EMPURIABRAVA, 20.11.2017 - 20:01 Uhr

Einheit und Unabhängigkeit von Brigitte Hansmann

KATALONIEN / SPANIEN: Wie es möglich, daβ Menschen, die nach Frieden und Einheit der Menschheit streben, sich für die Unabhängigkeit eines Landes einsetzen? Wollen wir nicht eigentlich vereinen statt zu trennen? Für jemanden, der die katalonische Geschichte, das katalonische Volk und die katalonische Gegenwart innerhalb Spaniens nicht oder nur oberflächlich kennt, ist das allerdings schwer nachvollziehbar. All das hier in einem begrenzten Rahmen abzuhandeln ist unmöglich. Aber ein Vergleich könnte die Angelegenheit veranschaulichen.

Stellen Sie sich eine Ehe vor zwischen einem katholischen Mann und einer katholischen Frau, also ein unlösbarer heiliger Bund zweier Menschen. Die Ehe ist zustandegekommen, weil der Mann der Frau folgenden Antrag machte: Ich will, daβ du mir gehörst. Von deinen Groβeltern, deinem Vater und deinem groβen Bruder kannst du keine Unterstützung mehr erwarten, die habe ich bereits umgebracht. Wenn du dich weigerst, werde ich auch deine Mutter und deine anderen Geschwister umbringen.

Inzwischen ist die Mutter verstorben und die Frau möchte diese Ehe beenden, der sie freiwillig nie zugestimmt hätte. Von ihren Geschwistern wird sie  in diesem Bestreben unterstützt. Der Mann will davon nichts wissen, sperrt ihre Konten, schlägt sie zusammen, verleumdet sie und sperrt sie ein. Seinen Stammtischgefährten ist sein Verhalten zwar unangenehm, aber sie reden von nichts anderem als dem unlösbaren Bund der heiligen Ehe, an den man sich schlieβlich halten muβ, und daβ die Schwierigkeiten doch im Privatleben des Paares gelöst werden sollten. Eines Tages rutscht es einem der Stammtischbrüder aber doch heraus: wenn man die Rechtmäβigkeit der Ansprüche der Frau anerkennen würde, würden vielleicht auch die Ehefrauen der anderen Stammtischbrüder dem Beispiel dieser Frau folgen wollen.

Rechtmäβig ist der Anspruch Spaniens auf Katalonien keinesfalls. Die Annulierung eines Bundes, der unter solchen Umständen zustandegekommen ist, sollte eigentlich reine Formsache sein. Die hauptsächliche Schwierigkeit liegt darin, daβ Spanien einerseits die Andersheit Kataloniens leugnet, sich aber andererseits ständig von ihr bedroht fühlt. Daβ die Katalanen ein ganz anderes Volk sind als die Spanier, ist ganz offensichtlich, wenn man sich die Zeit nimmt, hinzuschauen. Katalanen sind Handwerker, Künstler und Händler, fleiβig und arbeitsam. Ihr Grundsatz ist: wenn man miteinander redet, kann man sich gegenseitig verstehen. Es gehört zu ihrer Natur zu verhandeln und von daher können sie auch zuhören, um zu wissen, mit wem sie umgehen, und was für andere wichtig ist.

Obwohl es auch in Spanien viele ehrliche und fleiβige Menschen gibt, ist Spanien als Nation doch eher auf Eroberung ausgerichtet. Die ganze iberische Halbinsel ist abgeforstet worden und zeigt eine starke Tendenz zur Verwüstung, um Schiffe zu bauen und „El Dorado“, die güldene Stadt, zu finden. Auch Katalonien ist durch Eroberung in Spanien einverleibt worden. Aber es ist nie wirklich zu einem Teil von Spanien geworden. Man braucht sich nur anzuschauen, was die Spanier im Laufe der Jahrhunderte über Katalanen gesagt haben. Sie wurden stets als anders angesehen, und immer als Bedrohung. Doch was bedrohlich an den Katalanen ist, ist die Schuld, die auf Spanien lastet, die im Laufe der Jahrhunderte genau wie jetzt verleugnet und auf die Katalanen projiziert wird.

