EMPURIABRAVA, 21.09.2017 - 19:51 Uhr

Szenen aus der Geschichte Kataloniens (3)

von Dr. Wolfram Janzen
Fortsetzung von Dienstag
KATALONIEN / SPANIEN:
Sicher Legende ist die bekannte Geschichte von der Entstehung der katalanischen Farben und Flagge (senyera). Wilfried sei mit seinem Heer dem von Normannen bedrängten König Karl dem Kahlen zu Hilfe geeilt. Dank seines Eingreifens seien die Normannen geschlagen worden, er habe aber eine tödliche Wunde empfangen. Der König besucht ihn auf dem Sterbebett, taucht vier Finger in seine Wunde, bestreicht damit das goldene, aber emblemlose Schild des Grafen und schenkt ihm und seinen Nachkommen so das Wappen.
Diese Geschichte, die in verschiedenen Fassungen überliefert wird, taucht erst im 16. Jahrhundert  auf ( 551: Pere Anton Beuter, Cronica general de Espana, Valencia). Tatsächlich hat sich die katalanische Flagge mit ihren Farben wohl aus dem späteren Wappen der Grafen von Barcelona und Könige von Aragon entwickelt (dort sind die Streifen noch vertikal).
Sicher ist aber, dass sich die Grafschaften unter der Verwaltung Wilfreds, die er von Barcelona aus betrieb, konsolidierten und vereinheitlichten. Er verteidigte und erweiterte die Grenzen gegen die Sarazenen und setzte auf diplomatische Weise eine bisher nicht gekannte Unabhängigkeit gegenüber dem fränkischen König durch. Er war der letzte der katalanischen Grafen, der noch von diesem direkt ernannt wurde und erhielt wohl durch seine Vasallentreue die Erblichkeit des Grafenamtes zugebilligt. (Formell wurde die Abhängigkeit der katalanischen Grafen aber erst im Vertrag von Corbeil 1258 gelöst.). Er ließ verlassene und verwüstete Gebiete mit Kolonisten besiedeln, veranlasste, dass Burgen und Türme zur Sicherung seiner Gebiete erbaut wurden und  stützte sich auf die Herausbildung des Feudalsystems. So kehrte unter seiner Herrschaft nach wirren Zeiten eine gewisse Beständigkeit, Sicherheit und Ordnung ein.
Die innere Stabilität seiner Gebiete förderte er auch, indem er das religiöse und kirchliche Leben erneuerte und stärkte. 885 gründete er das Kloster Sant Joan de las Abadesses, dessen erste Äbtissin seine Tochter Emma wurde. 886 veranlasste der Graf die Neubelebung des Episcopats Ausona/Vic als eigenem Bischofsitz. 888 wurde im Beisein des Grafen und seiner Gemahlin die Klosterkirche von Ripoll feierlich geweiht. Das Kloster mit seiner Bibliothek und Schreibstube entwickelte sich unter dem Enkel Abt Oliba zur „geistigen Wiege“ Kataloniens. Hier setzte er seinen Sohn Rodulfo als ersten Abt ein. Die Klöster wurden nicht nur Zentren der geistlichen und geistigen Überlieferung und Erneuerung, sondern auch der Kultivierung von Landwirtschaft und Handwerk. Auch die Befreiung des Montserrat und die Neubelebung des Kultes und mönchischen Lebens auf  diesem Zentralheiligtum der Katalanen wird Wilfried zugeschrieben.
All dies ist mit Sagen verbunden, die sich um seine Person ranken. So soll Wilfried  nach einer gewonnenen Schlacht gegen die Sarazenen beim späteren Ort Ripoll einen Traum gehabt haben, in dem ihm Karl der Große erschien. Dieser trug ihm die Verehrung des vor den Christenfeinden versteckten Marienbildes und die Errichtung des Klosters auf. Es geht die Sage, dass er in der Nacht von Allerseelen aus seiner Gruft hervorkomme und auf einem weißen Pferd seine Lande durchreite und prüfe, ob sie noch einig und frei von Christenfeinden seien. Wenn seinen Landen Gefahr drohe, rufe er seine alten Kampfgefährten aus den Gräbern zum neuen Streit.  
Das Leben des Grafen Wilfried endete im Kampf mit den Sarazenen, die 897 wieder seine Gebiete bedrohten. Durch einen Lanzenstoß des muslimischen Anführers Lubb ibn Muhammad  al-Qasi aus Lleida erhielt er im Valle de Ora/Naves eine tödliche Wunde. Die Einwohner dort haben ein Denkmal bei einer mittelalterlichen Brücke über den Fluss Ora  errichtet, das auf einem Felsblock eine gegossene Hand zeigt, die die vier katalanischen Streifen eingraviert.
Nach dem Tode Wilfrieds werden die Grafschaften unter seinen Söhnen Guifre, Sunyer, Miro und Sunifred aufgeteilt, was die vom Vater geschaffene Verbundenheit des Herrschaftsgebietes wieder in Frage stellte.
Ende der Serie


Freitag 25. August 2017 25.08.17 20:19

          

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