EMPURIABRAVA, 18.11.2017 - 07:25 Uhr

Besalu und seine Geheimnisse

Dr. Wolfram Janzen
BESALU / KATALONIEN / SPANIEN:
Für jeden Besucher unserer Region lohnt sich ein Ausflug nach Besalu.  Katalonien hat viele Städte und Dörfer, die sich einen mittelalterlichen Kern bewahrt haben. Aber Besalu bietet ein besonders gut erhaltenes und kompaktes Beispiel mittelalterlicher Stadtbauweise in Katalonien. Das alte Besalu dürfte sich seit dem Ausgang des Mittelalters nur wenig verändert haben und so atmet man bei einem Rundgang durch den Ort überall mittelalterliches Flair ein.
Nicht umsonst bezeichnet die touristische Werbung Besalu als „Museum unter freiem Himmel“, wobei man auf einige Errungenschaften der Gegenwart wie nette Cafes und Geschäfte, saubere Straßen und Plätze durchaus nicht verzichten muss.
Sicher ist es schon reizvoll, nur durch die alten Gassen zu bummeln, die alten Häuser zu bestaunen, einen Blick durch Glastüren in die Kirchen zu werfen, über die eindruckvolle  Brücke, die den Fluvia überspannt, zu schlendern und von dort das Panorama der alten Stadt zu genießen. Aber dadurch erschließen sich die Geheimnisse der alten Grafenstadt noch nicht. Die Steine, die Gebäude, fangen erst an lebendig zu werden und zu reden, wenn man Geschichte und Geschichten kennt, die sich hinter ihnen verbergen. Dazu braucht man eine sachkundige Führung und auch Vorstellungskraft. Auf diese Weise ist es dem ehemaligen Stadtführer Marti Gironell gelungen, einen Roman über Besalu zu schreiben, der inzwischen zu einem Bestseller avanciert ist: „El Puente de los Judios“, die Brücke der Juden. Ein Roman, der auf geschichtlichen Kenntnissen beruht, aber eine phantasievolle Erzählung darin verwebt.
Die Teilnehmer des letzten Kulturspaziergang ließen sich jedenfalls nicht von dem Argument beeinflussen: „Besalu – waren wir schon, kenne ich, muss ich nicht noch einmal hin“, sondern wollten mehr erfahren, als bei einer reinen Besichtigungstour „rüber kommt“.
Bei den „Kulturspaziergängen“ geht es darum, nicht nur da gewesen zu sein, sondern ein Verständnis des Besichtigten zu gewinnen. Wer öfters diese „Kulturspaziergänge“ mitmacht, wird ein zusammenhängendes Kenntnis- und Verständnisnetz aufbauen, in dem er vieles in Katalonien verstehen und einordnen kann. 
Die sympathische Stadtführerin Natalia war uns behilflich, einige der Geheimnisse Besalus zu entschlüsseln. (Sie ist für ein kleines Unternehmen tätig, das Stadtführungen anbietet und in der Calle Major 2 zu finden ist.)
Das fängt schon mit dem doch etwas seltsamen Namen „Besalu“ an. Er wird auf die lateinische Bezeichnung „Bisuldunum“ zurückgeführt, was „Ansiedlung zwischen zwei Flüssen (Fluvia und Capellades) bedeutet. Die Bezeichnung deutet darauf hin, warum sich hier schon in alten Zeiten, unter den Iberern und Römern, Menschen angesiedelt haben. Hier war ein Schnittpunkt von Straßen, die über den Fluss gingen. Die Lage zwischen den Flüssen auf einem Hügel bot Schutz und Verteidigungsmöglichkeiten.
Man fragt sich allerdings, warum diese Ansiedlung sich im frühen Mittelalter zu einer offenbar bedeutenden Stadt entwickelt hat. Steht man auf dem großen Platz vor der Klosterkirche Sant Pere ( „Prat“/Wiese de Sant Pere) und sieht die mächtige Kirche vor sich, dann hat man schon  den Eindruck einer großen Vergangenheit. Nebenbei: der für eine mittelalterliche Stadt große Platz birgt auch ein „Geheimnis“. Ursprünglich lag Kirche und das dazugehörige Benediktinerkloster außerhalb der Stadtmauern. Wo heute Pflaster den Platz bedeckt, befand sich ein Anger und der klösterliche Friedhof mit der Friedhofskapelle. Der Friedhof bestand noch weiter, als man die Stadtgrenzen und die Mauer weiter nach außen verlegte. Als der Friedhof  aufgehoben wurde, legte man den großen Platz an.  
Schreitet man weiter durch den Ort und sieht die großen zivilen und kirchlichen Bauten, dann verstärkt sich der Eindruck einer bedeutenden Vergangenheit. Die Auflösung des „Geheim- nisses“ ist, dass Besalu einst die Hauptstadt einer unabhän- gigen Grafschaft war, wie Castello D´Empuries, und zwar einer der alten Kerngrafschaften Kataloniens. Und was den Grafen von Empuries nicht gelungen ist, ist den Grafen von Besalu wenigstens kurzfristig gelungen: einen Bischofssitz in ihrer Residenzstadt zu installieren.
Um an den Anfang der Entwicklung zu kommen, muss man bis zu dem Grafen Wilfried, den Haarigen (Guifre el Pilos/ 873-898), zurückgehen, dem Begründer des erblichen Grafengeschlechtes von Barcelona und dem Vereiniger der den Mauren entrissenen Gebiete der fränkischen „Grenzmark“ dieseits und jenseits der Pyrenäen. Er sicherte diese Gebiete durch die Gründung von Klöstern und befestigten Ansiedlungen. Er stammte aus der Cerdanya (die ursprünglich mit Besalu verbunden war). Ripoll, Besalu und später Barcelona waren seine Stützpunkte. Wilfried übergab 894 seinem Bruder Radulf die (Unter-)Herrschaft über die Grafschaft Besalu.
Fortsetzung Freitag

Mittwoch 13. September 2017 13.09.17 20:14

          

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