten ihn davon ab, eine Herde zu attackieren. Dafür erhielten sie Gaben oder Geld. Es wird berichtet, dass ganze Herden von Eigentümern oder Hirten, die nicht zahlten, aufgerieben wurden. Es ist schwer zu entscheiden, ob es sich um Menschen mit besonderen Fähigkeiten handelte, oder um Erpresser, die sich den Aberglauben der Bevölkerung zu Nutze machten. Manchmal sollen sich diese Menschen zeitweilig auch in Wölfe verwandelt haben. Wir kommen damit in den Bereich des Mythos vom Wolfsmenschen.

Aus der Cerdanya stammt folgende Geschichte ( Jordi Pere Cerda, La Dona Lloba, Contalles de Cerdanya, Barcelona 1961):

Ein reicher Viehherdeneigentümer war sehr hart zu seinen Hirten. Einem von diesen ging ein Schaf verloren. Der Eigentümer schickte ihn in die Nacht, um das Schaf zu suchen. Der Hirt stieß auf einen Wolf, der dabei war, das Schaf zu verzehren. Er wollte ihn töten, aber der Wolf sprach: „Töte mich nicht. Ich bin dem Schaf ein Wolf, dein Herr ist dir ein Wolf und wenn du mich tötest, bist du mir ein Wolf.“ Er bot dem Hirten eine Kompensation an: drei Wolfspelze, einen vom  Ende, einen von der Brust, einen vom Kopf eines Wolfes. Wenn der Hirt sich diese Pelze überstülpe, dann würde er zum Wolf werden. Dazu müsse er sprechen; „Raca de llop, Raca de ca, fes que torni el llop, Llob Llobarras – Art des Wolfes, Art des Hundes, mach, dass der Wolf zurückkehrt, Wolf Llobarras.!“ Um wieder Mensch zu werden, solle er einfach die Felle abziehen.

Der Hirte kehrt zu seinem Herrn zurück, der ihn halb tot schlagen ließ. Sterbend vertraute er das Geheimnis seiner schönen und jungen Tochter an und nahm ihr das Versprechen ab, sich zu rächen. In der Nacht verwandelte sich das Mädchen in eine Wölfin, die die Herden des Herrn heimsuchte. Da alle Mittel nichts gegen die nächtlichen Überfälle halfen, holte der Herr seinen Sohn aus der Stadt. Dieser verwundete die Wölfin und verfolgte sie bis zu ihrer Behausung. Dort fand er eine junge, schöne Frau schlafend vor. Drei Blutstropfen glitzerten an ihrer Ferse. Der junge Herr verliebte sich in in die Hirtentochter und beide verbrachten glückliche Wochen in der Hütte. Aber dann wandelte die junge Frau wieder das Verlangen an, zu rächen und zu töten. Sie entfernte sich nachts und setzte ihr Mordwerk an den Herden fort. Die Wolfsfrau war schwanger geworden und  der junge Mann bat seinen Vater um Erlaubnis, das Mädchen heiraten zu dürfen, was dieser ihm versagte. Inzwischen hatte der Sohn Verdacht geschöpft. Die Wölfin wurde gestellt und von Vater und Sohn schwer verwundet. Verzweifelt warf sich der Sohn über den Tierkörper, nannte ihn Geliebte und küsste die grässliche Schnau- ze. Man brachte die Wolfsfrau in die Küche des Hauses.

Fortsetzung morgen