EMPURIABRAVA, 19.11.2017 - 00:35 Uhr

DAS REFERENDUM von Thomas Spieker

ROSES / KATALONIEN / SPANIEN: Nur noch fünf Tage und dann will die katalanische Regierung ihre Volksabstimmung über die Unabhängigkeit abhalten. Ob ihnen das wirklich gelingt, steht noch in den Sternen, genauso wie das Ergebnis. Wird das Referendum tatsächlich stattfinden? Wie hoch wird die Wahlbeteiligung denn wohl werden? Wird es reichen, um das Ergebnis repräsentativ für das ganze Volk werten zu können? Haben die Anhänger der Gründung einer katalanischen Republik tatsächlich eine Mehrheit der Bürger im Land von den Vorteilen der Unabhängigkeit überzeugen können? Antworten auf diese Fragen wird es am kommenden Sonntag Abend geben. In der Zwischenzeit, sind die spanischen und katalanischen Medien voll mit Nachrichten und Meinungen aller Art zum Thema.

Einer, der seit vielen Jahren dabei mitmischt und die Unabhängigkeitsbestrebungen der Katalanen tatkräftig unterstützt, ist Thomas Spieker, ein Nordrhein-Westfale, der seit 46 Jahren in Roses lebt und sowohl bei den Spaniern, wie auch bei den deutschen Einwohnern der Region hoch angesehen ist. Jeden Dienstag veröffentlicht er im DIARI DE GIRONA eine Meinungskolumne, die er selbst auf katalanisch schreibt. Aus aktuellem Anlaß haben wir ihn gefragt, ob wir seinen heutigen Beitrag zeitglich auf Deutsch veröffentlichen dürfen. Dem hat er sofort zugestimmt.

SEGUR QUE TOMBA ... (Sie fällt bestimmt ...)

(Das Zitat stammt aus einer bekannten ‘Freiheitshymne’, die der katalanische Musikant Lluís Llach in den 60iger Jahren der Franco-Diktatur ‘gewidmet’ hatte.)

Im Herbst 1989 fiel die Berliner Mauer, eine Mauer, die die Führer eines Landes, das nicht in der Lage war, seinem Volk Lösungen anzubieten, errichten ließen, um die Flucht seiner Bürger zu verhindern. Das geschah zu Zeiten des ‘kalten Krieges’ zischen einem System, das den Menschen individuelle Freiheiten garantieren wollte und einem, in dem alles einem Zentralkommite unterstand, dem privilegierte und korrupte Politiker angehörten. Im Spanien des 21. Jahrhunderts, gibt es keinen Klassen- oder Systemkampf mehr. Noch nicht einmal einen um irgendwelche Prinzipien. Den spanischen ‘Führern’ geht es einzig und allein darum zu beweisen, dass die (gleichfalls privilegierte und korrupte) Macht dort liegt, wo sie hingehört, nämlich in Madrid. Sie brauchen keine Mauer, um ihre eifrigsten Untertanen an der Kandarre zu halten. Ihnen reicht es, wenn sie das Grundgesetz ihrer Sache gerecht auslegen und es denen, die heute Emanzipation und Selbstbestimmung fordern, vor die Nase halten.

Dabei wurde die Konstitution vor zwei oder drei Generationen nach 40 Jahren Unterdrückung von Spaniern gewählt, die weder demokratische Erfahrung noch Wissen hatten. Und wenn ein/e Einzelne/r abhauen möchte, dann soll sie/er das ruhig tun. Sie/er wird schon zurückkommen. So war es immer schon, wenn die Spanier vor Hunger ihr Glück im Ausland suchen mußten.

Dabei verstecken die spanischen Politiker sich genauso hinter ihrer Inkompetenz wie die in der damaligen DDR. Weder die einen, noch die anderen waren den Forderungen ihrer Völker wirklich gewachsen. Teilweise taten sie sogar so, als ob die Unruhen und Proteste gar nichts mit ihnen zu tun hätten. Während die einen den weltweiten Vorsturm des Sozialismus vorschoben, entschuldigen sich die Spanier mit der Einheit des Landes, um die Augen vor den Forderungen von Millionen ihrer Bürger nach der Freiheit, ihre gemeinsame Zukunft für sich selber zu entscheiden, ganz einfach zu schließen. Es besteht jedoch kaum ein Zweifel daran, daß am Ende die Logik siegen und dem Willen des Volkes freien Lauf lassen wird. Zwischen beiden deutschen Ländern fiel eine Betonmauer, die Intoleranz, Autoritarismus, individuelle und kollektive Freiheitsbeschränkung und Unterdrückung verkörperte. In Katalonien, wird eine Mauer des Starrsinns fallen - der Starrsinn eines Staates, der genauso intolerant, autoritär und unterdrückend ist und dabei der Unabhängigkeitsbewegung Flügel verliehen hat.

Ich weiß, daß nicht jeder meinen Vergleich der Lage in der DDR Ende der 80iger Jahre, mit der im heutigen Katalonien, teilt. Natürlich gibt es auch Unterschiede. Jedoch hat in beiden Fällen ein Volk, das es nicht mehr aushielt, ihren politischen Dirigenten den friedlichsten Krieg erklärt, den je eine Revolution gekannt hat. Und es ist nicht gerecht zu sagen, daß die ehemaligen Ostdeutschen ‘bessere’ Gründe für ihre Revolte hatten, als die Katalanen, denn sie wußten auch, daß ein starkes und mächtiges Westdeutschland sich ihrer annehmen würde. Hier ist alles viel ungewisser.

Aber eines ist klar - wenn wir lange und stark genug dran ziehen, fällt die Mauer bestimmt.

Montag 25. September 2017 25.09.17 20:24

          

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