EMPURIABRAVA, 18.12.2017 - 13:55 Uhr

Besalu und seine Geheimnisse (2)

Von Dr. Wolfram Janzen
BESALU / KATALONIEN / SPANIEN:
Wandert man von der Placa Major oder Llibertat  die Straße zur Forca, zur ehemaligen Burg der Grafen und dem Bischofssitz hinauf (heute das Gelände der im Privatbesitz und nicht ohne weiteres zugänglichen Reste der Kirche Santa Maria), dann befinden wir uns in der „Calle Comte Tallaferro“, von der rechts ein Gässchen „Abat Oliba“ abführt und oben sich eine „Placa Comte Miro“ öffnet. Was hat es mit diesen Grafen und dem Abt auf sich?
Nach dem Tode Guifres teilten seine Söhne die Herrschaftsbereiche unter sich auf.
Ein Sohn, Miro I. (913-972), wird der erste regelrechte Graf von Besalu. Die weiteren Grafen – bis zum Aussterben der Linie – sind Nachkommen Wilfrieds, Miros und des Mirosohnes Oliba Cabreta. Miro Bonfill (967-984) – Bruder von Oliba Cabreta, Bischof Graf von Besalu und Bischof von Girona, lässt den Ort ausbauen und drei Kirchen errichten (977: S. Genis/S. Maria, S. Vicens,  Beginn von S. Pere, 1003 geweiht – die Benennung nach Sankt Peter zeigt die Rom- und Papsttreue der Grafen an!). auf ihn folgt Oliba Cabreta der sich bisher auf die Grafschaft Cerdanya beschränkt hatte. Unter einem Sohn Olibas, Graf Bernat Tallaferro („Eisenschneider“/988-1020), ist die kurze Blütezeit der selbständigen Grafschaft Besalu, die für die damaligen Verhältnisse ausgedehnt (bis nach Figueres), mächtig und reich ist. Tallaferro zeichnet sich im Kampf gegen die Mauren aus (1010 Feldzug katalanischer Grafen nach Cordoba –zusammen mit arabischen Verbündeten!). Der Legende nach besaß er ein ihm vom heiligen Martin verliehenes himmlisches Schwert, mit dem er mühelos die Eisenpanzer der Feinde zerteilte. Nach  Verdaguer ist dieses Schwert das des sagenhaften katalanischen „Urhelden“ Otger Catala (aus der Zeit Karls des Großen), das ihm von seinem Schwiegervater, dem Grafen Wilhelm von Toulouse/Provence, übergeben wird. Graf Tallaferro spielt in dem Epos „Canigo“  (1886) des katalanischen Nationaldichters Jacint Verdaguer eine zentrale Rolle „Der Graf Tallaferro kommt wie der Wind, er fliegt über die Höhen der Pyrenäen…“ (V. Gesang)  Der Graf und Abt Oliva werden zu „Gründungsvätern“ und mythischen Gestalten Kataloniens stilisiert, deren Erbe und Geist auch die „Renaixenca“, die Wiedergeburt des modernen Kataloniens im 19. Jahrhundert, beflügeln soll. (Einen Teil des Epos schrieb Verdaguer in der Herberge des Berg-Heiligtums Mare de Deu del Mont, das unübersehbar unweit von Besalu aufragt – mit Blick auf den „heiligen“ Berg der Katalanen, den Canigo.)   

Zurück zur realen Geschichte.1017 reist der „glorreiche Graf“ zum wiederholten Mal nach Rom – wie schon früher sein Onkel Miro Bonfill, sein Bruder Abt Oliba und zweimal sein Vater, der schließlich Mönch im Kloster Montecassino wurde - und erlangt von  Papst Sergius IV. die Erlaubnis, in seiner Grafschaft einen Bischofssitz einzurichten. Er bringt einen Partikel des (angeblichen) Kreuzes Jesu mit („Vera Cruz“). Der Besitz dieser „heiligen“ Reliquie unterstützt natürlich in der damaligen Zeit seine Bestrebungen. Hinzu kommt, dass zur Grafschaft die katalanischen „Ursprungsklöster“ Ripoll und Sant Joan de las Abadesses sowie andere wichtige monastische Zentren gehören. Tallaferro hatte vom Papst die Rechtsprechung über Sant Joan erhalten hatte und benutzte sie dazu, um seine  (Halb-)Schwester, die Äbtissin Ingilberga, abzusetzen – angeblich wegen „unzüchtigen“ und aufrührerischen Verhaltens. Am ihrer Stelle setzt er seinen Sohn Guifre ein, der dann Bischof von Besalu wird. Abt von Ripoll und Bischof von Vic ist Tallaferros Bruder Oliba - eine universal ausgerichtete Gestalt - der Ripoll zur „geistigen Wiege Kataloniens“ und  Zentrum der Gelehrsamkeit von europäischer Bedeutsamkeit macht. Tallaferros Sarkophag befindet sich übrigens in der Klosterkirche von Ripoll. Drei Medaillons auf der (modernen) Tumba zeigen ihn stehend – mit großem Schwert - mit seinem Bruder Abt Oliba, als thronenden Grafen mit Krone und Schwert und als kriegerisch gerüsteten Reiter.

Die Amtszeit Guifres als Bischof von Besalu währte nur kurz, von 1017-20. Nach dem Tode Tallaferros – er stirbt etwas unrühmlich auf einer Reise durch Ertrinken in der Rhone - schaffen es die Bischöfe von Girona und Vic, dass das Bistum Besalu aufgehoben wird. 1111 stirbt der letzte Graf dieser Linie, Bernat III. ohne Nachfolger. Die Herrschaft geht durch vorhergehenden Heiratsvertrag an die Grafen von Barcelona über. Der Abt von Sant Pere übernimmt die administrative Verwaltung der Grafschaft.
Fortsetzung Montag

Freitag 15. September 2017 15.09.17 18:53

          

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