EMPURIABRAVA, 22.04.2018 - 16:26 Uhr

AUCH ICH BIN KATALANE

Nachdem der katalanische Ministerpräsident Carles Puigdemont  am Sonntag auf deutschem Boden verhaftet wurde, ist jetzt auch Deutschland in den Mittelpunkt des Konfliktes zwischen Spanien und Katalonien geraten. Der Inhaftierung Puigdemont‘s war am vergangenen Freitag die Absendung in Untersuchungshaft von fünf weiteren katalanischen Spitzenpolitikern vorausgegangen. Diese gravierenden Vorfälle haben unseren Landsmann Thomas Spieker auch in dieser Woche wieder zu einer von seinen meinungsbewegenden Kolumnen in der regionalen Tageszeitung „Diari de Girona“ inspiriert. Wir haben ihn erneut gebeten, seinen Text für unsere deutschen Leser vor allem sinngemäß zu übersetzen und veröffentlichen ihn gleichzeitig mit dem katalanischen Original.

ROSES / KATALONIEN / SPANIEN: Ich bin davon überzeugt, dass die Verhaftung von Präsident Carles Puigdemont auf deutschem Boden keine schlechte Nachricht für Katalonien ist. Zumindest kann man davon ausgehen, dass die deutsche Justiz die Entscheidung, ob man ihn aufgrund des neuen europäischen Haftbefehls an Spanien ausliefert oder nicht, ganz sicher nicht politisch beeinflusst treffen wird. Ebenfalls sei hier daran erinnert, dass der Madrider Richter Llarena ja seinen ersten Versuch, Puigdemont bereits vor 4 Monaten in Belgien festnehmen zu lassen, wegen der Aussichtslosigkeit auf Erfolg zurückziehen musste. Außerdem wird die Inhaftierung Puigdemonts als erster politischer Gefangener der Nachkriegszeit in Deutschland bestimmt auch international große Wogen schlagen. Weiterhin glaube ich, dass jetzt auch der Zeitpunkt gekommen ist, um der Welt zu erklären, dass die Spanier, die behaupten die Separatistenführer hätten das Volk in Katalonien gespalten, im Grunde genommen diese Spaltung selbst provoziert haben, weil sie jahrzehntelang hunderttausende ihrer Landsleute hierher gelockt und ihnen versprochen haben, sie bräuchten die katalanische Sprache, seine Bräuche oder Kultur nicht zu erlernen, weil Katalonien spanisch per Erlass werden würde. Dabei sind natürlich die meisten modernen Völker eine Mischung aus den Menschen, die schon immer dort lebten und denen, die irgendwann dazu kamen. Aber bereichern kann eine solche Vermischung nur dann, wenn sie gewollt, freiwillig und in gegenseitigem Respekt vollzogen wird. Was nicht geht ist, dass in Katalonien seit ewigen Zeiten Spanier aus anderen Regionen des Landes als wahlberechtigte Katalanen leben, die noch nicht einmal den Namen des Landesvaters aussprechen können.

Eine Grundvoraussetzung für den Wechsel zu einer anderen Ideologie, Religion, Arbeit oder auch Nationalität, ist der feste Wille des einzelnen, diesen Wechsel wirksam vollziehen zu wollen. Katalonien ist jedoch ein Land voller Katalanen aus Kastilien, Extremadura, Andalusien oder Asturien, denen niemals einfallen würde, nicht bis zu ihrem Tod Kastilier, Exremeños, Andalusier oder Asturianer zu bleiben. Ganz anders als zum Beispiel bei den Einwanderern in die USA, die sich nichts sehnlicher wünschen, als Nordamerikaner zu werden.

Oder die zigtausend Syrier, die zur Zeit gerade darum fiebern, irgendwann einmal der deutschen Staatsbürgerschaft würdig zu werden.

Oder ich selbst. Seit über 45 Jahren lebe und arbeite ich in Katalonien, kenne seine Bräuche, spreche seine Sprache und lebe hier integriert wie längst nicht jeder Einwanderer aus anderen Gefilden. Seit geraumer Zeit trage ich Katalonien in meinem Herzen und in meinen Gedanken. Dabei erlebe ich jeden Tag, wie das Land, das ich wie mein eigenes liebe, von Ungerechtigkeiten gepeinigt wird und kann es nur deshalb nicht zu meinem eigenen machen, weil ich dafür einer Fahne und einer Verfassung Treue schwören müsste, die ich eigentlich nur noch verschmähe. Denn eigentlich ist Spanien ein denkbar unglückliches Land, das weder Demokratie noch Gerechtigkeit kennt, dem weder Zuverlässigkeit, noch Grundsätze, Maß oder Vernunft etwas bedeuten. Und traurigerweise ist es genau das Land, das die meisten Spanier für sich wollen. Sollen sie es um Gottes Willen behalten!

Thomas Spieker

Dienstag 27. März 2018 27.03.18 13:35

          

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