EMPURIABRAVA, 17.10.2017 - 22:32 Uhr

Besalu und seine Geheimnisse (3)

Von Dr. Wolfram Janzen
SANTA MARGARIDA / KATALONIEN / SPANIEN:
Der Grafenkönig Jaume el Conqueror (Jakob der Eroberer) setzt  dann 1226 einen Verguer (Statthalter) ein. Besalu hat seine herausragende Bedeutung verloren, aber seine bauliche Grundstruktur samt Brücke ist geschaffen und bleibt erhalten. Die Stadt wird auch als Königsstadt sukzessive weiter ausgebaut und befestigt: Erneuerung der Brücke und Bau der Wehr-Türme (einer als Brückenzoll-Station), 3. Stadtmauer im 14. Jahrhundert,  in derselben Zeit die Einrichtung der Curia Real (Sitz des Verguers mit Gerichtshalle) in einem alten Herrenhaus.

Mit Beginn der Neuzeit tritt Besalu seine Rolle als Oberzentrum der Region an Olot ab und sinkt zur Bedeutungslosigkeit einer Landstadt herab, wodurch aber die mittelalterliche Substanz des alten Teils erhalten blieb. (Die jetzige „romanische“ Brücke mit den Türmen ist allerdings eine „Rekonstruktion“. Nachdem die Türme dem Verkehr zum Opfer gefallen waren und die Republikaner bei ihrem Rückzug Brückenbögen gesprengt hatten, wurde sie in den 60-ziger des vorigen Jahrhunderts wieder aufgebaut.)

Graf Tallaferro war nach dem Verständnis seiner Zeit ein „frommer“ Herrscher – wie seine ganze Familie. Er stützte seine Macht nicht nur auf das Schwert, sondern auch auf den Krummstab, den Einfluss der Kirche. Davon legen die mächtigen Kirchen Zeugnis ab und die Löwen über oder an den Portalen (Sant Pere, Seitenportal Sant Vicens, Portal des Pilgerhospitals Sant Julia). Was bedeuten diese Figuren, die andere Untiere und Menschengestalten unter ihren Klauen halten? Sie sind hier nach biblischer Tradition Gottes- und nach mittelalterlicher Auffassung Christussymbole: Die von ihnen unterdrückten Figuren repräsentieren das Heidentum, sündiges Verhalten und Ketzertum. Die Kirche wacht und kämpft wie ein Löwe im Auftrag Gottes gegen gottwidriges Verhalten und bestraft es. Sünde sollte „außen vor“ bleiben. Der Gläubige und Pilger war gewarnt, ehe er den heiligen Raum betrat.  Sant Pere war nicht nur Kloster-, sondern auch Pilgerkirche, was der mit Säulen und skulptierten Kapitellen dekorierte Umgang im Chor bezeugt. Hier zogen die Pilger hindurch und verehrten die Reliquien in den Seitenkapellen, wovon sie sich Ablass von den Sündenstrafen versprachen.

Die wichtigste Reliquie war der Vera Cruz-Partikel, die 1687 von der Bischofs- und Kollegiatskirche Santa Maria in die Gemeindekirche Sant Vicens überführt wurde und neben den Reliquien des Heiligen (Märtyrer Valencia 304) Platz fanden. Sie wurden 1423 von dem Juristen Pere de Rovira nach Besalu gebracht - seine im Bürgerkrieg von radikalen Republikanern beschädigte Tumba befindet in der Wand des Kirchenchores).

Unsere Führerin Natalia öffnet den Reliquienschrein in der gotischen Seitenkapelle behutsam (um die Alarmanlage nicht zu aktivieren). Wir sehen ein verziertes schwarzes Kreuz, Zeichen dafür, dass es heute nicht mehr um die Verehrung eines in der Echtheit umstrittenes Stück Holz geht, sondern um die Vergegenwärtigung der Erlösungstat Jesu Christi. Die alte Reliquie wurde 1899 gestohlen. Der katalanistische Politiker Francesc Cambo stiftete 1923 das heutige Kreuz der Stadt seiner Vorfahren. Das Wohnhaus seiner Vorfahren, das alte Herrenhaus der Familie Sant Roma (14.Jh.), fanden wir später in der Calle Mayor.

