EMPURIABRAVA, 21.11.2017 - 16:27 Uhr

AUFREGUNG von Thomas Spieker

KATALONIEN / SPANIEN: Heute (Dienstag, 10. Oktober 2017) ist der ‘große’ Tag. Um 18 Uhr wird Ministerpräsident Carles Puigdemont den Abgeordneten im Landesparlament, den Bürgern in Katalonien, Spanien und auch im Ausland - zumindest in dem Ausland, das nicht zu sehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt ist - das Ergebnis der Volksabstimmung vom 1. Oktober bekannt geben, auch wenn diese lt. den Blinden, die nicht sehen wollen, gar nicht stattgefunden haben soll. Alle sind (neu)gierig zu erfahren, ob ‘der Chef’ tatsächlich den Schneid hat, die Unabhängigkeit einseitig auszurufen, oder ob er dem leicht vergifteten ‘Rat’ seiner ‘vertrauten’ Amtskollegen Artur Mas (Ministerpräsident von 2010-16) im Financial Times oder Santi Vila (Minister für Wirtschaft und Unternehmertum und ehemaliger Bürgermeister von Figueres) in der katalanischen Tageszeitung Ara folgen wird, den ‘Prozeß’ ein wenig zu bremsen, um zu sehen, ob der spanische Ministerpräsident Rajoy sich irgendwie bewegt. Überzeugt bin ich allerdings davon, daß Puigdemont beim Schachspiel um die Vorherrschaft in Katalonien z. Zt. eindeutig im Vorsprung liegt. Darum glaube ich, daß er uns erneut mit einem brillianten Zug von der Sorte überraschen wird, mit dem er trotz allen Widerstands schon das Referendum mit Urnen, Wahlzetteln und einer Liste der Wahlberechtigten organisiert hat oder mit der er es trotz einer filmreifen Hubschrauberverfolgung, die ihn daran hindern sollte, schaffte, ganz in Ruhe in der Nähe seines Wohnsitzes wählen zu gehen. Niemand versteht es wie der Präsident, die Willkürlichkeit eines Staates bloß zu legen, der unfähig ist, seine Kraftakte durchzusetzen und der auf Grund seiner gewaltsamen und antidemokratischen Methoden jede Glaubwürdigkeit verloren hat.

Darum spielt es im Grunde genommen gar keine Rolle, welchen Zug er heute Nachmittag durchführt. Die meisten Figuren des Staates befinden sich schon gar nicht mehr auf dem Brett. Noch nie hat eine friedliche Revolution für so viele Schlagzeilen gesorgt. 25 Jahre nach den Olympischen Spielen ist Barcelona, und vor allem Katalonien, wieder in aller Munde. Und dieses Mal bewundert die Welt nicht die Fähigkeit der Katalanen, eine Sportveranstaltung allerhöchster Ansprüche nahezu perfekt zu organisieren oder ihre herausragende Kreativität. Dieses Mal ist es ein trotz des spanischen Verbots von vielen Seiten als ‘legitim’ angesehener politischer Anspruch, den international immer mehr Medien und Organisationen unterstützen. Und Puigdemont leitet diesen Anspruch mit derselben Sicherheit, mit der schon David die Soldaten Israels gegen die Phillisterarmee und Goliath geführt hat - mit Intelligenz und Gewandtheit gegen die Dummheit und Brutalität des Staates. Selbst die Bilder unterstützen diesen Vergleich: Rajoy’s Statthalter in Katalonien, Xavier García Albiol oder König Philip VI sind zwei recht unbewegliche Giganten, gegen die ein Puigdemont antritt, der weitaus flinker und weitschtiger erscheint.

Aber ganz egal, was heute auch passiert, hat Katalonien die wichtigste Schlacht bereits gewonnen, nämlich die Schlacht um das Image. Bereits Oscar Wilde sagte, daß es für das Ansehen vor allem ausschlaggebend ist, dass über jemanden geredet wird, selbst wenn es schlecht ist. Aber wenn die Berichterstattung sogar positiv ist, sind die Vorteile kaum zu übertreffen. Katalonien wird bald viel freier sein, als je zuvor. Und, um die Worte der Nationalhymne zu nutzen, auch ‘reicher’ und ‘erfüllter’. Ganz bestimmt.

Montag 09. Oktober 2017 09.10.17 18:51

          

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