EMPURIABRAVA, 23.03.2017 - 09:24 Uhr

Zwischen Hyperakusis und Phonophobie

von Max aus Roses

Nachtrag zum Tag des Lärms

Wo Leben ist, sind Geräusche. Selbst im Weltall herrscht keine Stille.

Die Akkustik (vom griech.: akuein = hö-ren) beschäftigt sich mit diesem Thema, d.h. der Entstehung, Ausbreitung und Wahrnehmung von Schall. Das mensch-liche Ohr, das den Schall wahrnimmt, ist technisch gesehen „nur“ ein druckempfindlicher Empfänger, der auf Abweichungen vom atmosphärischen Normaldruck reagiert, d.h. das Trommelfell in Bewegung setzt und diese Bewegung über das sog. Cortische Organ und den auditiven Nerv an das Gehirn leitet. Auf die komplexen und teilweise kontrovers diskutierten technischen Zusam- menhänge und Parameter in der Akkustik soll hier nicht näher eingegangen werden. Es geht  um die Frage, ob und wo es eine Grenze zwischen „Lärm“ und „Geräusch“ gibt.

In beiden Fällen handelt es sich um Schall, wobei die verbreitete Definition „Lärm ist Schall, der stört oder schädigt“ nur bedingt meßtechnisch belegbar und damit keine punktuell verbindliche Antwort bezüglich der Grenzziehung zwischen „Geräusch“ und „Lärm“ ist. Die Wahrnehm-ung von Schall ist individuell verschieden, d.h. es spielen neben physischen auch psychische und soziale Faktoren eine wichtige Rolle.

Aus physiologischer Sicht ist das Ohr das zum frühesten Zeitpunkt voll funtionierende Sinnesorgan. Etwa ab der 18. Schangerschaftswo-che im Mutterleib ist es „fertig“ und kann damit unterschiedliche akkustische Reize wahrnehmen und verarbeiten. Auf diese Art findet  beim Ungeborenen eine Konditionierung, d.h. eine Gewöhnung an die „Geräusche“ seiner Mutter und deren Umgebung statt. Die Frage, ob ein Ungeborenes in diesem Moment durch Lärm bereits eine Hörschädigung erleiden kann, ist nicht abschließend geklärt. Auf jeden Fall verursacht Lärm zu diesem Zeitpunkt, wie auch im späteren Leben, z.B. beschleunigten Herzschlag, Unruhe und Nervosität.

Neben anderen Fak-toren kann dies mit zur Entwicklung von unruhigen, hyperak-tiven und zappeligen Kindern führen. Um quasi eine Balance zwischen dem eigenen Inneren und der äußeren Umgebung herzustellen, werden von  auf Geräusche und Lautstärke kon-ditionierten Kindern laute und für andere als störend empfun-dene Geräusche von Spielzeugen,   Musik

usw. als normal er-lebt, d.h. die akkustische Reizschwelle ist erhöht  und im Gegenzug tritt eine gewisse Abstumpfung, d.h. Unenmpfindlichkeit für leise Töne ein. Stille und Ruhe werden dann als unangenehm, ja als geradezu enervierend erlebt.

Feldversuche und Untersuchungen haben eindeutig gezeigt, daß Kinder und Jugendliche, die behaupten,sich ohne Musik nicht konzen-trieren zu können und daß laute Musik sie entspanne, einen gewissen Lärmpegel brauchen, um – wie bei einer Sucht - das Niveau ihrer Konditionierung zu halten.

In der täglichen Praxis heißt dies, daß die Grenze zwischen dem, was als Geräusch und dem, was als Lärm einzustufen ist, fließend und individuell verschieden verläuft.

Ab einem gewissen kritischen Bereich jedoch rufen Geräusche unmittelbar nachweisbare organische Schäden,d.h. Verletzungen des Hörorgans selbst und mittelbare, von Beeinträchtigung bis hin zu massiver Erkrankung reichende Wirkungen im gesamten Organismus hervor. Was leider im Bewußtsein der Bevölkerung nur wenig verankert ist, ist die Tatsache, daß Hörschäden und die von ihnen verursachten Folgeerkrankungen irreversibel, d.h. nicht heilbar sind und damit ein lebenslanges und  kaum therapierbares Dauerleiden darstellen.

Hauptursache für diesen fahrlässigen Umgang mit dem Hörorgan ist, daß erwünschte Geräusche oder Lärm subjektiv als angenehm, oder wenigstens tolerierbar wahrgenommen und emp-funden werden und damit der körpereigene Abwehrmechanismus betäubt, ja bis über die Verletzungsgrenze hinaus außer Kraft gesetzt werden kann. Der hohe Anteil von auf diese Weise gehörgeschädigten Kindern und Jugendlichen ist dafür trauriger Beweis. Eine Reihe von meist psychisch bedingten Erkrankungen ist an Störungen des Hör-organs gekoppelt. Umgekehrt werden derartige Erkrankungen auch von Beeinträchtigungen der akkustischen Wahrnehmung begleitet.

So z.B. beim Borderline-Syndrom. Tinnitus und Rauschen als akkustisch nicht verifizierbare Wahrnehmungen gehören ebenso dazu, wie eine Hypersensibilität gegenüber akkustischen Reizen (Hyperakusius), wo Schall schmerzhaft erlebt werden kann. Bei der sog. Phonophobie wird Schall extrem selektiv wahrgenommen, d.h. unerwünschte Geräusche bereits auf niedrigem Niveau wirken als beeinträchtigend, störend und krank machend, wogegen laute Geräusche oder Lärm – solange dies vom Charakter her als erwünscht eingestuft wird – positiv, oder zumindest als tolerierbar erlebt werden. In einer ständig lauter werdenden Welt scheint der Mensch weniger denn je über körpereigene Mechanismen zu verfügen, die ihn vor akkustisch bedingten Verletzungen schützen.

Neben den vielfältigen technischen Geräuschen ist es die permanente Berieselung mit Musik, die erst durch hohe Lautstärke zum Erlebnis wird, weil wir durch unsere Umwelt bereits auf ein Geräuschminimum konditioniert sind, welches wir nicht mehr bewusst wahrnehmen. Wir unterliegen demselben Selbstbetrug, dem alle Suchtkranken unterliegen, indem wir uns einreden, das Suchtmittel im Griff zu haben und damit umgehen zu können, obwohl wir davon abhängig und nicht mehr in der Lage  sind, die krank machenden Wirkungen der Droge „Lärm“ richtig einzuschätzen.