EMPURIABRAVA, 21.09.2017 - 05:26 Uhr

„ Die ewige Tramuntana nervt mich…“ – Einiges über diesen Wind (2)

von Dr. Wolfram Janzen
Fortsetzung von Dienstag

KATALONIEN / SPANIEN:
Und damit kommen wir zur Entstehung dieses Windes. Es ist immer dieselbe Wetterkonstellation, die die Tramuntana auf den Plan ruft. Bei uns: jenseits der Pyrenäen, über dem kontinentalen Festland oder über der Biskaya, liegt ein Hoch. Und über dem Mittelmeer, meist im Golf von Genua, lagert ein Tief. Temperatur- und Druckunterschiede lassen Wind entstehen, der vom Hoch zum Tief fließt. Die aus dem Hoch strömende kalte Festlandsluft bildet Wolkenbänke, die an den Bergkämmen hängen bleiben. Weil die Luft bergab fließt, erwärmt sie sich. Sie trocknet und wird wolkenlos. Die Strömungsrichtung wird aber von der Rotation des Tiefs abgelenkt und seewärts gezogen. So weht die Tramuntana von Norden nach Süden.
Und warum hatten wir jetzt so extrem kalte und lang andauernde Tramuntana? Über Sibirien, Russland und das nördliche Europa hatten sich ausgedehnte und sich immer wieder aufbauende Hochs gebildet. Über dem Mittelmeer lagen gleichzeitig ausgedehnte Tiefs, die sich ebenfalls immer wieder stabilisierten. Das ist die Wetterlage, die Tramuntana hervorbringt, aber in diesem Fall war sie extrem. Es entstand eine Nord-Südströmung, die die sibirische Kälte in den Mittelmeerraum brachte.
Hoffen wir, dass diese Wetterlage nicht so schnell wieder eintritt. Denn die „übliche“ Tramuntana gehört zum Charakter, zum Klima des Alt Empordà. Sie prägt die Region. Die oft bizarren Felsen auf dem Cap de Creus haben ihre sonderbaren Formen nicht zuletzt durch Windeinfluss erhalten; die langen Reihen an Zypressen,  die Rohrgürtel, die oft die Felder gegen die Berge hin abgrenzen, dienen dem Schutz der Feldfrüchte vor der Tramuntana. Selbst auf die Architektur hat der Wind Einfluss: in alten Häusern, auch in Kirchen, findet man häufig keine Fenster an der Nordseite (der Wind könnte sie eindrücken!). Und wer hier ein Haus erwirbt, tut gut daran, darauf zu achten, dass Terrasse und Garten nach Süden gerichtet sind und das Haus nicht gerade der Tramuntana große Angriffs- und Glasflä- chen entgegenstellt.
Es wundert einen nicht, dass es auf manchen Kirchen im Empordà einen besonderen „Beschwörungsturm“ gibt – so in Torroella de Montgrí – von dem aus der Priester es mittels einer besonderen Liturgie unternahm, die Schaden stiftende Wirkung der Tramuntana abzuwenden. An der Basilika von Castelló d´Empúries gibt es an der vorderen Nordecke eine Skulptur, ein Gesicht, das gegen Norden blickt. Es soll wohl ebenfalls die böse Wirkung des Nordwindes abwehren.
Die Tramuntana hat aber nicht nur zerstörerische, sondern auch heilsame Folgen. Sie mäßigt z.B. das Klima. Die alten Leute hier sagen: „Die Tramuntana reinigt“. Damit ist nicht nur gemeint, dass der Wind  den allgegenwärtigen Müll von den Straßen fegt (er verteilt ihn ja nur an andere Orte), sondern auch, dass die Luft, die Atmosphäre, wieder frisch wird. In früheren Zeiten war das besonders wichtig. Überall im Empordà gab es Sümpfe und Wasserflächen - sie sind heute z. T. verschwunden – aus ihnen stiegen krankmachende Dünste und Insekten auf. Eine heftige Tramuntana reduzierte sie. So gab es von 1612 bis 1868 eine „Tramuntana-Prozession“, die von der Kapelle Sant Sebastià in Figueres zur Wallfahrtskapelle Santa Maria de Requesens führte. Die in einen Bauernhof verwandelte und heute verlassene romanische Kapelle liegt unterhalb der Burg, nach Süden hin. Zur „Mutter Gottes von Requesens“, die auch „Jungfrau des Erbarmens“ hieß, waren im Laufe der Jahrhunderte unzählige Gläubige aus Figueres, Castello und anderen Orten gezogen, um ihre Hilfe zu erflehen. Nicht zuletzt bat man sie um den „reinigenden“ Tramuntana-Wind.

Die Tramuntana hat das Leben, ja den Charakter der Menschen im Alt Empordà geprägt. Das hat auch vielfältigen Niederschlag in der Literatur und Kunst gefunden. Im Dalí-Museum in Figueres  gibt es im zweiten Stockwerk den zentralen Raum „Palau del vent“, dessen imposantes Deckengemälde das Empordà als „Palast des Windes“ darstellt – mit Bezug auf die Tramuntana (nach dem Dichter Joan Maragall). Man findet im Museum auch ein Bild Dalís das „Christ de la Tramuntana“ (1968) betitelt ist. Es ist von einem Poem seines Freundes, des Dichters Carles Fagès de Climent (1902-1968), inspiriert. Mit seiner „Oracio al Christ de la Tramuntana“ (Gebet an den Christus der Tramuntana) will ich enden:
„Bracos en creu, damunt la pia fusta/ Senyor,ampareu la closa, el sembrat/ Doneu el verd exacta al nostra prat i mesureu la tramuntana justa/ Que aixugui l´herba, i no ens expolsi el blat.“    
„Arme zum Kreuz gebreitet auf frommen Holz/ Herr, schütze die Weide, den Samen/ Gib das richtige Grün unserer Wiese/ In guter Weise messe die Tramuntana/ Dass sie aufrichte das Gras und nicht ausschüttle das Getreide.“
Ende der Serie


Freitag 25. August 2017 25.08.17 20:21

          

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