EMPURIABRAVA, 21.07.2017 - 23:04 Uhr

Glaskugel und Kaffeesatz oder wenn Bäume rauschen

von Dr. Wolfram Janzen

Am Anfang und am Ende des Jahres hat der Blick in die Zukunft Konjunktur. Da und dort wird um Mitternacht Blei gegossen und gerätselt, was die entstandenen Gebilde bedeuten könnten. Auch Pendel, Runenstäbe, Karten oder Horoskope von Illustrierten schauen für Neugierige in die Zukunft. Manche achten in dieser Zeit besonders auf Träume und erhoffen sich von ihnen Hinweise auf die Zukunft.

Wer sich nicht zutraut, selbst in die Zukunft zu blicken, sucht eine  professionelle Wahrsagerin oder einen ausgebildeten Astrologen auf. Gegen ein oft stattliches Honorar lesen sie für ihre Klienten das Kommende aus den Sternen, den Handlinien, den Karten, dem Kaffeesatz oder erschauen es visionär mit oder ohne Glaskugel. Einige behaupten sogar, mit Geistwesen in Verbindung zustehen, deren Wissen das menschliche Erkenntnisvermögen übersteigt. Neuerdings lehnen viele von ihnen die Bezeichnung „Wahrsager“ für sich ab und nennen sich „mediale“, „esoterische“ oder „astrologische“ Lebensberater.

Es ist ein uraltes menschliches Bedürfnis, vor neuen Zeitabschnitten, an Wendepunkten, in Krisensituationen des Lebens einen Blick in die unsichere Zukunft zu tun. Seit Menschen ein Zeitgefühl entwickelt haben, versuchen sie, mit Hilfe von „Orakeln“ ihr künftiges „Schicksal“ mit seinen Chancen und Gefährdungen zu erkennen. Man will sich auf das Kommende einstellen und hofft, ihm so besser begegnen zu können.

Altertum: das Orakel von Delphi

Orakel – nicht rationale Mittel und Wege, um Auskünfte über Lebensfragen und die Zukunft zu bekommen -  sind aus allen Früh- und Hochkulturen bekannt. Die meisten der heutigen Wahrsagemethoden gehen auf das Altertum zurück. In den Reichen des Zweistromlandes existierte bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. ein hoch entwickeltes Orakelwesen mit Spezialisten für die einzelnen Sparten. Traumentschlüsselung, Opferschau ( aus den Eingeweiden von Opfertieren), Vorzeichenbeobachtung ( aus sonderbaren und alltäglichen Vorfällen), Deutung des Laufs von Gestirnen und Prophetensprüche spielten eine wichtige Rolle im Leben der damaligen Menschen.

Die sonst durchaus skeptischen Griechen besaßen neben anderen Orakelstätten das Orakel von Delphi. Hier holten sich Gesandtschaften der Stadtstaaten und Privatleute Rat für alle Lebenslagen. Die Ratschläge wurden von Priestern erteilt. Grundlage waren die oft dunklen Sprüche der Pythia, einer Jungfrau, die dem Gott Apollo geweiht war. Sie empfing in Trance die Botschaften des Gottes.

In den Tempeln des Gottes Asklepios – z. B. in dem uns nahe gelegenen Emporion – konnte man im Schlaf vom Gott Auskunft über die Gesundheit und das angebrachte Heilmittel für Krankheiten bekommen.

Bei den Römern hatte die Vorzeichenschau (Vogelflug, Eingeweideschau) staatstragende Bedeutung.

Selbst die Bibel: Orakelsprüche

Auch die Bibel berichtet von allerlei Orakeln, Vorzeichen und Vorahnungen im Leben der Hebräer. Der Held und „Richter“ Gideon erbittet sich von Gott ein sonderbares Vorzeichen für einen Kampf mit den Philistern (Richter 5,36 ff.). König David erhält ein Baumorakel.

Die Bewegung und das Rauschen von Bäumen zeigt ihm an, dass die Stunde für den Kampf mit den Philistern günstig ist (2. Samuel 5,22-25). König Salomo empfängt im Heiligtum von Gibeon einen Traum, in dem ihm Gott Weisheit, Reichtum, Ehre und langes Leben zusagt ( 1. Könige 3, 5-15). Lange Zeit befragte man die Terafim, kleine Figuren oder Masken, vor Zukunftsentscheidungen. In späteren Zeiten galten manche Orakel aus der Frühzeit Israels als heidnisch. Nur das Losorakel – wohl zwei von Priestern gezogene Steine, die ein Ja, bzw. ein Nein bedeuteten – Träume und der Prophetenspruch sollten im Kult des Gottes Israels erlaubt sein. ( 1. Sam. 28, 5). Viele Wahrsagepraktiken, die in der Umwelt Israels üblich waren, vor allem die Befragung von Geistern Verstorbener, wurden unter Androhung der Todesstrafe verboten.

Fortsetzung folgt