EMPURIABRAVA, 24.05.2017 - 13:49 Uhr

Glaskugel und Kaffeesatz oder wenn Bäume rauschen

Fortsetzung vom 16.1.10

Die biblischen Propheten waren keine Wahrsager im üblichen Sinne. Ihnen ging es in erster Linie darum, die Weisungen Gottes für die Gegenwart mitzuteilen. Aber sie blickten auch in die Zukunft. Man konnte sie darüber befragen, was Gott für die Zukunft bereithielt (Jeremia 37,6 ff.).

Das Urchristentum und die frühe Christenheit schätzte die Gabe der Weissagung hoch.

Wie wir aus den Briefen des Apostels Paulus und anderen frühchristlichen Schriften erfahren, gab es in den Gemeinden prophetisch befähigte Menschen, die die der Gemeinschaft und einzelnen Zukünftiges voraussagten. Der Sinn für die Zukunft und Hellsichtigkeit für Zukünftiges galt als Bestandteil christlichen Lebens ( Apostelgeschichte 2,17.18). Man grenzte sich aber vom kommerzialisierten und oft betrügerischen Wahrsage- betrieb der damaligen Welt ab. Man sah darin die antiken Götter und Dämonen am Werk.

Kirchenväter und Päpste wandten sich gegen antike Formen der intuitiven Zukunftserhellung und bekämpften sie als unchristlich. Die ersten christlichen Kaiser verboten dann im 4. Jahrhundert die Wahrsagerei.

Mittelalter: Eindringen in die Geheimnisse Gottes

Im Mittelalter versuchten Kirche und Obrigkeit, das Wahrsagen zu unterdrücken. Man fürchtete das Wiederaufleben heidnischer Gebräuche  und den Abfall vom christlich-kirchlichen Glauben. Theologen lehrten, Wahrsagen sei der Versuch, in die Geheimnisse Gottes einzudringen und mangelndes Vertrauen in seine Führung. Der Dichter Dante (1265-1321) versetzt in seiner „Göttlichen Komödie“ die Wahrsager in die Hölle, wo sie mit nach hinten gedrehtem Kopf als Strafe verweilen müssen. Das besagt doch, dass die Wahrsagerei

nicht auszurotten war. Sie lebte untergründig im Volk, aber auch bei Gelehrten (Astrologie) weiter. Auch in der kabbalistischen Praxis des Judentums wurde Wahrsagen geübt (Kabbala= jüdische Geheimlehre). Vor allem ausgangs des Mittelalters bedienten sich  Fürsten der Wahrsager und Astrologen. Zudem gab es immer wieder einzelne – wie Hildegard von Bingen (1098-1179) – die visionär in die Zukunft blickten und auch in der Seelsorge auf die Zukunft ihrer Seelsorge-Befohlenen eingingen.

Neuzeit und Gegenwart: Aberglauben und Esoterik-Boom

Die Aufklärung der Neuzeit erklärte Hellsehen und Wahrsagen als Aberglauben. Aber anders als mittelalterliche Theologen – in dem Sinne, dass sie mit der Vernunft und dem wissenschaftlichen Weltbild nicht vereinbar sei.

In der Gegenwart ist mit dem New-Age-Denken und dem Esoterik-Boom das Interesse an alten Wahrsagepraktiken wieder enorm gestiegen. Man sieht im Wahrsagen aber nicht mehr den Versuch, die göttliche Allwissenheit „anzuzapfen“. Man geht davon aus, dass es Menschen möglich sei, auf Grund ihrer Intuition und außergewöhnlichen (paranormalen) Fähigkeiten (Hellsehen in die Zukunft/Präkognition) Zukunftsentwicklungen zu erfassen.

Ist ein solcher Blick in die Zukunft möglich? Wissenschaftlich untersucht die Parapsychologie, ein Zweig der Psychologie, diese Frage. In ihrer über hundertjährigen Geschichte hat sie eine Fülle von gut beglaubigten Zeugnissen von Menschen gesammelt, die Blicke hinter den Vorhang der Zukunft getan haben wollen. Darunter sind so bekannte Fälle wie derjenige vom Untergang der „Titanic“ (1812). Einige Menschen – darunter zwei Schrift-

Steller – sahen mit z. T. bemerkenswerter Genauigkeit den Untergang des Schiffes voraus und dokumentierten das vorher oder sagten die Reise ab.

Inzwischen legen kontrollierte Testreihen mit Symbolkarten, Traumforschungen und Experimente mit hellseherisch begabten Personen die Möglichkeit nahe, dass Menschen in begrenzter Weise zukünftige Ereignisse auf nicht rationalem Wege wahrnehmen können.

Steigrohre des Unbewussten

Parapsychologen betrachten Orakel wie das Bleigießen, das Pendeln, das Kaffeesatz- und Kartenlesen oder die Kristallkugelschau als „Steigrohre für das Unbewusste“. Pendel, Karten, Kugel usw. fördern Bilder, Vorstellungen, Erwartungen, Wünsche, Ängste und Einfälle aus unbewussten Bereichen der Seele zutage. Dabei können auch telepathische ( außersinnliche)

und hellseherische Wahrnehmungen einfließen. Die Schwierigkeit ist aber, das Hellseherische

von den Erwartungen und der Phantasietätigkeit zu unterscheiden. Ein hellseherischer „Treffer“ für die Zukunft zeigt sich immer erst im Nachhinein. Und dabei gibt es so etwas wie eine „sich selbst erfüllende Prophetie“. Gebannt  von einer Erwartung, führen Menschen unbewusst selbst die Erfüllung herbei.

Wahrsager arbeiten nach den Erkenntnissen der Parapsychologie stark mit einer geschärften Wahrnehmung und ihrer Intuition. Gelegentlich erzielen auch sie hellseherische Treffer. Aber meistens „zapfen“ sie das Unbewusste ihrer Klienten an und spiegeln ihnen deren Erwartungen, Wünsche und Ängste wieder.

Mit Orakeln kritisch umgehen

Es gibt auch für sie keine objektive Möglichkeit, paranormal Wahrgenommenes von Phantasieprodukten zu unterscheiden. Überdies sind die Bilder, die Stimmen, die Einfälle, die in ihnen hochsteigen meist symbolhaft und vieldeutig. Die richtige Deutung steht ihnen nicht von vorneherein zu Verfügung.

Man tut also nicht gut daran, Orakeln und Wahrsagern blindlings zu folgen. Man sollte mit ihren Aussagen kritisch umgehen. Dabei kann die Erfahrung und Intuition eines „Hellsehers“ durchaus wichtige Aspekte eines Problems oder einer Lösung treffen. Aber entscheiden und seine Verantwortung tragen, muss der Klient selbst.

Das „Spiel“ mit Orakeln kann zur interessanten Begegnung mit sich selbst führen: die eigenen Konflikte, Erwartungen, Wünsche und Ängste, aber auch die Kreativität des Unbewussten können deutlich werden. Insofern mag das Bleigießen am Sivesterabend durchaus sinnvoll und erhellend sein.

( Literatur: Wolfram Janzen, Wahrsagen, Mainz/Stuttgart 1994 – nur noch antiquarisch erhältlich)

Dr. Wolfram Janzen