EMPURIABRAVA, 18.01.2018 - 14:39 Uhr

Pessebre: die katalanische Krippengeschichte

KATALONIEN / SPANIEN:  Ethymologisch geht das katalanische Wort "pessebre" auf das lateinische "praesepium" zurück, das Krippe oder Stall heißt. In der Gegend von Tortosa, Franja oder den Balearen hingegen gebraucht man den Ausdruck "betlem", auf Deutsch Betlehem, die Geburtsstadt Jesu. Für Joan Amades bedeutete die Krippe eine plastische Repräsentation von Jesu Geburt und zwar vor dem Hintergrund eines Panoramas, in dem sich eine Vielzahl von beweglichen Figuren befindet. Dies ist eine einwandfreie Definition, die auch heute noch ihre absolute Gültigkeit besitzt, jedoch nicht die eigentliche Herkunft der Krippentradition erklärt. Die Ikonographie der Geburts- zene ist eine der ältesten der Christenheit und lässt sich bis in das 3. Jhd. n. Chr. zurückverfolgen. Neben ihres antiken Ursprungs ist auch die lange Tradition in der christlichen Plastik zu beachten, in der dieses Thema überall und immer wieder neu im christlichen Kulturraum dargestellt worden ist. Das Problem einer genauen Chronologie stellt sich genau dann, wenn man versucht, die dekorative und liturgische Ikonographie der Heiligen Familie von dem zu unterscheiden, was wir direkt als Krippe mit Einzelfiguren verstehen. Dem Volksglauben zufolge hatte der heilige Franziskus die erste Krippe geschaffen (daher gilt er auch als Schutzpatron der Krippenbauer). Sicherlich lässt sich seine Art der Darstellung, die er in der Weihnachtsnacht des Jahres 1223 mit einer verkleinerten Gruppe seiner Anhänger vorführte, eher in die Nähe von sakramentalen Schauspielen und den heute sogenannten "Lebendigen Krippen" stellen, als dass man sich darunter ein Figurenkrippe vorzustellen hat. Ferner heißt es, dass die älteste erhaltene Krippe im katalanischen Sprachraum das "Betlem de Jesús" in einem alten Spital von Mallorca ist, das in das 14. Jhd. datiert und aus Neapel stammt. Jedoch handelt es sich nicht um eine Figurengruppe einer konventionellen Krippe, die nur für Weihnachten gedacht war, vielmehr war sie für eine ständige Aufstellung in einer Kapelle bestimmt. Was ist nun die älteste Krippe, von der aus sich eine beständige Tradition in Katalonien entwickelt hat? Ein erster zeitlicher Anhaltspunkt findet sich dokumentiert im Inven- tar des Pere de Bonavia, eines Geistlichem aus Vic, der 1585 zu seinem Besitz auch "unes images de fanch del naixement"(einige Tonfiguren der Geburtsszene) zählt. Der Brauch des Krippenbauens würde damit in der Kirche seinen Beginn haben, genauso wie es auch ein weiteres Dokument aus dem Jahre 1741 in Mataró belegt, in dem bezeugt wird: " En el convent de Sant Josep hi ha un pesebre per a posar en lo cor en las festas de Nadal, que consisteix en una montanya gran y una cova ab las imatges vestidas de Mª SSma. y S. Joseph y moltas altres figuras."

