EMPURIABRAVA, 23.09.2017 - 09:39 Uhr

Der Wolf in Katalonien – Mythen und Realität

von Dr. Wolfram Janzen

Fortsetzung von gestern

Ortsbezeichnungen zeigen an, wo man Wölfe antraf. In Cantallops – wörtlich: wo der Wolf singt – hörte man des Nachts das Heulen der Wölfe in den Häusern. Auch im Ortswappen findet sich ein stilisierter Wolf. Über Roses und Vilajuiga gibt es caus de llops –Wolfshöhlen.

Bei Sant Climent Sescebes die Serra Llovera (Llovera ist der Aufenthaltsort von Wölfen), über Colera den Puig (Gipfel) del Llop, den Coll (Pass) del Llob, bei Espolla die Font Llovera (den Wolfsbrunnen) usw.

An manche dieser Orte knüpfen sich volkstümliche Erzählungen. Über Pau gibt es ein „Weißes Kreuz“. Der Sage nach soll dort ein Abgesandter des Klosters Sant Pere de Roda

durch Wölfe umgekommen sein. Auch bei Sant Sadurni (bei Bisbal) an der Nordseite der Gavarres gibt es eine Säule mit Kreuz. Sie erinnert an einen Musiker, der einem Wolf entkam.

Der Mann kehrte mit seinem Instrument, einer Violine, von einer Veranstaltung in den Häusern von Montnegre in der Dunkelheit zurück. Ein großer Wolf folgte ihm und stellte sich ihm in den Weg. Der Musiker kletterte auf eine Korkeiche. Dabei blieb eine Saite seiner Violine an einem Ast hängen und riss mit einem scharfen Laut. Dies erschreckte den Wolf so, dass er flüchtete. Der Ort heißt seitdem  Salt del Llop, Sprung des Wolfes.

Natürlich gab es den Wolf im Mittelalter – aber es wird wenig von Konflikten mit ihm berichtet. Offenbar fand er noch genügend Nahrung außerhalb der menschlichen Siedlungsgebiete. Man hatte Furcht vor ihm und ging ihm aus dem Weg. Ausdruck des Schreckens, der die Menschen vor den wilden Tieren des Waldes ergriff, sind die oft Menschen verschlingenden Simiots, Untiere, an den Portalen der romanischen Kirchen. König Joan I., genannt El Cacador (der Jäger), soll 1396 auf der Jagd bei der Begegnung mit einer Wölfin umgekommen sein. Unterhalb des Schlosses von Foixa, in einem Baum umstandenen Hohlweg, stieß der König auf eine riesige Wölfin. Trotz des Rufes des Königs „Auf die Wölfin!“ wagten dies weder die Hunde noch das Gefolge. Der König fiel (vor Schrecken?) vom Pferd und starb an den Folgen des Sturzes. ( So die „offizielle“ Darstellung,  andere sagten freilich, der König sei von Mitgliedern seines Hofes ermordet worden). Ein Kreuz erinnert dort an den Tod des Herrschers.

Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts häufen sich die Berichte über Wölfe und ihre Übergriffe. Die land- und weidewirtschaftlichen Flächen und ihre Nutzung hatten zugenommen, der Wald und die natürlichen Beutetiere des Wolfes abgenommen. So griff der Wolf notgedrungen auf die menschlichen Siedlunggebiete über und suchte sich Beute unter den Weidetieren. In den napoleonischen Kriegen gab es viele Verwundete und Tote, die in Wälder und auf Feldern liegen blieben und Wölfen zum Opfer fielen. So mag sich auch die natürliche Scheu der Tiere vor Menschen verringert haben.  Auf  königliche  und behördliche Anordnungen  wurden große Wolfsjagden veranstaltet, die auf die Ausrottung des Wolfes abzielten. Sie erwiesen sich freilich als kostspielig, aber wenig effektiv. Man behielt jedoch die amtlichen Prämien bei, die für einen getöteten Wolf gezahlt wurden. Es gab Landbewohner, die sich darauf spezialisierten und damit ein gutes Zubrot verdienten. So lieferte ein „Landarbeiter“, Josep Salvatella aus Rafart/ Celra, von 1832-40 den Behörden von Girona sieben tote Wölfe aus, darunter Wölfinnen – wofür es eine höhere Prämie gab – und ein Wolfsjunges , die er in der Nähe der Stadt  erlegt hatte, Zeichen dafür, dass die Tiere bis an die Städte kamen und sich dort auch vermehrten.

Wahrscheinlich konnte man damals nachts durchaus einen Wolf durch Girona schleichen sehen- auf der Suche nach Nahrung. Eine Erinnerung daran ist die „Legende“ von der Prozession durch die „Wolfsgasse“, in die sich ein Wolf gemischt haben soll, der dann ein kleines Mädchen ergriff und fortschleppte. 1904 wurde übrigens der Carrer de Llop

in Pujada Rei Marti umbenannt – man wollte wohl die Erinnerung an den wilden und übel beleumundeten „König der Wälder“ austilgen und durch das Gedenken an einen menschlichen König  ( Marti, El Huma) ersetzen. Auch das Original des in der Straße befindliche Reliefs aus dem 12. Jahrhundert, welches ein wolfsähnliches Ungeheuer zeigt, das einen Menschen überwältigt ( gemeint war wohl ein Löwe), befindet sich heute im Kunstmuseum.

Man fing die Wölfe in Gruben oder Fangeisen. Die Gruben waren reisigbedeckt und oft mit einem Köder versehen. Häufig trieb man die Wölfe durch enge Fels- oder anderweitig hergestellte Korridore. Den gefangenen Wolf tötete man mit Steinen oder Stockschlägen. Der Wolf wurde ausgeweidet und mit Stroh gefüllt. Manche Innereien wie das Herz galten als heilkräftig. Man brachte den Wolf ins Dorf, wo man ihn auf dem Hauptplatz ausstellte. Wieder schlug man auf den verhassten Feind mit Stöcken ein oder warf mit Steinen auf ihn.

Fortsetzung am Montag