EMPURIABRAVA, 18.11.2017 - 07:23 Uhr

Barcelona lebt den katalanischen Stolz

KATALONIEN / SPANIEN: Es ist eine Stadt mit vielen Eigenschaften. Barcelona ist ein Mosaik aus Tradition und Moderne. Antonio Gaudi hat ihr einen zeitlosen Charakter gegeben.
Barcelona hat Charakter. Freundlich, aber reserviert breitet sich die Hauptstadt Kataloniens etagenhaft an der östlichen Mittelmeerküste Spaniens aus. Sie hat sich über Jahrhunderte entwickelt, im 20. Jahrhundert einen Sprung gemacht. Moderne und Tradition ringen nicht um die Vorherrschaft, sondern sind Wesenszüge einer Stadt, die ihren Stolz gern präsentiert.
Balkon an Balkon reiht sich an den mehrstöckigen Gebäuden. Die engen Nebengassen der Rambla schnappen nach Luft. Auch diese kleinen Gässchen abseits des pulsierenden Lebens atmen.
Barcelona fordert Zeit, nicht Eile. Ein flüchtiger Flirt wäre nur ein nebulöses Vorbeihasten. Kurz nach Mittag standen wir da auf dem Passeig de Gràcia. Zu viert mit unseren Rollkoffern. Am Flughafen hatten wir die Barcelona Card gekauft. Kreuz und quer mit Bus, Bahn und U-Bahn wollten wir die Stadt kennen lernen.
Das U-Bahn-Netz ist eine Homage an die Touristen und ein Segen für die 1,5 Millionen Einwohner, die am liebsten mit den Mofas und Rollers Barcelona in ihre hupende und quietschende Geiselhaft nehmen würden.
Die Barcelona–Card vergünstigt manches. 20 Prozent da, freier Eintritt dort. Letztlich sind die öffentlichen Verkehrsmittel ein Gewinn. Sogar mit den Golondrinas kann man auf freie Fahrt durch den Hafen von Barcelona gehen.
Viele Touristen ziehen an diesem Samstag ihre Koffer nach, suchen ihre Hotels, die sie meist in der Nähe des pulsierenden Herzens Barcelonas, Plaça de Catalunya, gebucht haben.
Der „katalanische Platz“ ist Dreh- und Angelpunkt inmitten von Barcelona. Mit ihm geht alles, ohne ihn nichts. Bänke säumen seinen Rand, Touristen rasten und die Katalanen schlendern über ihn hinweg.
Meist zieht der Touristenstrom in eine Richtung. Zur Rambla, dieser 1,3 Kilometer langen breiten Promenade, die das Zentrum mit dem Hafen verbindet. Die Rambla ist nicht nur eine Straße, nein sie fügt sich Abschnitt für Abschnitt zu einem Kunstwerk zusammen.
Der Brunnen „Font de Canaletes“ am Beginn der Rambla gehört bei den Heimspielen den Fans des FC Barcelona. Hier feiern und randalieren die Fußballanhänger der besten Mannschaft der Welt.
Es passt gar nicht zu Barcelona, doch der Futbol-Club ist Teil dieser Stadt. Allgegenwärtig mit den offiziellen Barcelona- Shops.
Messi, Sánchez oder neuerdings auch Dembélé liegen fein säuberlich in den Regalen – von Super-S bis zwei Mal XXL. 60 bis 90 Euro kostet das Trikot, kein Schnäppchen.
Vorbei geht es an den Straßenkünstlern und Blumenständen. Der „Mercat de la Boqueria“ lockt intensiver als der Hütchen-Gauner. Fischgeruch vermengt sich mit fruchtigem Duft frischer Erdbeere und katalanischen Fleisch- und Wurstspezialitäten.
Der 50 Zentimeter große Fingerzeig des Kolumbus weist nicht nur auf das Meer, sondern markiert die Grenze zwischen Festland und Wasser.
Kilometer weit kann man entlang des alten Yacht- und des modernen Schiffshafen schlendern. Links erstreckt sich der Port Olympic mit den zu den Olympischen Sommerspielen 1992 errichtetem Sandstrand, links der 173 Meter hohe Montjuic.
Über den Hafen schwebt man mit der Seilbahn auf diesen von Doppelmayr erschlossenem Olympiaberg. Olympia ist vergilbt, wenngleich aus dem Olympiastadion die Anfeuerungsrufe für den kleinen Klub Barcelonas, Espanyol, gellen.
Der Montjuic ist eine grüne Oase mit einer Befestigungsanlage. Die Blicke wandern über den Tibidabo, den 512 Meter hohen Hausberg Barcelonas, zur Sagrada Familia, der Unvollendeten von Gaudi, zum Torre Agbar, dem phallisch anmutenden Wasserturm, der abends hell in blaurot vermischt leuchtet bis hin zu den Kreuzfahrtschiffen, die Barcelona in den vergangenen Jahren zum wichtigsten Kreuzfahrthafen des Mittelmeeres gemacht haben.
Immer wieder kreuzen die offiziellen Busse von Barcelona Bus Touristic und dem Konkurrenzunternehmen die Wege der Besucher.
Für circa 30 Euro kann man auf dem offenen Dach eines Doppeldeckerbusses zwei Tage lang Barcelonas Sehenswürdigkeiten abfahren. Die Anleitung gibt ein virtueller Reiseführer. Man steigt aus und wieder ein. Wobei Fahrer und Reisebegleiter genau auf die Disziplin achten. Höflich, aber bestimmt dulden sie keine Drängelei, kein hastiges nach den besten Plätzen heischen. Es muss alles seine Ordnung haben. In dieser Freiheit des Oberdecks wird man plötzlich beseelt von der Einzigartigkeit Barcelonas – von Gaudi.
Antonio Gaudi prägt das moderne Barcelona. Vom ausgehenden Fin de siècle bis in die Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts revolutionierte Gaudi den Baustil Barcelonas.
Die gewundenden Formen der Casa Mila, die Fassade der Casa Batllo, der Eingang zum Park Güell – sofort wird man an die Gebäude von Hundertwasser erinnert. Doch im Gegensatz zu Hundertwasser schuf Gaudi formvollendete Häuser.
Barcelona wird zu einer Stimmung, zu einer dezenten Fröhlichkeit. Nicht spanisch, sondern katalanisch soll das Gefühl sein. Wie der Sardana – der katalanische Nationaltanz. Ein Gruppentanz mit einer genauen Abfolge von Schritten, der Ausdruck des katalanischen Selbstbewusstseins sein soll.
Barcelona ist eine selbstbewusste Stadt. Die Besucher spüren es, wenn sie sich die Zeit dafür nehmen.
Quelle: Barcelona für Deutsche


Montag 28. August 2017 28.08.17 19:47

          

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