EMPURIABRAVA, 24.11.2017 - 00:59 Uhr

Szenen aus der Geschichte Kataloniens (1)

Von Dr. Wolfram Janzen
In lockerer Folge wollen wir wichtige oder bemerkenswerte, manchmal auch skurrile Episoden aus der Geschichte unseres Gastlandes bringen, von den Anfängen bis zur jüngsten Vergangenheit. Dies erhebt keinen Anspruch auf eine vollständige Darstellung der Geschichte Kataloniens, könnte aber doch zum Verständnis mancher Besonderheiten dieser Region beitragen.

Die Ursprünge Kataloniens – Graf Guifre el Pilos
Das Kloster Ripoll ist eines der nationalen Heiligtümer Kataloniens. Im linken vorderen Teil der Kirche ist in einer Wandaussparung ein einfacher, aber monumentaler Sarkophag angebracht, Darunter die katalanische Flagge. Es ist der Sarkophag des Grafen Guifre el Pilos (gestorben 897). Guifre – so der katalanische Name - war kein Romane, sondern germanischer, gotischer Abstammung und sein dementsprechender Name lautet: Wifred (Wilfried). Im Gegensatz zu seinem Lehnsherrn Karl der Kahle, dem westfränkischen König und Enkel Karls des Großen, muss er stark behaart gewesen sein. Daher sein Beiname „el Pilos“ (lateinisch: pilosus), „der Behaarte“. Wir dürfen vermuten, dass sich mit dem Beinamen auch ein Gegensatz zu dem fränkischen Oberherrn ausdrückt! Seine Grafenkrone, ein einfaches mit Edelsteinen besetztes Metallband, ist  in der Kirche des Schwesterkloster von Ripoll, in Sant Joan de las Abadesses, zu bewundern.

Guifre gilt der Legende nach, aber auch nach Meinung vieler Katalanen samt Geschichtsschreibern, als heroische Figur, der die katalanische Nation im Kampf gegen Sarazenen , Normannen und Franken begründete und befreite, von dem die nationale Dynastie, das Grafenhaus von Barcelona, ausging und von dessen Blut die katalanische Flagge herrührt.

Doch zu seiner Zeit gab es weder Katalonien noch  eine katalanische „Nation“. Die Bezeichnung „Katalane“, „Katalonien“ ( catalanenses, Catalania) taucht erst 1114 auf, und zwar in einem lateinischen dichterischen Text aus Pisa, der die (zeitweilige) Eroberung Mallocas und Ibizas durch die Flotte des  Grafen Ramon Berenguer III. (zusammen mit pisanischen Schiffen) besingt. Katalanisch, als eigene Sprache, tritt um 1200, in den Predigtexten der „ Homilies d´Organya“ in Erscheinung.

Überhaupt ist Katalonien schwer zu definieren. Es gab nie ein fest umrissenes, beständiges und einheitliches Territorium Katalonien, weder geographisch, noch historisch. Die heutige Comunitat Autonoma de Catalunya, die autonome Region Katalonien im spanischen Staat, umfasst nur einen Teil der (fiktiven)  „Paisos Catalans“, der Gebiete, die zum ehemaligen „Principat de Catalunya“, dem katalanischen Teil des Staatenverbandes der Grafenkönige von Barcelona-Aragon, gehörten, dies teilweise auch nur zeitweilig oder über Nebenlinien. Trotzdem gibt es unter den sich katalanisch verstehenden Bewohnern des ehemaligen Prinzipats Katalonien das Bewusstsein einer durch Sprache, Geschichte und Kultur begründeten Zusammengehörigkeit, ja das Gefühl, einer „Nation“ (wenn auch ohne eigenständigen Staat) anzugehören.

Zur Zeit Wilfried des Haarigen war die iberische Halbinsel noch zum größten Teil in der Hand der Mauren. Daneben gab es am Rande verschiedene kleine christliche Königreiche, Nachfolgerstaaten des visigotischen Reiches, das vor dem Einfall der Araber (ab 711) Spanien umfasst hatte. Visigotische Adlige hatten sich in die weniger zugänglichen Randgebiete und Gebirge zurückgezogen, wo sie eigene Herrschaftsbereiche bildeten und den Kampf gegen die Araber eröffneten ( „Reconquista“). Wegen der Präsenz der Goten wird die Bezeichnung „Katalonien“ auch – nach einer Theorie – von „Gotalanien“, Land der Goten (und Alanen), hergeleitet. Hier lagen die Verhältnisse allerdings anders als in den anderen christlichen Restgebieten der iberischen Halbinsel. Das hängt damit zusammen, dass die Franken nach Spanien übergriffen.

