EMPURIABRAVA, 18.11.2017 - 07:22 Uhr

Szenen aus der Geschichte Kataloniens (2)

Fortsetzung  vom vorletzten Samstag
Von   Dr. Wolfram Janzen

KATALONIEN: Um das westliche Frankenreich, das spätere Frankreich, vor den Angriffen des Kalifats von Cordoba, zu schützen, hatten die Karolinger diesseits und jenseits der östlichen Pyrenäen eine Grenzzone, eine „Mark“, geschaffen, „Gothien“. Karl der Kahle hatte davon die „spanische Mark“, in und  jenseits der Pyrenäen, abgetrennt. Sie endete in unserem Bereich bereits kurz hinter Barcelona, am Llobregat.  Für die verschiedenen Gebiete setzten die Frankenkönige „Grafen“ ein, Verwalter, die das Land kolonisieren und verteidigen sollten. Sie waren vom westfränkischen König abhängig, mussten ihm Steuern entrichten und konnten von ihm abgesetzt werden, was auch oft erfolgte. Ihr Amt war nicht erblich. Meist wurden sie aus dem westgotischen Adel erwählt. Die Franken bedurften des einheimischen westgotischen Adels, der aber immer wieder gegen die fränkische Zentralmacht rebellierte. Aus eben diesem Grund hatte Karl der Kahle die Spanische Mark aus Gesamtgothien heraus- gelöst, um die Macht der westgotischen Markgrafen zu beschneiden. Das ergab kleinere und  von einander unabhängige Grafschaften.
Das später so genannte „Alte Katalonien“ ( Catalunya vella), die katalanischen Kernlande, umfasste die Grafschaften Girona, Empuries-Perelada-Rossello, Barcelona, Ausona (Vic), Urgell, Cerdanya-Conflent  und Besalu-Vallespir. Girona wurde 785, nicht von, aber unter Karl dem Großen erobert. Der Schlüsselort seit römischen Zeiten war Barcelona, das 801 von Ludwig dem Frommen den Muslimen entrissen wurde, aber noch unter späteren Attacken zu leiden hatte.
Die Spursuche nach Wilfried, dem Behaarten, kann man auch in Barcelona aufnehmen. Am Ende der Avenida Comtal, im Barrio Gotico,  findet man eine bemalte Kachel, die in katalanischer Sprache an den alten, im 19. Jahrhundert niedergerissenen Palast der Grafen von Barcelona erinnert, an den Grafen Guifre el Pelos, der hier Anfang des Jahres 870 gelebt hat und an die Ursprünge der katalanischen Nation…
Wilfred war ab 870 Markgraf von Urgell und Cerdanya, Nachfolger seines Vaters Sunifred, Sunifred I. war möglicherweise auch Graf von Barcelona, Urgell, Girona, Osona. Er wurde 849 von einem Nebenbuhler ermordet, der dann die Herrschaft über die Cerdanya usurpierte. Seine drei Söhne, unter ihnen Wilfred, waren noch Kinder. Der Vater Sunifreds war Bello, Graf von Carcasonne und „Gothien“. Ich berichte das, weil Bello der „Urahn“ der wichtigsten alten Adelsgeschlechter von Katalonien ist, der Grafen von Barcelona und der Grafen von Empuries.
Wilfred wurde dann von Ludwig, dem Stammler nach 877 zum Grafen von Barcelona und Girona eingesetzt. Schließlich vereinigte er alle Kerngrafschaften Kataloniens, außer Empuries, unter seiner Herrschaft. Sein Reich soll „von Narbonne bis Spanien“ gereicht haben, d. h. bis zum Gebiet der Mauren. Wilfried war mit einer Adligen namens Guinidilda verheiratet. Schon der Name verrät, dass auch sie eine waschechte Visigotin war, nicht wie die Sage will, eine flandrische Grafentochter. Das Paar hatte mindestens neun Kinder.
Es ist nicht verwunderlich, dass eine solche Figur wie Giufre von Sagen überwuchert wird. Grundzüge der Giufre-Legenden zeigt schon eine im 12. Jahrhundert in Ripoll enstandene Schrift: „Gesta Comitum Barcinonensium“, die Geschichte der Grafen von Barcelona. Demnach soll Wilfred seinen Vater durch fränkische Hand verloren haben. Ein Franke, dem der  Vater bei einer Rebellion gegen den König, das Schwert entwand, habe ihn seinerseits der Rebel- lion angeklagt. Vater und Sohn werden zum Königshof geführt. Unterwegs wird der sich Wehrende getötet. Der König schickt den Knaben an den Grafenhof nach Flandern, wo er ritterlich ausgebildet wird. Es wird auch von einer romantischen Liebesgeschichte zwischen Wilfred und der flandrischen Grafentochter berichtet. Die Gräfin nimmt ihm das Versprechen ab, die Tochter zu heiraten, wenn er sein Erbe angetreten hat. Guifredo – so heißt er hier - kehrt im Pilgergewand nach Barcelona zurück. Seine Mutter Ermessinde erkennt ihn an der ungewöhnlichen Körperbehaarung. Die Magnaten und Barone der Grafschaft rufen ihn zum neuen Grafen aus. Man beschließt, dass er den  Grafen Salomo, der sich der Grafenwürde bemächtigt hatte und wohl hinter dem Mord am Vater steckte, mit eigenen Händen töten soll. Dies geschieht und Guifredo kann seine flandrische Geliebte heiraten.
Raue Sitten in den damaligen Zeiten! Die Sage hat sicher historische Anhaltspunkte. Es bleibt aber so manches in der frühmittelalterlichen Geschichte im legendenhaften Nebel.
Fortsetzung Samstag



Mittwoch 23. August 2017 23.08.17 18:26

          

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