EMPURIABRAVA, 21.09.2017 - 19:39 Uhr

Hätte der Streit rund um das Unabhängigkeitsreferendum verhindert werden können?

KATALONIEN / SPANIEN: Auf diese Frage gibt es nur eine Antwort: JA! Es ist ja nichts Neues, dass die Katalanen gerne unabhängig wären und das nicht erst jetzt, sondern schon seit einigen Jahren und schon aus der Zeit, als der damals allmächtige Jordi Pujol Ministerpräsident des kleinen aufrührerischen Katalonien war. Aber man hatte das Gefühl, dass das damals niemand so richtig ernst nahm, zu gut brummte die Wirtschaft, so viele Menschen hatten Arbeit und es ging eigentlich allen recht gut.

Mit daran beteiligt war – und das muss man nun fairerweise sagen – auch die Zentralregierung in Madrid und hier tat sich der ehemalige sozialistische Ministerpräsident Zapatero positiv hervor. Zwar richtete er das gesamte Land wirtschaftlich fast zugrunde, aber er sorgte dafür, dass das Verhältnis zu Katalonien immer zumindest mittelmässig war. Hier prallten u.a. Artus Mas aus Katalonien und eben Zapatero aufeinander und immer, wenn es um Wahlen ging, setzte man sich zusammen, verhandelte und gegen ein paar Stimmen zum Parlament (mittels der Parteienregelung) erhielt Katalonien kleine Vorteile im eigenen Land und Artus Mas kehrte zufrieden nach Barcelona zurück. Alle lebten mehr oder weniger glücklich miteinander und es kam zu keinen grösseren Streitigkeiten und das Thema Unabhängigkeit von Katalonien interessierte nur am Rande.

Irgendwann gibt es bei jeder Freundschaft einen Bruch und in diesem Fall kam es durch einen Regierungswechsel dazu. Mariano Rajoy, sturer Galicier und ehemaliger Beamter übernahm mit seiner Partei PP die Macht in Madrid und ab diesem Moment änderte sich alles. Zwar besuchte Artur Mas auch den neuen starken Mann, doch im Gepäck auf der Rückfahrt nach Katalonien hatte er nichts. Der Ministerpräsident war zu nichts bereit, nichts war verhandelbar und er verzichtete sogar auf die katalanischen Stimmen im Parlament.

Artur Mas war nun in der Klemme, hatte er doch gar nicht im Sinn, Kataloniens Unabhängigkeit auszurufen (ob das so stimmt, sei einmal dahingestellt, aber nach Gerüchten war dies so). Nun aber war er durch die Uneinsichtigkeit eines Rajoy dazu gezwungen und das Volk hielt zu ihm. Der Prozess schritt voran und mit den Jahren wuchs die Zahl derer, die sich von Madrid lösen wollten. Nur einer wollte dies offensichtlich nicht sehen: Rajoy.

Nach und nach einten sich die Katalanen – immer friedlich und ohne Stress – und bei Veranstaltungen wie dem Nationalfeiertag „La Diada“ kamen Millionen Katalanen in Barcelona zusammen, um ohne ein böses Wort zu demonstrieren oder man bildete eine 400 Kilometer lange Menschenkette quer durch das Land, um auch hier wieder Hand in Hand friedlich ihre Meinung kund zu tun. Wen interessierte dies wieder nicht? Sie wissen schon: unseren galicischen Freund.

Und so musste es so kommen wie es aktuell ist – Katalonien will sich unabhängig erklären.

Jetzt alle Schuld auf Mariano Rajoy zu schieben, wäre genauso falsch wie alle katalanischen Politiker zu Engeln zu machen. Aber mit ein wenig Verhandlungsbereitschaft, ein wenig Entgegenkommen, ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl, mehr Freundlichkeit und mit einem weniger verbissenen Gesicht hätte Rajoy erreichen können, dass es nicht zum eventuellen Showdown kommt. Genauso hätten sich die hiesigen Politiker nicht auf die eigenen Stiefel getreten, wenn sie die Verhandlungen differenzierter und nicht unnachgiebig geführt hätten. Aber so kommt es eben nun zum offenen Zwist.

Möglicherweise ist der Zeitpunkt für ein Referendum in Katalonien nicht sehr günstig gewählt, weil mittlerweile doch sehr viele nicht mehr an die Sache glauben. Andererseits musste die Regierung in Barcelona nun reagieren, denn sonst wären wahrscheinlich alle bisherigen Bemühungen sinnlos verpufft.

Es steht nicht zu erwarten, dass die Katalanen den Zwist über die Gespräche hinaus suchen werden, denn es wurde und wird immer wieder betont, dass dies eine absolut friedliche Demonstration der eigenen Stärke ist und das man jegliche Gewalt verurteilt. In all den Jahren wurde nicht ein Fall in Katalonien bekannt, dass wegen politischer Ansichten ein Mensch zu Schaden gekommen ist. Es besteht momentan nur eine einzige Gefahr und diese ist die Anordnung auf Ausübung der Exekutive durch den Zentralstaat. Mit anderen Worten: sollten katalanische Politiker verhaftet werden, sollten die Bürgermeister der einzelnen Gemeinden zur Rechenschaft gezogen werden, sollten Schuldirektoren und andere Personen des öffentlichen Dienstes unter dem Vorwurf der Partizipation Probleme bekommen, dann, ja dann, könnte sich Katalonien erheben. Aber bis es dazu kommt, dauert es wahrscheinlich. Der Gedanke des Friedens ist in jedem Katalanen eingepflanzt und um diesen zu rupfen, bedarf es schon einiges.

Dieser kleine Überblick kann nicht alle Facetten des Prozesses beleuchten und hat natürlich auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit – nicht einmal annährend.  Wir haben in extrem kurzer Weise versucht, ein paar Sachverhalte zu beschreiben – die ganze Komplexität würde hier jeden Rahmen sprengen. Aber im Internet gibt es sehr, sehr viele Artikel und Seiten zu diesem Thema – und zwar von beiden Seiten betrachtet. Vielleicht lohnt sich ja mal eine intensive Suche, um sich über all die Dinge zu informieren, die Katalonien und Spanien betreffen und ganz sicher findet man dann auch keine Zigarettenrauch geschwängerten mit Alkoholschwaden vernebelten Stammtischparolen, die so gerne als Argumentation vor allem gegen eine Unabhängigkeit gebraucht werden.

Noch ein letzter Satz: ARENA hat in den letzten Jahren mit vielen Menschen aus der Region gesprochen und darunter waren Fanatiker, ruhige Vertreter, Gegner, Befürworter und... und... und – und dies mit vielen Nationalitäten unterschiedlichster Kontinente. Uns sind die Vor- aber auch Nachteile einer Abspaltung bewusst und alles hat sein Pro und Kontra. Aber mal ehrlich: am liebsten wäre uns eine gesunde und vor allem respektvolle Fortführung des Status Quo, bei dem keine Partei ihr Gesicht verliert. Vielleicht ist ARENA da ein wenig zu optimistisch, aber träumen darf man ja wohl noch.

M.O.

Donnerstag 07. September 2017 07.09.17 20:46

          

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