Um das westliche Frankenreich, das spätere Frankreich, vor den Angriffen des Kalifats von Cordoba, zu schützen, hatten die Karolinger diesseits und jenseits der östlichen Pyrenäen eine Grenzzone, eine „Mark“, geschaffen, „Gothien“. Karl der Kahle hatte davon die „spanische Mark“, in und  jenseits der Pyrenäen, abgetrennt. Sie endete in unserem Bereich bereits kurz hinter Barcelona, am Llobregat.  Für die verschiedenen Gebiete setzten die Frankenkönige „Grafen“ ein, Verwalter, die das Land kolonisieren und verteidigen sollten. Sie waren vom westfränkischen König abhängig, mussten ihm Steuern entrichten und konnten von ihm abgesetzt werden, was auch oft erfolgte. Ihr Amt war nicht erblich. Meist wurden sie aus dem westgotischen Adel erwählt. Die Franken bedurften des einheimischen westgotischen Adels, der aber immer wieder gegen die fränkische Zentralmacht rebellierte. Aus eben diesem Grund hatte Karl der Kahle die Spanische Mark aus Gesamtgothien herausgelöst, um die Macht der westgotischen Markgrafen zu beschneiden. Das ergab kleinere und  von einander unabhängige Grafschaften.

Das später so genannte „Alte Katalonien“ (Catalunya vella), die katalanischen Kernlande, umfasste die Grafschaften Girona, Empuries-Perelada-Rossello, Barcelona, Ausona (Vic), Urgell, Cerdanya-Conflent  und Besalu-Vallespir. Girona wurde 785, nicht von, aber unter Karl dem Großen erobert. Der Schlüsselort seit römischen Zeiten war Barcelona, das 801 von Ludwig dem Frommen den Muslimen entrissen wurde, aber noch unter späteren Attacken zu leiden hatte.
Die Spursuche nach Wilfried, dem Behaarten, kann man auch in Barcelona aufnehmen. Am Ende der Avenida Comtal, im Barrio Gotico,  findet man eine bemalte Kachel, die in katalanischer Sprache an den alten, im 19. Jahrhundert niedergerissenen Palast der Grafen von Barcelona erinnert, an den Grafen Guifre el Pelos, der hier Anfang des Jahres 870 gelebt hat und an die Ursprünge der katalanischen Nation…

Wilfred war ab 870 Markgraf von Urgell und Cerdanya, Nachfolger seines Vaters Sunifred, Sunifred I. war möglicherweise auch Graf von Barcelona, Urgell, Girona, Osona. Er wurde 849 von einem Nebenbuhler ermordet, der dann die Herrschaft über die Cerdanya usurpierte. Seine drei Söhne, unter ihnen Wilfred, waren noch Kinder. Der Vater Sunifreds war Bello, Graf von Carcasonne und „Gothien“. Ich berichte das, weil Bello der „Urahn“ der wichtigsten alten Adelsgeschlechter von Katalonien ist, der Grafen von Barcelona und der Grafen von Empuries.

Wilfred wurde dann von Ludwig, dem Stammler nach 877 zum Grafen von Barcelona und Girona eingesetzt. Schließlich vereinigte er alle Kerngrafschaften Kataloniens, außer Empuries, unter seiner Herrschaft. Sein Reich soll „von Narbonne bis Spanien“ gereicht haben, d. h. bis zum Gebiet der Mauren. Wilfried war mit einer Adligen namens Guinidilda verheiratet. Schon der Name verrät, dass auch sie eine waschechte Visigotin war, nicht wie die Sage will, eine flandrische Grafentochter. Das Paar hatte mindestens neun Kinder.

Es ist nicht verwunderlich, dass eine solche Figur wie Giufre von Sagen überwuchert wird. Grundzüge der Giufre-Legenden zeigt schon eine im 12. Jahrhundert in Ripoll enstandene Schrift: „Gesta Comitum Barcinonensium“, die Geschichte der Grafen von Barcelona. Demnach soll Wilfred seinen Vater durch fränkische Hand verloren haben. Ein Franke, dem der  Vater bei einer Rebellion gegen den König, das Schwert entwand, habe ihn seinerseits der Rebellion angeklagt. Vater und Sohn werden zum Königshof geführt. Unterwegs wird der sich Wehrende getötet. Der König schickt den Knaben an den Grafenhof nach Flandern, wo er ritterlich ausgebildet wird. Es wird auch von einer romantischen Liebesgeschichte zwischen Wilfred und der flandrischen Grafentochter berichtet. Die Gräfin nimmt ihm das Versprechen ab, die Tochter zu heiraten, wenn er sein Erbe angetreten hat. Guifredo – so heißt er hier - kehrt im Pilgergewand nach Barcelona zurück. Seine Mutter Ermessinde erkennt ihn an der ungewöhnlichen Körperbehaarung. Die Magnaten und Barone der Grafschaft rufen ihn zum neuen Grafen aus. Man beschließt, dass er den  Grafen Salomo, der sich der Grafenwürde bemächtigt hatte und wohl hinter dem Mord am Vater steckte, mit eigenen Händen töten soll. Dies geschieht und Guifredo kann seine flandrische Geliebte heiraten.
Rauhe Sitten in den damaligen Zeiten! Die Sage hat sicher historische Anhaltspunkte. Es bleibt aber so manches in der frühmittelalterlichen Geschichte im legendenhaften Nebel.

Fortsetzung am Samstag

Montag 14. August 2017 14.08.17 19:07

          

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