EMPURIABRAVA, 23.06.2017 - 22:41 Uhr

Der Wolf in Katalonien – Mythen und Realität

Kehrt der Wolf wieder nach Katalonien zurück?

von Dr. Wolfram Janzen

In seinem Werk „Costumari Catala“ („Katalanische Bräuche“/1950-56) hatte der bedeutende katalanische Volkskundler Joan Amades auch die im Volke umherlaufenden Geschichten über Wölfe und die mit ihnen zusammenhängenden Bräuche gesammelt und beschrieben.

2004 veröffentlichte der katalanische Schriftsteller und Direktor des „Centro de Historia Contemporanea“, Albert Manent, sein Buch über den Wolf in Katalonien: „El Llobo a Catalunya, memoria, llegenda, historia“. Diese Bücher sollten ein Abgesang auf ein Tier sein, das das Leben der Landbewohner Kataloniens geprägt hat und dessen zwei letzte Exemplare 1935 in der Terra Alta (Tarragona) erlegt wurden. Wenn ein geschichtliches Phänomen verschwunden ist, treten die Historiker auf den Plan.

Doch zur selben Zeit, als das Buch von Manent erschien, kamen Pressemeldungen, die fragten: „Kehrt der Wolf wieder nach Katalonien zurück?“

Hierzu ein eigenes Erlebnis: Im Herbst 2004 unternahm ich eine Wanderung in die Alberes, begleitet von meinem Hund. Ich begann die Wanderung hinter Garriguella. Sie führte mich in eine waldige und einsame Gegend. Auf der Suche nach einem Dolmen kämpften wir uns an einem Bergabhang durch das Unterholz. Auf einer kleinen freien Fläche stießen wir auf die Reste eines gerissenen Damhirsches. Abgenagte Knochen lagen verstreut umher. Ich wollte mich interessiert nähern, als mein Hund plötzlich erstarrte und nicht mehr zu bewegen war, weiter zu gehen. Seine Nackenhaare hatten sich gesträubt und er fixierte einen Punkt im Gebüsch. Ich blickte auch dorthin und sah ein Tier, schäferhundgroß, gelblich-graue Farbe, die Rute gesenkt. Das Tier beobachtete uns reglos eine Weile, dann verdrückte es sich lautlos tiefer ins dichte Gebüsch. Auch wir zogen uns vorsichtig zurück.

Hatten wir einen Wolf gesehen – das war mein Eindruck – oder war es ein verwilderter Hund? Auffällig war, dass mein Hund sich anders verhielt, als bei der Begegnung mit umherstreunenden Hunden. In diesem Fall zeigte mein Hund – spanischer Herkunft – nie Angst, sondern versuchte Kontakt aufzunehmen. Aber auch die wilden Hunde reagierten bei solchen Begegnungen anders als dieses Tier.

Einige Zeit später lass ich in einer regionalen Zeitung, dass man Wolfsspuren in den Alberes gefunden habe. Noch etwas später kamen Berichte, dass Wölfe in den Pyrenäen,  im Naturschutzgebiet Parc Natural del Cadi-Moixera, aufgetaucht seien. Sie hätten auch Vieh gerissen, Kälber, Schafe. Es stellte sich heraus, dass auch schon in den Jahren vorher vereinzelte Wölfe in den katalanischen Pyrenäen aufgetaucht sind. Funktionäre der Generalitat bestätigten die Anwesenheit der Wölfe. Inzwischen gibt es in der genannten Gegend eine kleine Wolfspopulation. Der Wolf darf in Katalonien nicht gejagt werden, außer es gäbe eine größere Interessenkollision zwischen Mensch und Tier, er wurde aber nicht in die Liste der zu schützenden und wieder einzugliedernden Tiere aufgenommen. Man duldet ihn offiziell und entschädigt die Viehhalter bei nachweisbaren Wolfschäden. Bei der Bevöl- kerung in den Bergregionen, vor allem bei den Viehzüchtern und Hirten, hat die Anwesenheit von Wölfen unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Alte Erinnerungen von der Bedrohlichkeit des Wolfes wurden wach, andererseits sieht man aber, dass sich Verhältnisse und Einstellungen gewandelt haben. Bauern und Hirten besinnen sich darauf, ihre Herden mit Methoden zu schützen, die den Tod des Wolfes nicht nötig machen.

Fortsetzung morgen