(Im Konvent des Hl. Josef gibt es eine Krippe, die an den Weihnachtstagen im Chorraum aufgestellt wird und die aus einem großen Berg und einer Höhle mit den bekleideten Figuren der Hl. Jungfrau und des Hl. Josef und vielen anderen Figuren besteht). Der Brauch wandert dann vom kirchlichen in den aristokratischen Bereich: Dies geschieht durch den König von Neapel Karl III., der 1759 in Spanien ankommt. Von diesem Moment an breitete der Brauch sich im ganzen höheren Adel aus, der eigens für die Herstellung der Figuren die besten Bildhauer der Zeit beauftragte, wie Salzillo, Giner, etc.. In Katalonien hob sich im Bereich der luxuriösesten Figuren besonders der Bild- hauer Ramon Amadeu hervor. Parallel dazu hatte sich aber bereits der populare Brauch des Krippenbauens begonnen auszubreiten: Dies zeigt sich in der überwältigen Krippe von Can Trinxeria in Olot, die erst als aristokratisch galt, tatsächlich aber mit volkstümlich gestalteten Figuren gemacht wurde. Daher ist es kein Wunder, dass der Brauch von den adligen in die gutbürgerlichen Häuser über- ging und schließlich bis in die niedrigsten Gesellschaftsschichten vordrang. Eine so weite Verbreitung wurde nur aufgrund einer Verringerung der Produktionskosten erreicht, dabei stellte man die Figuren mithilfe von Formen her, was sie erschwinglicher für jedermann machte. So entstand letztendlich der volkstümliche Brauch eines jährlichen Auf- und Abbaus der Krippe zur Weihnachtszeit, in der sie traditionell vom Tag der Hl. Luzia bis zur Lichtmesse aufgestellt blieb. Ebenso begann ab diesem Moment der Verkauf von Krippenfiguren auf eigens dafür organisierten Weihnachtsmärkten (der be- kannteste ist der Markt der Hl. Luzia in Barcelona vor der Kathedrale) oder in Geschäften (besonders in kleineren Ortschaften), die damit einen Zusatzgewinn in der Vorweihnachtszeit machen konnten. In diesem Zuge enstanden auch die sogenannten volkstümlichen Krippenpanoramen, die eine mehr oder weniger realistische Landschaft simulieren, in der dann alle noch so unterschiedlichen Figuren aus dem häuslichen Besitz aufgestellt werden. Diese Verschiedenheit in Größe, Stil und Herkunft der Figuren in der häuslichen Krippe gibt ihr ihr so kindliches, kitschiges und naives, letztendlich authentisches Aussehen. Neben der häuslichen Krippe entwickelte sich in den Konventen der Mönche ein weiterer Typ der Krippe, die sogenannte Schaukastenkrippe ("escaparata"), von der nur wenige Exemplare über den Verlauf der Zeiten, die Zerstörungen des spanischen Bürgerkriegs und den Wandel der Moden erhalten blieben sind. Diese Krippen waren meist von geringer Größe, verschlossen in einer Vitrine, verziert mit allerlei Muscheln, Steinchen oder anderen natürlichen und künstlichen Elementen, und wurden als Dekorations- oder Anbetungsgegenstand für die Konvente selbst oder für die feineren, bürgerlichen Häuser angefertigt.

Die Popularisierung der Krippe, die als mehr oder weniger allgemeines Phänomen ab der zweiten Hälfte des 19. Jhd. auftrat, ließ auch die ersten Krippenvereine entstehen, wie den Verein von Barcelona, gegründet 1863. Diese Vereinigungen verbreiteten vorallem - und damit in Gegenposition zur volkstümlichen Krippenkunst - den Bau von Dioramen und Landschaften, die möglichst realistisch sein sollten und fein ausgearbeitete Figuren wollten ( von großen Künstlern wie Talarn, Teixidor, Vallmitjana, Lino Fèlix, Salvador Masdeu und den Künstlerfamilien Castells und Daniel). 1912 bekam die Kunst des Dioramas einen großen Anstoß durch die Entwicklung von Antoni Moliné, nun die Dekoration aus Gips herzustellen und damit die Anfangsphase von Kork und anderen Materialien zu überwinden, um hierdurch eine größere technische Perfektion zu erreichen, die eher an den Modellbau heranreicht, d.h. an eine Wiedergabe der Wirklichkeit in Kleinformat auf möglichst gläubige Art und Weise. Die große Diskussion in der Welt des Krippenbauens drehte und dreht sich um die Frage, ob diese Vorliebe für Realismus und Nachahmung die Nachbil- dung der Gegend des Heiligen Landes zur Zeit Jesu fordere, was eine breite Nachforschung bedeutet, oder ob man die Krippen "a la catalana" (auf katalanische Weise) gestal- te, d.h. mit allen zu akzeptierenden Anachroni- smen. So leidenschaftlich auch die ewigen Diskussionen der Krippenbauer zu dieser Frage geführt werden ( die glücklicherweise die Lebendigkeit dieser Tätigkeit zeigen), muss man stets vor Augen haben, dass das Krippenbauen ein Ritual ist, das über religiöse Gläubigkeit, gesellschaftliche Bräuche und ästhetische Zwecke hinausgeht...denn es verwandelt uns einmal im Jahr in freudige Kinder, ganz gleich welchen Typ Krippe wir schaffen.
ALBERT DOMÈNECH ALBERDI
Professor für Geschichte und Kunstgeschichte

Montag 18. Dezember 2017 18.12.17 21:39

          

Weitere Meldungen: