EMPURIABRAVA, 18.11.2017 - 07:12 Uhr

Ein Pilgerweg von der Steinzeit bis ins Mittelalter – von Vilajuiga nach Sant Pere de Rodes (2)

Von  Dr. Wolfram Janzen - Fortsetzung von Mittwoch
Nach Auffassung von Josep Tarrus i Galter, dem Autor des maßgeblichen Forschungswerkes zu den hiesigen Dolmen (Poblats, Dolmens i Menhirs, Girona 2002) stammt der Dolmen aus der 2. Hälfte des 4. Jahrtausend v. Chr., also aus der Jungsteinzeit, dem Neolithikum. In dieser Zeit vollzog sich auch in unserer Gegend eine große Revolution in der Menschheitsgeschichte, der Übergang vom Jäger- und Sammlerdasein zur sesshaften Lebensweise mit Ackerbau und der Viehzucht.
Entgegen weitverbreiteter Ansicht sind die Dolmen  keine Begräbnisstätten im eigentlichen Sinne. Man hat in ihnen einzelne Knochen (Langknochen, Schädel(teile)), aber keine ganzen Skelette aus der Ursprungszeit gefunden. Daneben wurden Gegenstände des damaligen Lebens wie tönerne Behälterreste, kleine steinerne Pfeilspitzen, Messer, Beile und Schmuckkettenteile ausgegraben. Das deutet darauf  hin, dass es sich nicht um Gräber, sondern Kultstätten  handelt. An ihnen wurde die Wiederkehr des Lebens aus dem Tode kultisch begangen. Die Dolmen symbolisieren den Geburtskanal, aus dem das Leben kommt und in das es wieder eingeht, den Schoß der Erde. Der Stein in seiner Starre ist das Symbol für den Durchgang durch den Tod, aus dem neues Leben hervorgeht. Der Mittelpunkt der neolithischen Religion ist die Feier des Kreislaufes von Tod und Wiedergeburt, Werden und Vergehen. Dieser Rhythmus war Grundlage und Erfahrung der neolithischen Bauern und Viehzüchter. In diesen Kreislauf waren die Menschen und die Verstorbenen, die Ahnen, eingebunden.
Neues Leben kam aus der Ahnenwelt. So verbrachte man Teile von hervorgehobenen Verstorbenen Sippenführern, Priestern in das „Haus des Todes“ und stattete sie mit symbolischen Gegenständen aus, die den Sieg des Lebens repräsentierten wie z.B. Zierbeile. (Näheres in: Ina Mahlstedt, Die religiöse Welt der Jungsteinzeit, Darmstadt 2004.)
Außerdem waren die Dolmen auf den Sonnenlauf ausgerichtet, der für die bäuerliche Bevölkerung so wichtig war. Sie öffneten sich dem Sonnenaufgang, dem Mittag und dem Untergang der Sonne und zeigten die Sonnenwenden an. Auch aus diesem Grund errichtete man sie an herausgehobenen Stellen, auf Bergen.
Ich steige den Weg, der immer steiler und felsiger wird, weiter empor, von Dolmen zu Dolmen. Je höher ich komme, desto phantastischer wird die Aussicht auf die umliegenden Berge, die Bucht von Roses. Besonders umfassend ist der Blick von einzelnen Felsformationen, auf die ich klettere. Dort entdecke ich die für heilige Steine typischen großen und kleinen Schüsselchen natürlichen oder künstlichen Ursprungs. In ihnen sammelt sich das Regenwasser, in dem sich der Himmel spiegelt und das Sonnenlicht bricht. Nach Auffassung von Ina Mahlstedt symbolisierten sie in ihrer Kreisform den Ursprung des Lebens und wurden kultisch berührt. Vielleicht brachte man in ihnen auch Opfergaben dar.
Ich krieche in einzelne Dolmen und blicke durch den Ausschnitt ihres Eingangs auf den abendlichen Himmel, die Berge und das Meer hinaus. Saßen so in der Ursprungszeit die Priester in den Steinkammern, beobachteten den Lauf der Gestirne und kommunizierten mit den Ahnen?
Auf dem weiteren Weg finde ich auch große und kleine Kreuze auf den Steinen, die den Weg säumen. Mancher Stein macht den Eindruck, als diente er als Wegweiser, auf einem scheint ein großer großer Pfeil in Wegrichtung ausgehauen zu sein.
Fortsetzung am Montag


Freitag 01. September 2017 01.09.17 19:46

          

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