Eines der Geheimnisse Besalus wurde 1965 entdeckt. Der Besitzer eines Anwesens an der  überbauten Placa del Judios entdeckt beim Anlegen eines Brunnens 1964 unter seinem Haus ein verborgenes und verschüttetes Untergeschoß mit Wasserbecken. Es wurde wohl in früheren Zeiten zu Färbereizwecken verwendet. Die Vermutung, dass es sich hier ursprünglich um das rituelle Reinigungsbad der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde, die Mikwe, handelt, wird von französischen Rabbinern bestätigt. Archäologen legen die Mikwe und die Reste des gesamten Synagogenkomplexes frei. Die Erlaubnis zum Bau dieses jüdischen Gemeindezentrums mit Versammlungsraum, Bet-, Schul- und Studierhaus wurde von Jaume el Conqueror im 13. Jahrhundert gegeben.

Unsere Führerin Natalia erläutert uns den Komplex. Ein metallenes Schild am Boden mit den stilisierten hebräischen Buchstaben für „Sefarat“ (Spanien) kennzeichet den Ort als Bestandteil des „Wegenetzes spanischer Juden“ („Sefardim“). Natalia schließt die Tür zur Mikwe auf und wir steigen die Treppen hinab. Ein nur durch ein enges Fenster erhellter Raum im romanischen Stil öffnet sich und ein viereckiges Becken, in das seinerseits Treppen hinabführen, wird sichtbar. Wir stehen in einer der wenigen gut erhaltenen mittelalterlichen
Mikwen Europas. Hier also tauchten die jüdischen Frauen drei Mal mit dem ganzen Körper ein, um sich nach biblischer Anweisung nach der Menstruation, vor und nach einer Geburt
rituell zu reinigen und zu erneuern. (Das „Säuberungsbad“ findet vorher statt!) Auch Männer reinigen sich so vor Beginn des Sabbats und bestimmter Festtage. Es muss „lebendiges Wasser“ (Regen-, Fluss-, Meerwasser) sein, das das Becken füllt und immer wieder erneuert wird. Die christliche Taufe hat wohl auch in dieser jüdischen Sitte ihren Ursprung.  

Man schätzt, dass von damals 1000 Einwohnern Besalus 200 Juden waren. Sie hatten ihre eigene Verwaltung und waren direkt vom König abhängig, der von ihnen Abgaben erhielt. Dass der (den Christen verbotene) Geldverleih eine ihrer wirtschaftlichen Grundlagen war, ergibt sich aus der Tatsache, dass der König den Zinssatz begrenzte. Besalu war im Mittelalter kommerzielles Zentrum der Region, das bezeugen heute noch die Bogengänge an der Placa Major. Hier saßen Händler, Handwerker und wohl auch die jüdischen „Geldwechsler“, die damaligen „Banker“. Die jüdische Gemeinde war auch wegen ihrer weitreichenden Beziehungen für das wirtschaftliche Leben wichtig. Die Gemeinde brachte hervorragende Ärzte hervor (einer – Abraham des Catllar – war einer der jüdischen Leibärzte des Königs Pere el Ceremonios/1319-1387) und einen berühmten Troubadour: Ramon Vidal (12./13 Jh.). Das alles zeigt, dass die Juden Besalus mit den christlichen Einwohnern geregelt zusammenlebten. Man war aufeinander angewiesen. Ende des 13. Jahrhunderts verstärkten sich aber die Spannungen und auf  Grund päpstlicher Anweisungen verwies man die Juden in ein Viertel (Call) jenseits der heutigen Calle Pont Vell und verschloss das Barrio Judeo. Die Juden mussten ihr Viertel durch ein Portal zum Fluss hin betreten und verlassen (die Treppen zum Portal sind heute wieder sichtbar). Dass Juden vorher auch unter den christlichen Bürgern lebten, zeigt das Gebäude der „Curia Real“. Hier befindet sich an einem Eingang rechts oben die Aussparung für eine „Mesusa“, eine Kapsel mit dem auf Pergament geschriebenen jüdischen Glaubensbekenntnis, das der Jude beim Betreten des Hauses verehrend berührt. (Wir legten eine solche mitgebrachte Mesusa in der Vertiefung an.)  Das prächtige Gebäude hatte vor der Verweisung der Juden in das separiertes Viertel einen jüdischen Besitzer, Astruc David.

In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts verließen die letzten Juden Besalu – sofern sie nicht zum Christentum konvertierten – und wanderten aus (teilweise nach Castello d´Empuries). 1492 wurden die Juden Spaniens von den „Katholischen Königen“ Isabella und Fernando ausgewiesen.

Ein Besuch in der Curia Reial mit der Vorführung eines Films über Synagogenkomplex und Mikwe sowie die Besichtigung des „Gotischen Saals“ (Versammlungs- und Gerichtsaal des königlichen Statthalters) beendet den Führungteil. In einem Lokal an der Placa Major stärken wir uns und lassen das Erlebte nachklingen.
Ende der Serie



Montag 18. September 2017 18.09.17 18:59

          

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