Aus der Sicht dieser internationalen Beobachterin des katalanisch-spanischen Konflikts ist die Geschichte so heftig und eindeutig anderwo nicht gegeben. Das mag an meiner Unwissenheit liegen. Aber mein Vorschlag an die Herren Stammtischbrüder ist es, vom Fehlverhalten ihres Gefährten zu lernen. Wenn man mit jemandem eine gute Beziehung haben möchte, dann täte man gut daran, diese Person in ihrer Besonderheit kennenzulernen, ihr zuzuhören, sich ihre Wünsche und Ängste zueigen zu machen, um Wünsche im Bereich des Möglichen erfüllen zu können und Beistand gewähren zu können, wo Angst herrscht. Doch selbst das würde in diesem besonderen Fall nichts mehr nützen. Das Verhältnis zwischen Spanien und Katalaonien war von Anfang an zum Scheitern verurteilt durch die Art, wie es zustande kam; die Art, wie es im Laufe der Jahrhunderte geführt wurde, hat diese Tendenz nur bestärkt.

Eine Charakteristik des katalanischen Volkes, die es eindeutig vom spanischen Volk unterscheidet, ist seine Fähigkeit andersartige Menschen in die Gesamtbevölkerung zu integrieren. Die Spanier, die in Katalonien leben, brauchen sich diezbezüglich keine Sorgen zu machen. Auch will niemand Grenzen ziehen, wo bisher keine waren. Aber ein gutes Verhältnis zwischen Spanien und Katalonien wird nur möglich sein, wenn Spanien die katalanische Souveränität anerkennt.

Die Verleugnung der Andersartigkeit eines Menschen oder eines Volkes ist Gewalttätigkeit, ob durch Waffen, Gesetze oder Verfassungen. Gesetze und Verfassungen sind dazu da, das gesellschaftliche Zusammenleben zu regeln und Respekt und Gleichberechtigung im Umgang der  Mitglieder einer Gemeinschaft miteinander zu sichern. Gesetze, die diesem Zweck entgegenstehen, sind auf Dauer nicht haltbar, denn statt das Zusammenleben aller zu regulieren, fördern sie den Untergang der Gemeinschaft insgesamt.

Die einzig archetypisch kohärente Lösung des spanisch-katalanischen Konfliktes ist die Anerkennung der katalanischen Souveränität. Auch wenn es der spanischen Regierung schwerfällt, kann sie ihre Schuld nur begleichen, indem sie Schritte unternimmt, um die verletzte Beziehung zu reparieren. Nur dann wird die spanische Gesellschaft sich umorganisieren können, um gemeinsam mit einer souveränen katalanischen Bevölkerung einen Beitrag zum Bestand der europäischen Gemeinschaft leisten zu können. Wenn aber die Schuld der spanischen Regierung weiterhin verleugnet wird, wird sie durch Fehlleistungen, Bankrott, Versagen und Erfolglosigkeit zu Tage treten, wahrscheinlich nicht nur in Spanien und Katalonien, sondern am europäischen Stammtisch insgesamt. Aus der Welt schaffen kann man sie nicht, selbst wenn es Spanien gelänge, jeden einzelnen Katalanen unter die Erde zu bringen, was höchst unwahrscheinlich ist. Ein katalanisches Sprichwort besagt, daβ jeder Katalane, der unter die Erde gebracht wird, zu einer Vielzahl von Samen wird. Und aus jedem einzelnen davon werden dann neue Katalanen wachsen.

Für jemanden, der sich für Frieden und Einheit der Menschheit einsetzt, ist es also geradezu unabdinglich, die katalanische Bestrebung nach Unabhängigkeit zu unterstützen, denn Frieden und Einheit sind unmöglich, wenn ein Volk gegen seinen Willen gezwungen wird, an einem Staat teilzunehmen, noch dazu, wenn dieser Staat Rechtmäβigkeit verhöhnt, wie es die gegenwärtige spanische Regierung tut. Als souveräne Nation wird Katalonien mit aller Sicherheit einen wertvollen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben aller Völker und zur Einheit der Menschheit leisten. Die einzigen, die sich davon bedroht fühlen, sind diejenigen, die bisher ungestraft in die eigene Tasche gewirtschaftet haben.

Mittwoch 18. Oktober 2017 18.10.17 20:49

          

Weitere Meldungen: