EMPURIABRAVA, 20.11.2017 - 19:54 Uhr

NICHT IN MEINEM NAMEN, EUROPA von Thomas Spieker

KATALONIEN / SPANIEN: Ich wurde im Juni 1957 geboren, genau drei Monate und drei Tage nachdem Konrad Adenauer und die Kanzler fünf weiterer Staaten in Rom den Gründungsvertrag für die Europäische Wirtschafts- gemeinschaft (EWG) unterschrieben hatten, die heutige Europäische Union. Bereits als Kind habe ich immer von einem vereinten Europa in einer immer globaleren Welt geträumt. Vielleicht wurde ich deshalb mit dem Talent geboren, sechs Sprachen wie meine Muttersprache sprechen, lesen und schreiben zu können und mich überall zu Hause zu fühlen, von Stockholm bis Sevilla und von Galway bis Thessaloniki. Noch bin ich deutscher Staatsbürger, aber meine Heimat ist Roses, eine kleine Perle an der Costa Brava, an die meine Familie bereits 1971 übersiedelte. Dort lebten wir zunächst in Santa Margarida, eine Art Reissbrettsiedlung, die an der spanischen Küste wie Pilze aus der Erde schossen und in denen bis zum heutigen Tag vor allem Touristen die warme Jahreszeit verbringen. Und es war genau diese Tourismusexplosion, die, zusammen mit der spanischen Industrierevolution der 60iger und 70iger Jahre, hundertausende Familien auf der Suche nach Arbeit und einer besseren Zukunft vor allem aus dem Süden Spaniens nach Katalonien lockte.

Darum und weil die Katalanen generell ein sehr diskretes und großzügiges Volk sind, das seine Heimat immer gerne und stolz, aber auch mit viel Zurückhaltung mit den Einreisenden geteilt hat, hat es über 10 Jahre gedauert, bis ich merkte, daß ich eigentlich in einem ganz anderen Land als Spanien lebte. Ein Land mit eigenen Merkmalen, mit einer eigenen Vergangenheit und sogar mit einer eigenen Sprache. Langsam wurde mir bewußt, daß die Katalanen seit Jahrhunderten unzählige Angriffe auf ihre Heimat, ihre Eigenarten und ihre Werte abwehren mußten und daß sie bis heute unter dem Joch eines autoritären, nationalistischen, dominanten und vor allem sehr undemokratischen Staat leben, der immer noch nicht die Fehler seiner eigenen Vergangenheit verarbeitet hat und ‚andere‘ nach wie vor wie ‚Eroberte‘ und ‚Untertanen‘ behandelt.

Vor der Misshandlung eines irrationalen und korrupten Spaniens, werde ich es nicht hinnehmen, dass Europa den Kopf einfach in den Sand steckt und sich wie die drei Affen gebährt, die nichts sehen, nichts hören und nichts sagen wollen. Die eigene Krise über ihre Inhalte und Werte können nicht rechtfertigen, daß Europa sich nicht der Ungerechtigkeit Einhalt gebietet, die einem seiner Völker widerfährt. Das Problem Kataloniens ist nicht das Gesetz, sondern die Auslegung des Gesetzes seitens der spanischen Politiker, die ohnehin jede Glaubwürdigkeit längst verloren haben. Ich werde nicht hinnehmen, dass Europa weiterhin schweigt, während Spanien verzweifelt versucht, die Vertreter des Volkes für den Unabhängigkeitsdrang, der aus ihm selbst frei und demokratisch erwachsen ist, verantwortlich und nieder zu machen. Ich werde nicht hinnehmen, daß Europa weiterhin die Augen vor der Staatsgewalt verschließt, mit der die friedfertigen Bürger des Landes niedergemacht werden. Und ich werde nicht hinnehmen, daß Europa weiterhin so tut, als ob es den Aufschrei von Millionen Europäern nicht hört, die nicht weiter von Politikern verteten werden wollen, die nicht nur ihr Land, sondern noch nicht einmal ihre Partei im Griff haben. Der Anspruch der großen Mehrheit der Katalanen, seine eigene Zukunft zu bestimmen, ist gerecht und wird vom internationalen Recht auch anerkannt. Als Vollbluteuropäer erwarte ich, dass Europa hier klare Stellung bezieht.

Dienstag 24. Oktober 2017 24.10.17 18:03

          

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